Grünes Wachstum ist eine Illusion

Sozialismus Der Kapitalismus, den wir kennen, ist nicht mit dem Überleben des Planeten vereinbar. Es ist höchste Zeit, dass wir ein neues Wirtschaftssystem designen
Grünes Wachstum ist eine Illusion
This is not fine

Foto: David McNew/Getty Images

Den größten Teil meines Erwachsenendaseins habe ich gegen den „Kapitalismus der Konzerne“, den „Konsumkapitalismus“ und die „kapitalistische Vetternwirtschaft“ gewettert. Ich habe lange gebraucht, bis mir klar wurde, dass nicht das Adjektiv das Problem darstellt, sondern das Nomen. Während andere den Kapitalismus gern und schnell abgelehnt haben, ging dies bei mir äußerst langsam und widerwillig vonstatten. Zum Teil lag das daran, dass ich keine klare Alternative erkennen konnte. Anders als manche Antikapitalisten konnte ich mich nie für den Staatskommunismus begeistern, mich hemmte sein quasi-religiöser Charakter. Im 21. Jahrhundert zu sagen „Der Kapitalismus versagt“ ist wie im 19. Jahrhundert zu sagen „Gott ist tot“. Das ist säkulare Blasphemie und erfordert ein Maß an Selbstvertrauen, das ich nicht hatte.

Doch mit zunehmendem Alter habe ich zwei Dinge erkannt. Erstens, dass es das System selbst ist und eben nicht nur eine bestimmte Ausprägung des Systems, das uns unaufhaltsam in eine Katastrophe taumeln lässt. Zweitens, dass man keine definitive Alternative parat haben muss, um sagen zu können, dass der Kapitalismus scheitert. Die Aussage steht für sich.

Das Scheitern des Kapitalismus erwächst aus zwei seiner bestimmenden Elemente. Das erste besteht in permanentem Wachstum. Wirtschaftswachstum ergibt sich zwangsweise aus dem Streben nach Kapitalakkumulation und Extraprofit. Ohne Wachstum bricht der Kapitalismus zusammen, auf einem endlichen Planeten führt permanentes Wachstum aber zwangsläufig in die ökologische Katastrophe.

Wir können nicht unendlich weiter wachsen

Diejenigen, die den Kapitalismus verteidigen, argumentieren, das Wirtschaftswachstum könne von der Verwendung materieller Ressourcen entkoppelt werden, weil der Konsum sich immer weiter von Waren auf Dienstleistungen verlagere. Erst vor kurzem hat ein Paper von Jason Hickel und Giorgos Kallis im Journal New Political Economy diese Annahme untersucht. Es kam zu dem Ergebnis, dass während im 20. Jahrhundert eine gewisse Entkoppelung stattgefunden hat – der Verbrauch materieller Ressourcen stieg an, aber nicht mit derselben Geschwindigkeit wie die Wirtschaft wuchs –, habe es im 21. Jahrhundert eine Wiederankopplung gegeben. Ein steigender Ressourcenverbrauch entspricht bislang dem Niveau des Wirtschaftswachstums oder übersteigt dieses sogar. Die absolute Entkoppelung, die notwendig wäre, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern – also eine Reduzierung des Verbrauchs materieller Ressourcen –, ist nie erreicht worden und erscheint auch unmöglich, solange die Wirtschaft weiter wächst. Grünes Wachstum ist eine Illusion.

Ein System, das auf permanentem Wachstum basiert, kann nicht ohne Peripherie und ohne ein Außen funktionieren. Es muss immer einen Bereich geben, der ausgebeutet wird – aus dem Ressourcen entnommen werden, ohne vollumfänglich dafür zu bezahlen – sowie einen Bereich, in dem die Kosten in Gestalt von Müll und Verschmutzung entsorgt werden. Da das Ausmaß an wirtschaftlicher Aktivität so lange zunimmt, bis der Kapitalismus alles durchdringt, von der Atmosphäre bis zum Meeresgrund, wird der gesamte Planet zu dem Bereich, der geopfert wird – und wir alle bewohnen die Peripherie der profitmachenden Maschine.

Das treibt uns in einem derartigen Ausmaß der Katastrophe entgegen, dass die meisten Menschen es sich überhaupt gar nicht vorstellen können. Uns droht ein wesentlich größerer Zusammenbruch unseres lebenserhaltenden Systems als Kriege, Hungersnöte, Seuchen oder Wirtschaftskrisen allein ihn je verursachen könnten – selbst wenn er wahrscheinlich alle diese vier Plagen mit beinhaltet. Gesellschaften können sich von solch apokalyptischen Ereignissen wieder erholen, nicht aber vom Verlust von Lebensraum, einer artenreichen Biosphäre und einem lebensfreundlichen Klima.

Kann man zwischen gutem und schlechtem Kapitalismus unterscheiden?

Das zweite bestimmende Element ist die bizarre Annahme, jemand habe ein Anrecht auf einen so großen Teil des natürlichen Reichtums der Erde, wie er sich mit seinem Geld kaufen kann. Diese Aneignung gemeinschaftlichen Besitzes verursacht drei weitere Verwerfungen. Erstens, das Gerangel um die Kontrolle nicht-reproduzierbarer Güter, das entweder zu Gewalt oder zu Beschneidungen der Rechte anderer führt. Zweitens, die Verelendung anderer durch eine Wirtschaft, die auf Plünderung und Raubbau in der Gegenwart und Zukunft beruht. Drittens die Übersetzung wirtschaftlicher in politische Macht, da die Kontrolle über wichtige Ressourcen zur Kontrolle über die gesellschaftlichen Beziehungen führt, die sie umgeben.

In der New York Times versuchte der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz zwischen gutem Kapitalismus, den er „wealth creation“ und schlechtem Kapitalismus, den er „wealth grabbing“ (etwa die Erzielung von Mieten) nannte, zu unterscheiden. Ich verstehe diese Unterscheidung. Doch aus ökologischer Perspektive ist „wealth creation“ gleichbedeutend mit „wealth grabbing“. Wirtschaftswachstum, das seinem Wesen nach mit dem immer größeren Verbrauch materieller Ressourcen verbunden ist, bedeutet, sowohl den lebenden Systemen als auch zukünftigen Generationen den natürlichen Reichtum wegzunehmen.

Wer auf solche Probleme hinweist, muss sich auf ein Sperrfeuer aus Anschuldigen gefasst machen, von denen viele auf folgender Voraussetzung basieren: Der Kapitalismus hat mehrere Hundertmillionen Menschen aus der Armut befreit – jetzt wollt ihr sie wieder in die Armut zurückstoßen. Es stimmt, dass der Kapitalismus und das wirtschaftliche Wachstum, das er vorantreibt, die wirtschaftliche Situation einer großen Zahl von Menschen verbessert hat, während er gleichzeitig den Wohlstand und das Wohlergehen vieler anderer zerstörte. Nämlich derjenigen, denen Land, Arbeit und Ressourcen genommen wurden, um anderswo Wachstum zu befördern. Ein Großteil des Wohlstands reicher Nationen gründet sich auf Sklaverei und koloniale Enteignung.

Es gibt kein Zurück

Wie die Kohle so hat auch der Kapitalismus viele Annehmlichkeiten mit sich gebracht. Doch wie die Kohle verursacht er heute mehr Schaden als Nutzen. So wie wir Mittel gefunden haben, um nutzbare Energie zu generieren, die besser und weniger schädlich ist als Kohle, müssen wir Mittel finden, menschlichen Wohlstand zu schaffen, die besser und weniger schädlich sind als der Kapitalismus.

Es gibt kein Zurück. Die Alternative zum Kapitalismus sind weder Feudalismus noch Staatskommunismus. Der Sowjetkommunismus hatte mehr mit dem Kapitalismus gemeinsam, als die Vertreter beider Systeme zugeben würden. Beide Systeme sind (oder waren) besessen davon, Wirtschaftswachstum zu generieren. Beide sind bereit, erstaunliches Leid zu verursachen, um dieses und andere Ziele zu erreichen. Beide haben eine Zukunft versprochen, in der wir nur ein paar Stunden die Woche arbeiten müssen, verlangen stattdessen aber endlose, brutale Buckelei. Beide sind entmenschlichend. Beide sind absolutistisch und beharren darauf, dass die ihre – und wirklich nur die ihre – die einzig wahre Religion sei.

Wie also könnte ein besseres System aussehen? Ich habe keine komplette Antwort auf diese Frage. Und ich glaube auch nicht, dass irgendjemand sie hat. Doch ich sehe, wie ein grober Rahmen entsteht. Einen Teil davon stellt die ökologische Zivilisation bereit, die Jeremy Lent vorschlägt, einer der größten Denker unserer Zeit. Andere Elemente stammen aus Kate Raworths Doughnut Economics sowie dem umweltpolitischen Denken von Naomi Klein, Amitav Ghosh, Angaangaq Angakkorsuaq, Raj Patel und Bill McKibben. Ein Teil der Antwort liegt in der in der Vorstellung von „privater Angemessenheit und öffentlichem Luxus“. Ein anderer Teil erwächst aus der Schaffung eines neuen Konzepts von Gerechtigkeit auf Grundlage des einfachen Prinzips, dass jede Generation überall dasselbe Recht auf Genuss des natürlichen Reichtums haben sollte.

Wir haben die Wahl

Ich glaube, unsere Aufgabe besteht darin, die besten Vorschläge von vielen verschiedenen Denkerinnen und Denkern zu identifizieren und das Ganze dann zu einer zusammenhängenden Alternative zu formen. Denn kein Wirtschaftssystem ist nur ein Wirtschaftssystem. Es dringt in alle Aspekte unseres Lebens ein. Wir brauchen viele Köpfe aus verschiedenen Disziplinen – Wirtschaft, Politik, Kultur, Gesellschaft und Logistik –, die zusammenarbeiten, um eine bessere Organisation der Gesellschaft zu erdenken, die unsere Bedürfnisse befriedigt – ohne unseren Lebensraum zu zerstören!

Am Ende läuft die Wahl, die wir haben, auf Folgdendes hinaus: Beenden wir das Leben, damit der Kapitalismus weiter fortbestehen kann – oder beenden wir den Kapitalismus, um weiter leben zu können?

George Monbiot ist ein britischer Journalist, Autor, Universitätsdozent, Umweltschützer und Aktivist

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 07.05.2019
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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