Gute Kurden, schlechte Kurden

Syrien/Irak Wenn die USA die Anti-IS-Front in Syrien nicht schleunigst so unterstützen wie die Peschmerga im Irak, wird es zu neuen Massakern kommen
Gute Kurden, schlechte Kurden
Die externen Beobachter einer Schlacht

Foto Aris Messinis / AFP

Anders als bei anderen Städten, die von den Kämpfern des sogenannten Islamischen Staates (IS) eingenommen wurden, konnte jeder, der wollte, den Vormarsch des IS auf die syrische Stadt Kobane und deren drohenden Fall mitverfolgen wie in einem Film: Journalisten, Flüchtlinge, Soldaten und Panzer befinden sich hinter der türkischen Grenze in Sichtweite des Geschehens. Diese Grenze, die vor hundert Jahren sorglos gezogen wurde, könnte nun über Leben oder Tod Tausender entscheiden. Bis vor kurzem drang der IS jeden Tag ein Stück weiter gegen das Zentrum von Kobane vor. Und jeden Tag nahm bei den Kurden die Verzweiflung darüber zu, dass alle wissen, was passiert, wenn Kobane fällt, und keiner etwas unternimmt, um es zu verhindern.

Sollte dem IS die Einnahme von Kobane gelingen, würde er ein strategisch wichtiges Gebiet kontrollieren, das die selbsternannte IS-Hauptstadt Raqqa mit Positionen in Aleppo und an der türkischen Grenze – der Grenze eines NATO-Landes – verbindet. Dennoch wird kaum etwas unternommen, um diesem Vormarsch Einhalt zu gebieten.

Jemand schrieb auf Twitter: „Die Kurden von Kobane sollten schnell zum Jesidismus konvertieren. Vielleicht hilft ihnen dann jemand.“ Dieser Sarkasmus zielt auf die Frage, die viele syrische Kurden sich heute voller Verzweiflung stellen: Warum eilten die USA ihnen im Irak zu Hilfe, als Kämpfer des IS auf Erbil vorrückten und damit begannen, die Kurdisch-sprachige Minderheit der Jesiden abzuschlachten, unternehmen aber nur wenig, um die syrischen Kurden in Kobane vor derselben Bedrohung zu bewahren?

Die zweigleisige Politik, die Washington gegenüber den Kurden im Irak und in Syrien verfolgt, spiegelt die grundsätzlich falsche Neigung wider, Unterschiede zwischen beiden Ländern zu machen, wo in Wahrheit keine sind. Das Wall Street Journal zitierte in dieser Woche einen Vertreter der US-Regierung mit den Worten, die Luftschläge der Air Force zielten im Irak darauf, die irakischen Truppen beim Zurückdrängen des IS zu unterstützen. In Syrien hingegen „versuchen wir nicht, ihnen Territorium abzunehmen – vielmehr geht es darum, ihre Schlagkraft zu dezimieren.“ Eine Politik, die den IS im Irak entschlossen, in Syrien hingegen nur halbherzig bekämpft, ist zum Scheitern verurteilt und kann bestenfalls erreichen, dass die unmittelbare Bedrohung, die der IS für die amerikanischen Interessen in der Region darstellt, für kurze Zeit aufgeschoben wird.

Letztes Vertrauen

Während die USA im Irak nicht nur Luftschläge ausführen, sondern auch die kurdischen Peschmerga mit Waffen versorgen und Militärberater schicken, so dass die Peschmerga zusammen mit kurdischen Kämpfern aus der Türkei und Syrien wichtige Gebiete vom IS zurückerobern können, zögert die Regierung Obama, auch in Syrien eine derartige Allianz mit den Kurden einzugehen. Auf den ersten Blick erscheint dies nachvollziehbar: Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) gelten als bewaffneter Arm der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) in Syrien. Letztere wird von den USA als Terrororganisation eingestuft und seit Jahrzehnten vom türkischen Staat bekämpft.

Die kurdische Regionalregierung (KRG) im Nordirak hingegen ist ein allseits anerkannter Garant von Stabilität und Zusammenarbeit. Eine solche Unterscheidung unterschlägt freilich, dass es YPG-Kämpfer waren, die den irakischen Kurden die entscheidende Unterstützung geleistet und es den Peschmerga der KRG ermöglicht haben, Terrain vom IS zurückzuerobern. Die USA verdanken ihre teilweisen Erfolge im Nordirak folglich PKK und YPG. Sie sollten aus ihrer Erfahrung im Nordirak die Lehre ziehen, dass man einen Krieg nicht allein aus der Luft gewinnen kann. Im Irak hat man gesehen, dass Luftschläge gegen den IS wirksam sein können – dies jedoch nur in Verbindung mit Anstrengungen zur Bewaffnung und Anleitung verlässlicher regionaler Kräfte, die fähig sind, das durch Luftschläge befreite Gebiet wieder zu besetzen und dauerhaft zu halten.

Keine Frage, eine Zusammenarbeit zwischen USA und YPG ist in Anbetracht der gegenwärtigen Spannungen zwischen PKK und türkischer Regierung sicherlich nicht leicht. Die PKK empört sich über den türkische Beistand für den IS und hat damit gedroht, den Friedensprozess aufzukündigen, sollte Kobane – das auf Arabisch Ayn al-Arab heißt – fallen.

Der existierende Friedensprozess stellt für die Türkei nicht nur die beste Gewähr für eine friedliche Einigung mit den Kurden dar, sondern bietet der Regierung Obama zugleich den besten Vorwand, mit den YPG zu kooperieren. Die USA sollten schleunigst handeln, um sowohl Kobane als auch den Friedensprozess zu retten. Und den YPG in Syrien massive Unterstützung zukommen lassen, sollte die PKK an ihrem Bekenntnis zum Friedensprozess mit der Türkei festhalten.

Sollte Kobane aber fallen, hätte dies Konsequenzen weit über Syrien hinaus. Die Völkermörder hätten freie Hand, in fußläufiger Entfernung von Stellungen der türkischen Armee ein gigantisches Massaker anzurichten. Die Kurden der gesamten Region würden das letzte Vertrauen in die Türkei und den Westen verlieren, der sie doch vor Ort so dringend braucht.

Die Tragödie wäre zu vermeiden gewesen: Die Kurden sind in der Region die einzige säkulare Kraft mit dem Rückhalt einer Bevölkerung, die in der Lage und willens ist, es mit dem IS aufzunehmen. Luftschläge, die allein darauf abzielen, einen solchen Gegner an der Ausweitung seines Territoriums im Irak zu hindern, gleiches aber in Syrien tunlichst vermeiden, wird die Dschihadisten nicht aufhalten können. Diese zwiespältige Strategie wird den Alptraum der IS-Herrschaft in Syrien nur weiter verlängern und ein albtraumhaftes Szenario nach dem anderen hervorbringen.

Übersetzung Holger Hutt

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17:02 08.10.2014
Geschrieben von

Cale Salih | The Guardian

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The Guardian

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