Grüner, nachhaltiger … teurer?

Olympia 2012 London will die ökologisch und sozial nachhaltigsten olympischen Spiele aller Zeiten austragen. Doch das hatte schon Vancouver 2010 vor. Die Realität sah anders aus

In knapp sieben Monaten wird London die Olympischen Sommerspiele 2012 ausrichten. Für viele sind diese ein großartiges und durchweg positives Sportereignis, bei dem sich die weltbesten Athleten unter dem Scheinwerferlicht des internationalen Medieninteresses miteinander messen. Für andere handelt es sich hingegen um ein hyper-kommerzialisiertes Schauspiel, das den Chauvinismus befeuert und das Geld der Steuerzahler verschlingt.

Geblendet von dem Glammer des Betriebs, neigen wir dazu, uns auf die nächsten Spiele zu stürzen, ohne uns in Erinnerung zu rufen, wie denn die letzten abgelaufen sind. Die Briten täten aber gut daran, die Bilanz der Olympischen Spiele und die Kluft im Hinterkopf zu behalten, die sich für gewöhnlich zwischen Versprechen im Vorfeld und der Realität auftut. Ein Rückblick auf die Winterspiele, die 2010 in Vancouver stattfanden, ist dafür äußerst geeignet.

Das Organisationskomitee von Vancouver (Vanoc) hatte den Mund in Bezug auf die Nachhaltigkeit der Spiele und ihren potenziellen Nutzen für die Kanadier im Allgemeinen und Kanadas Ureinwohner im Besonderen sehr voll genommen.

Nachhaltigkeit der Kapitalakkumulation

Wenn einflussreiche Leute den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Mund nehmen, ist eine gesunde Skepsis angebracht, ob sie damit nicht nur die „Nachhaltigkeit“ der Kapitalakkumulation meinen, sondern wirklich den „Erhalt“ der Umwelt. In den 1990ern sprang das Olympische Komitee unter dem Eindruck eines wachsenden Umweltbewusstseins auf den grünen Zug auf und integrierte ökologische Bedenken in sein Portifolio. Ende der Neunziger erblickte dann die "Agenda 21" das Licht der Welt und die großkopferten Olympia-Funktionäre erklärten, die Spiele sollten „einen effektiven Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung“ darstellen. Selbst IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch ließ sich von dem Fieber anstecken und schrieb in seinem Editorial in der Olympic Review, er wolle „die Olympischen Spiele in den Dienst des Ringens um Exzellenz, Solidarität und den Respekt vor der Umwelt“ stellen.

Als 2010 dann die Spiele in Vancouver vor der Tür standen, war die „Nachhaltigkeit“ neben Sport und Kultur als dritte Säule der Olympischen Spiele rhetorisch fest verankert. Förderer nannten Vancouver die „grünsten Spiele aller Zeiten“. Einem Bericht des Zentrums für Sport und Nachhaltigkeit an der University of British Columbia zufolge stiegen die Treibhausgasemissionen während der Vorbereitungen zu den Spielen in Vancouver allerdings beständig an und erreichten während der Austragung selbst das Achtfache des üblichen Wertes. Zu großen Teilen ist dies natürlich der Tatsache geschuldet, dass all die Athleten und Zuschauer zu den Spielen an- und wieder abreisen müssen.

Über die Hälfte der Energie, die für die Spiele benötigt wurde, stammte aus fossilen Brennstoffen, die für den Klimawandel verantwortlich sind. Hinzu kommt, dass während der Spiele zehnmal so viel Hausmüll anfiel als vor Beginn der Vorbereitungen. Diese vernichtenden Zahlen stammen weitgehend von Vanoc selbst, nicht etwa von einer unabhängigen Quelle.

Leere Hülle, glänzende Verpackung

In der ursprünglichen Bewerbung Londons hieß es, Nachhaltigkeit sei ein „integraler Bestandteil ... der Vision“, die London 2012 für die Spiele habe. Unter dem Motto "Towards a One Planet Olympics" sollen CO2-Emissionen und Müll reduziert, die Artenvielfalt bewahrt und das Umweltbewusstsein gefördert werden. Die Wissenschaftler Graeme Hayes und John Horne haben die Glaubwürdigkeit dieser Behauptungen unter die Lupe genommen und vor kurzem die Einschätzung geäußert, dass „London 2012 lediglich eine leere Hülle in Sachen nachhaltiger Entwicklung“ sei. Noch haben die Organisatoren zwar Zeit, ihre Kritiker Lügen zu strafen, mit einer glänzenden rhetorischen Verpackung ist es dabei aber nicht getan. London hat dabei den Vorteil über eine relativ starke umweltpolitische Kultur und eine Bereitschaft zu verfügen, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen.

Die Agenda 21 befasst sich auch mit Fragen sozialer Nachhaltigkeit oder wie traditionell marginalisierte Gruppen tatsächlich von den Spielen profitieren könnten. Auf der Suche nach einem anschaulichen Beispiel braucht man sich nur die Four Host First Nations anzusehen – eine gemeinnützige Organisation, die gegründet worden war, um die Integration der kanadischen Ureinwohner unter allen Aspekten der Spiele zu ermöglichen. Für ihre Mithilfe und ihren Beitrag zur Ausrichtung eines überragendes Festes wurde den Aborignines versprochen, sie würden von diesen Spielen der Großunternehmen profitieren.

Haben sie? Aus dem oben bereits erwähnten Bericht der University of British Columbia geht hervor, dass die Zahl der Aborigines, die einen Job bei Vanoc hatten, rapide zurückging, je näher die Spiele tatsächlich rückten: Waren es 2008/9 noch 11 bis 13 Prozent, so blieben kurz vor und während der Spiele gerade einmal noch ein bis drei Prozent übrig. Die Autoren des Berichts nennen keine Gründe für diesen Rückgang und geben auch keine weiteren messbaren Indikatoren für die Vorteile an, die den Ureinwohnern aus den Spielen erwachsen sein könnten.

Kosten werden kleingeredet

Londoner, die sich aufgrund der natürlich auch hier gemachten Versprechungen von den Spielen einen persönlichen Vorteil erhoffen, sollten also gewarnt sein: Im Vorfeld der Spiele von Vancouver wurden die Ureinwohner als einer der Hauptnutznießer dargestellt. Wie wichtig ihre Beteiligung war, lässt an dem ermessen, was der Vorsitzende des Vanoc-Ausschusses, Jack Poole, vor den Spielen dazu gesagt hat: „Wenn die Four Host First Nations unsere Bewerbung nicht mit voller Kraft unterstützt hätten, würden wir heute wahrscheinlich gar nicht über Vancouver 2010 sprechen.“

Es ist klar, dass Bekenntnisse zu „sozialer Verantwortung“ sich immer gut verkaufen. Da die kanadischen Ureinwohner in Bezug auf nahezu jeden sozialen Indikator schlechter gestellt sind als andere Kanadier, kann man leicht verstehen, dass sich viele von den Versprechungen eines olympischen Geldsegens angezogen fühlten. Doch das zweieinhalbwöchige Sportevent bediente sich ihrer, um sich selbst nicht grün, sondern „sozial“ zu waschen, und drängte die bereits Marginalisierten in Wahrheit noch weiter an den Rand.

Damit ist noch gar nichts über die wirtschaftlichen Aspekte gesagt. Im Vorfeld besteht der wichtigste Sport darin, die Kosten für die Veranstaltung so klein zu reden wie irgend möglich. Nehmen Sie nur den geringen Anteil, der für die Sicherheit veranschlagt wird. In Vancouver war man im Vorfeld davon ausgegangenen, die Kosten für die Polizei würden nicht mehr als 175 Millionen Dollar betragen. Als es dann soweit war, war die Summe auf über eine Milliarde angewachsen.

Das gleiche ist in London zu beobachten, wo ursprüngliche Schätzungen von 282 Millionen Pfund Sterling ausgegangen waren. Nun haben die Organisatoren jüngst erklärt, dass diese Zahl sich bereits annähernd verdoppelt habe und mittlerweile bei 553 Millionen Pfund angelangt sei. Das National Audit Office bemerkte dazu mit gewohntem Understatement, „die Wahrscheinlichkeit, dass die Spiele nach wie vor im Rahmen des Public Sector Funding Package finanziert werden können“, sei „äußerst ausgewogen“. Es gebe noch einen „minimalen Spielraum für eine Erhöhung der Kosten“. Aus dem Bürokratischen übersetzt heißt dies nichts anderes als: „Briten, legt die Portmonnaies bereit!“

Wem sowohl die Spiele als auch die soziale Gerechtigkeit am Herzen liegen, der sollte die Vergangenheit nicht aus dem Auge lassen und genau darauf achten, ob das IOC seiner edel gesinnten Rhetorik auch wirklich gerecht wird.

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16:05 05.01.2012
Geschrieben von

Jules Boykoff, Janice Forsyth | The Guardian

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The Guardian

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