"Ich werde frei sein"

Film Seit zehn Jahren ist Rupert Grint gefangen im Harry-Potter-Kosmos. Nun dreht der Schauspieler in der Rolle des Ron Weasley seine letzten Szenen. Beginnt jetzt das Leben?

Rupert Grint hat Pause beim Dreh der beiden abschließenden Harry-Potter-Filme. Der 21-Jährige mit der schläfrigen Stimme, der die Hälfte seines bisherigen Lebens als Harrys Sidekick Ron Weasley verbracht hat, erinnert an einen Studenten, der gerade erst aus den Federn gekrochen ist. Wenn er aber vor der Kamera steht, dann glänzt sein Haar und seine Augen treten unter den feinen Wimpern hervor. Wenn er einen aus dem Gebüsch heraus anstarrt, wirkt er wie eine ätherische Gestalt – nicht ganz von dieser Welt.

Und in vielerlei Hinsicht ist er dies auch nicht. Forbes Magazine und Sunday Times haben ausgerechnet, dass Grint mit 20 Millionen Pfund einer der vermögendsten jungen Schauspieler ist. Wenn in diesem Sommer der siebte und 2011 der achte Potter-Film in Großbritannien in die Kinos kommt, wird er noch mal ein Stück reicher und bekannter sein. Aber jetzt, Ende Juni, wird er seine definitiv letzte Szene in der Rolle des Ron drehen und endlich die nun schon über zehn Jahre andauernde „Blase“ – wie er es nennt – Harry Potter verlassen.

Glücklicherweise läuft gerade ein anderer Film mit ihm, der nichts mit Hogwarts zu tun hat. In der britischen Komödie Wild Target spielt Bill Nighy einen nervösen Auftragskiller, der die Diebin Emily Blunt ermorden soll. Grint spielt den unschuldigen Kiffer Toni, der ohne sein Zutun in die Sache verwickelt wird. Aber es dürfte dennoch schwer fallen, der Figur zu entkommen, für die er anscheinend bestimmt war. Grint war schon immer ein großer Fan der Potter-Bücher. „Meine Mutter hat immer gesagt, wenn es eine Verfilmung geben sollte, würde ich einen guten Ron abgeben“, sagt er. Einmal nahm er sogar an einem Ron-Ähnlichkeitswettbewerb teil. Als er dann im Fernsehen hörte, dass sie einen Film drehen wollten, sandte er ein Video ein, auf dem er, kostümiert als seine Theaterlehrerin, einen Rap aufführt. Im Alter von 12 Jahren war er bereits für zwei Filme verpflichtet.


Grint beschwert sich nicht, aber es hört sich so an, als sei es schwer gewesen, mit dieser neu gewonnenen Bekanntheit umzugehen. „Am Anfang habe ich mehrere Verkleidungen ausprobiert. Es war etwas erdrückend.“ Nachdem der erste Potter abgedreht war, kehrte er wieder zur Schule zurück, arbeitete aber schließlich mit einem Privatlehrer zusammen. Das muss ihn verändert haben. „Man wird schneller erwachsen, schätze ich. In gewisser Weise habe ich an Unabhängigkeit eingebüßt, weil die Leute alles für einen machen.“ Er kann nicht kochen, lässt seine Sachen einfach immer im Hotel und hat einen persönlichen Assistenten, der für ihn arbeitet, seit er den zweiten Film gedreht hat. Auf der anderen Seite kann man kaum sagen, er sei allzu sehr verwöhnt worden: In den vergangenen zehn Jahren hatte er kaum einmal wirklich freie Sommerferien. „Das ist das einzige an der Schule, was ich wirklich vermisst habe – die ganze freie Zeit, um Freunde zu treffen.“

Er lebt immer noch im Haus seiner Eltern in Hertfordshire, geht in die örtliche Kneipe und trifft seine Schulfreunde. Als er im vergangenen Jahr mit Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe zum V und zum Reading Festival ging, trug er eine Pferdemaske, um nicht erkannt zu werden. „Es hat funktioniert, allerdings hat jemand versucht, mich zu reiten.“

Werden er, Radclifffe und Emma Watson, die im Film Hermine Granger spielt, ein Leben lang Freunde bleiben, nachdem sie nun zusammen aufgewachsen sind? „Das hoffe ich. Bislang haben wir uns außerhalb des Sets nicht allzu oft getroffen, weil wir dort jeden Tag zusammen sind, das ganze Jahr hindurch und das nun schon über Jahre hinweg.“ Die Fans sind wahnsinnig interessiert an Grints und Watsons Beziehung im echten Leben, insbesondere nachdem bekannt wurde, dass sie ihren ersten Filmkuss gedreht haben. „Es ist verrückt“, sagt er. „Ich bekomme Zeichnungen geschickt, die Emma und mich in romantischen Situationen zeigen.“ Sie sagte, es sei, wie ihren Bruder zu küssen, und Grint bestätigt, dass sie sehr befangen waren: „Wir mussten die ganze Zeit lachen.“

Neues Spielzeug Eiswagen

Hatte er am Set schon eine Romanze? Er lacht. „Nicht wirklich, nein, obwohl dort 'ne ganze Menge läuft, ähnlich wie an der Schule.“ Hat er gegenwärtig eine Beziehung? „Nein, im Augenblick nicht, nein.“ Seine Berühmtheit und sein Reichtum machen ihn „misstrauischer, wer es wirklich ernst meint“. Es muss für ihn dadurch schwieriger sein, Mädchen zu treffen. „Ich vermute ja. Ich war jetzt auch nie so versessen darauf, weil ich immer so viel zu tun hatte.“

Das Potter-Projekt abzuschließen habe für ihn etwas Befreiendes, sagt er. „Irgendwie bin ich aufgeregt. Ich werde frei sein. Ich freue mich darauf, nicht immer wieder nach Watford ins Studio gehen zu müssen, aber die Leute werde ich vermissen.“ Als nächstes spielt Grint den unglücklichen Skispringer Eddie „the Eagle“ Edwards. Vorher will er aber erst noch Urlaub machen und seine neuen Spielsachen genießen: Er hat einen Teil seiner Millionen für einen Eiswagen, einen VW-Campingbus und ein Luftkissenboot ausgegeben, mit dem er zuhause im Garten herumfährt. „Dan macht immer Witze, bei mir zuhause sehe es aus wie in Willy Wonkas Schokoladenfabrik.“

Der Regisseur des dritten Potter-Films, Alfonso Cuarón, sagte Grint voraus, er werde aufgrund seines komischen Talents am wahrscheinlichsten der größte Star des Howart-Trios werden. Ich frage mich, ob er sich Sorgen macht, er könnte auf eine bestimmte Rolle festgelegt werden. „Damit werde ich wohl immer leben müssen“, sagt er, reibt sein Gesicht und schaut besorgt. Dann entspannt er sich. „Ich werde wohl immer der Rothaarige aus Harry Potter sein.“

Übersetzung: Holger Hutt

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16:38 23.06.2010
Geschrieben von

Patrick Barkham | The Guardian

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The Guardian

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