Gut 2.500 Alphamänner

Weltwirtschaftsforum Die Bereitschaft, über einen tiefen Wandel des Kapitalismus nachzudenken, wird es in Davos kaum geben. Das gibt die Besetzung dieser Eliten-Messe einfach nicht her
Gut 2.500 Alphamänner
Auch 2013 sorgen Sicherheitsvorkehrungen dafür, dass die Honoratioren unter sich bleiben
Foto: Johannes Eisele / AFP - Getty Images

Die Teilnehmer kommen aus über hundert Ländern, etwa 2.500  werden es sein, um in Davos vier Tage lang über die „widerstandsfähige Dynamik“ der Wirtschaft zu diskutieren. Die hat die Welt ihrer Meinung nach dringend nötig. "Resilient  Dynamism" – so lautet nicht nur das diesjährige Motto des Treffens der Wichtigtuer beim Weltwirtschaftsforum. Angeblich bezeichnet dieses Schlagwort auch den Ausweg aus der Krise. Dabei ist es völlig bedeutungslos.

Wer würde sich schon für eine nicht "widerstandsfähige Stagnation" einsetzen? Der westliche, wenn nicht gar der globale Kapitalismus überhaupt, scheint in einer Sackgasse angekommen. Wenn aber die beste Antwort, die man auf Austerität und Wirtschaftskrise zu bieten hat, „widerstandsfähige Dynamik“ lautet, sollten die Delegierten lieber zuhause bleiben. Genauso gut könnte man die Leute aufrufen, männlich, fraulich und entschlossen zu sein. Das sind tugendhafte Bewusstseinszustände. Als Aktionspläne eignen sie sich aber kaum.

Zunehmend deindustrialisiert

Ohnehin ist die wirtschaftliche Malaise für die meisten der Geschäftsleute in Davos bloß Abstraktion. Die Anteile der Profite am Bruttoinlandsprodukt beinahe aller westlicher Länder haben, ebenso wie die Führungsgehälter, Rekordhöhen erreicht. Für das Gros der Bevölkerung stagnieren die Löhne derweil oder sinken. Die Wirtschaftsführer in Davos rechtfertigen das als folgerichtige, wenn auch bedauerliche Konsequenzen „struktureller Anpassungen“. Den Männern und Frauen in Davos freilich geht es prächtig. Für sie gibt es keine „Strukturanpassungen“.

 Zweifellos wird es die üblichen Aufrufe zu mehr Freihandel, mehr wissenschaftliche Forschung und mehr Investitionen geben, während die teuer gekleideten Firmenbosse von einem Seminar zur nächsten klangvollen Keynote-Ansprache und von dort zur Rezeption und wieder zurück in den Speisesaal ziehen. Die Bereitschaft, einem grundlegenden Wandel der Organisierung des Kapitalismus gutzuheißen, wird es Davos gewiss nicht geben. Der Kapitalismus wird weiterhin Unsummen an die oberen Gesellschaftsschichten übertragen, ohne sich dabei großen Risiken auszusetzen, während er anderen Kummer bringt.

Paradoxerweise befindet der Kapitalismus sich vor allem deshalb in der Krise, weil er seine eigene Dynamik und sein eigenes Innovationsvermögen untergraben hat. Vielmehr bietet er nur noch denjenigen an den Spitzen die Möglichkeit zur immensen und ungerechtfertigten Selbstbereicherung.  Die verheerenden Auswirkungen der Ungleichheit gehen darüber jedoch hinaus. In einem IWF-Arbeitspapier mit dem nicht sehr eingängigem Titel Einkommensungleichheit und Leistungsbilanzungleichgewichte las ich kürzlich zu meinem Erstaunen, dass man die gesamte Verschlechterung des britischen Leistungsbilanzdefizits zwischen den frühen siebziger Jahren und 2007 mit dem Anstieg der Ungleichheit in Großbritannien erklären könne. In den übrigen industrialisierten – oder besser gesagt zunehmend deindustrialisierten – Ländern des Westens sieht es ähnlich aus, wenn auch nicht immer ganz so drastisch.

Reallöhne gedrückt

Die IWF-Analysten zeigen, dass eine ungute Dynamik in Gang gesetzt wird, wenn der Anteil der Profite und Spitzengehälter am Volkseinkommen auf das gegenwärtige Niveau steigt. Definitionsgemäß bleibt ein immer kleineres Stück vom Kuchen für die Masse der Lohnempfänger übrig. Deren Reallöhne werden gedrückt. Um ihren Lebensstandard aufrecht erhalten zu können, nehmen sie Kredite auf. Das war in den zurückliegenden 40 Jahren selten so einfach wie heute, wo die Banken Vorteil aus der finanziellen Deregulierung schlagen. Die Gesamtnachfrage steigt somit weiterhin. Der Preis dafür ist freilich, dass ein Importsog entsteht, und das private Schuldenniveau der durchschnittlichen Lohnempfänger steigt.

Irgendwann ist die Musik dann aus – so wie jetzt, wo sowohl das Schulden- als auch das Importniveau unhaltbar geworden ist. Der Zustand Großbritanniens – irrsinnig hohe Schulden im Privatsektor und ein Handelsdefizit in Rekordhöhe – können also durch den Anstieg der Ungleichheit erklärt werden. Für die wiederum sei einer der Hauptgründe – so der IWF – die schwindende Verhandlungsmacht der Gewerkschaften!

Die Geschichte hat noch einen weiteren Dreh. Eine von schwachen Gewerkschaften und deregulierten Arbeitsmärkten befeuerte Ungleichheit wirkt sich negativ auf Investitionen und Innovationen aus. Führungsteams müssen nicht dynamisch investieren und für Innovationen sorgen, um große Vergütungen für sich selbst zu erzielen. Sie drücken die Reallöhne der Arbeiterschaft, um die Profite in die Höhe zu treiben. So wird es inzwischen gehandhabt, um schnell und einfach für augenscheinlich bessere Leistungen und somit höhere Vergütungen für sich selbst zu sorgen. Auch wenn investiert wird und Innovationen auf den Markt kommen, sind die Grenzen der Produktionssteigerung oft schnell erreicht. Es gibt immer weniger Konsumenten mit steigenden Reallöhnen, die die neuen Produkt kaufen. Ungleichheit ist ein Rezept für Stagnation. Wenn man in Davos „widerstandsfähige Dynamik“ wünscht, sollten die Delegierten erörtern, wie wie man den Anteil der Profite am Bruttoinlandsprodukt senkt und im Gegenzug die Realeinkommen der großen Masse der Arbeitnehmer erhöht.

 Man kann indes mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass dies nicht auf der Agenda stehen wird. Denn was damit impliziert wird – bessere Lohnverhandlungen, neue Arrangements zur Aufteilung der Profite auf die gesamte Arbeitnehmerschaft, klügere Arbeitsmarktregularien und Führungsgehälter, die an langfristige Innovationen gekoppelt sind, statt an jährliche Profitschübe – stellt die Antithese zu allem dar, woran man Davos glaubt und was internationaler Konsens ist.

Intellektuell bankrott

Doch die Realität wird sich durchsetzen. Selbst in Davos weiß inzwischen jeder, dass es kein Zurück zu einer vom Überfluss der billigen Kredite abhängigen Welt vor 2008 geben kann. Gleichsam müssen wir aus der Rezession hinauswachsen. Dafür ist mehr nötig, als stetige Defizitfinanzierung, ultra-billiges Geld oder eine endlose Austerität. Die Antwort liegt in der ökonomischen Ermächtigung der gewöhnlichen Männer und Frauen.

Für die Gewerkschaften stellt sich hier die wunderbare Möglichkeit, ihre Rolle in den westlichen Gesellschaften neu zu denken. Es muss ein Weg gefunden werden, die Arbeiterschaft im Verhältnis zum Kapital mächtiger zu machen. Das scheint eine unmögliche Aufgabe zu sein. Bei Lohnverhandlungen brauchen wir Verhandlungsführer, die über mehr Schlagkraft verfügen, gleichzeitig aber rational handeln – die mehr verlangen, wenn wirklich mehr da ist und Vereinbarungen finden und nachgeben, wenn die Firmen, für die sie arbeiten, mit dem Rücken zur Wand stehen. Ein zukunftsträchtiger Weg wäre Mitbestimmung zu erreichen, in dem man Arbeiter in die Vorstände setzt. Ein anderer wäre, die Ideen des Nobelpreisgewinners Professor James Meade aufzugreifen und Vergütungen so aufzuteilen, dass die Profite eines Unternehmens gerecht unter den Arbeitern, den Beschäftigten, dem Management und den Anteilseignern aufgeteilt werden. Der Möglichkeiten gäbe es viele...

Davos ist intellektuell bankrott. Aber die Ideologie, für die man dort eintritt, wird nicht von selbst verschwinden. Angesichts der Sackgasse, in der der Kapitalismus steckt, braucht es soziale Bewegungen und Gewerkschaftsführer, die bereit sind, das Wagnis einzugehen, ihre Rolle neu zu denken. In der Zivilgesellschaft muss es gären, es braucht Protest. Die sozialdemokratischen Parteien werden sich bewegen – aber erst, wenn sie einen Wandel in der Stimmung der Bevölkerung wahrnehmen. Dieses Problem geht uns alle an – und es ist in unser aller Verantwortung, zu tun, was wir können.

 

Übersetzung: Zilla Hofman
16:17 23.01.2013
Geschrieben von

Will Hutton | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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