Ich wende mich gegen ein System

Aufklärung Der Schweizer Ex-Bankier Rudolf Elmer hat Wikileaks Daten von 2.000 vermeintlichen Steuerhinterziehern aus ganz Europa übergeben. Darunter sollen "etwa 40 Politiker" sein

Heute hat einer der interessantesten Whistleblower in der Schweizer Bankengeschichte, Rudolf Elmer, die Bankdaten von 2.000 Personen und Unternehmen in London an Wikileaks-Gründer Julian Assange übergeben – zwei Tage, bevor er sich in seiner Schweizer Heimat vor Gericht verantworten muss. Elmer hielt sich bislang auf der Insel Mauritius auf, um eine Verhaftung zu verhindern. Zuvor hatte er auf den Kaimaninseln als leitender Geschäftsführer der Schweizer Privatbank Julius Bär gearbeitet. Die Bank wirft ihm vor, die nun übergebenen Daten gestohlen zu haben.

In einer Zeit, in der die Öffentlichkeit das Geschäftsgebaren der Banken mit Besorgnis verfolgt, gehört er zu den wenigen aus der Branche, die an die Öffentlichkeit bringen wollen, was sie als unprofessionelle, unmoralische und sogar potenziell kriminelle Machenschaften internationaler Finanzinstitute betrachten. Die Schweiz ist neben der Londoner City und der New Yorker Wall Street eine der Hochburgen für Banken und Finanzdienstleistungen und berühmt für ihr Bankengeheimnis und die Expertise ihrer Banken in Sachen Steuerhinterziehung und anderer extra-legaler Zwecke.

Elmer sagt, seine Absicht bestehe darin, "die Gesellschaft auzuklären". Die Liste enthalte vermögende Einzelpersonen, "darunter etwa 40 Politiker", multinationale Firmenkonglomerate, Finanzinstitute und Hedge Fonds aus Großbritannien, den USA, Deutschland, Österreich und Asien. Zu den Kunden zählen „Geschäftsleute, Politiker, Leute, die ihr Geld mit Kunst verdient haben, sowie internationale Konglomerate von beiden Seiten des Atlantik“.

„Ich wende mich nicht gegen eine Bank im Besonderen, sondern gegen ein System aus Strukturen“, sagte er dem Observer. „Ich habe auch für andere große Banken gearbeitet und ich bin mir absolut sicher, dass die Big Boys in den Banken wissen, dass das Geld bei ihnen versteckt wird, um Steuern zu hinterziehen oder  zu waschen.“

"Du bist Teil des Komplotts"

Elmer saß 2005 30 Tage lang im Gefängnis. Ihm wird der Verstoß gegen die Geheimhaltungsbestimmungen des schweizerischen Bankengesetzes, Dokumentenfälschung und das Versenden von Drohbotschaften an zwei Mitarbeiter der Julius Bär Gruppe vorgeworfen. Dazu sagt er: „Ich bin für den Datenschutz, solange es den Mann auf der Straße und legitime Transaktionen betrifft, aber in diesen Fällen wird der Datenschutz dazu missbraucht, dass wichtige Leute wichtige Banken dazu bringen können, ihnen zu Diensten zu sein. Wenn man einmal zum oberen Management gehört und internationale Erfahrung gesammelt hat, wie ich, dann ist man Teil des inneren Zirkels – und die Dinge erscheinen wesentlich klarer. Du bist Teil des Komplotts. Du weißt, worin die wahren Produkte und Dienstleistungen bestehen und warum sie so teuer sind. Es sollte nicht überraschen, dass das wichtigste Produkt die Geheimhaltung ist ... Es werden Verbrechen begangen und Lügen verbreitet, um diese Geheimhaltung zu schützen.“

Die auf den CDs enthaltenen Namen sollen zunächst nicht öffentlich gemacht werden, wie auch schon die Namen auf einer viel kürzeren Liste von 15 Kunden, die Elmer 2008 an Wikileaks übergeben hat, von der Organisation nicht preisgegeben wurden. Julian Assange will die Daten nach einer gründlichen Inspektion durch Wikileaks an die britischen Behörden weitergeben.

Seit er sich dazu entschlossen hat, als Whistleblower zu fungieren, wird Elmer von den schweizerischen Behörden und Medien gejagt. Seine Gesundheit und seine Karriere haben Schaden genommen.

„Ich sehe die Sache so, dass die Versuche meines Klienten, die Banken durch eine Reihe von Beschwerden zum Handeln zu bewegen, zu nichts geführt haben“, sagt Elmers Anwalt Jack Blum, einer von Amerikas führenden Experten, wenn es um das Aufspüren von in Steuerparadiese verbrachte Vermögen handelt. „Da auch die schweizerischen Gerichte nicht auf seine Beschwerden reagieren würden, haben wir uns an Wikileaks gewandt.“

Schweizer Recht auf den Kaimaninseln?

Der erste Stapel an Dokumenten wurde vom Guardian 2009 in Augenschein genommen. Es fanden sich „Details zahlreicher Stiftungen in die reiche Leute ihr Kapital investiert haben: Auf diese Weise vermeiden sie in Einklang mit den Gesetzen, Steuern auf ihre Profite zahlen zu müssen, da diese juristisch dem Trust gehören ... Der Trust selbst zahlt keine Steuern, da er auf den Kaimaninseln gemeldet ist“, auch wenn „die Treuhänder das Geld an die Eigentümer auszahlen können.“

Blum argumentiert nun wie folgt: „Elmer wird  die Verletzung des schweizerischen Bankgeheimnisses vorgeworfen, obwohl die Daten von den Kaimaninseln stammen. Das ist ganz großer Unsinn. Das schweizerische Bankgeheimnis sollte für die Schweiz gelten und nicht für eine Schweizer Tochtergesellschaft auf den Kaimaninseln.“

Julius Bär weist alle Vorwürfe von sich. Elmers habe Dokumente verändert, um die Tatsachen zu verdrehen. In einer Erklärung der Bank vom vergangenen Freitag heißt es: „Das Ziel [Elmers] bestand und besteht darin, sowohl Julius Bär als auch deren Kunden in den Augen der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Mit diesem Hintergedanken verbreitete Elmer haltlose Anschuldigungen und reichte unrechtmäßig erworbene, respektive einbehaltene Dokumente an die Medien und später auch an Wikileaks weiter. Um seine Kampagne zu stützen, verfälschte er auch Dokumente.“ Die Bank beschuldigt Elmers auch, Kollegen bedroht zu haben. Elmer streitet die Vorwürfe ab.

18:15 18.01.2011
Geschrieben von

Ed Vulliamy | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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