Im Kerker des reichen Mannes

Shades of Grey Wenn es doch nur um Sadomaso ginge: E.L. James' Bestseller zelebriert den Mythos von "dem Einen", der nicht lieben kann, es aber (mit viel Geduld) schon noch lernen wird
Im Kerker des reichen Mannes
Ach wäre "Shades of Grey" doch nur halb so elektrisierend

Foto: David McNew/ AFP/ Getty Images

Sie ist so erregt, dass sie gar nicht weiß, wohin mit sich, seine „schicke, moderne Küche mit den Schränke ohne Griffe“ schüchtert sie ein. Die Rede ist von Anastasia, der „Heldin“ des Erotikromans Shades of Grey. Geheimes Verlangen von E. L. James, der sich weltweit inzwischen über zehn Millionen Mal verkauft hat. Ist diese Frau jemals bei Ikea gewesen, fragt man sich? Sie würde gar nicht mehr an sich halten können. Grifflose Schränke voll schlummerndem Verlangen. Aber was nehme ich mir ein Urteil heraus, wo dieses Buch doch offenbar eine Vielzahl von Frauen anmacht?

Ist es dämlich, zu fragen, warum Frauen ständig angemacht werden müssen? Sich um den Verstand vögeln und dabei von einem reichen Unbekannten fantasieren, der fließend Französisch spricht und darauf steht, Kontrolle auszuüben? Einem Mann, der ihnen befiehlt, viermal die Woche mit einem Personal Trainer zu trainieren? Der einen "Roten Raum der Schmerzen" hat (wer hat den nicht?) und nach den Schlägen Arnika und Ibuprofen reicht?

Jungfrau ohne Würgreflex

Die Feststellung, das Buch sei schlecht geschrieben, geht am Kern der Sache vorbei. Es ist charaktergetriebene Fantasy mit total dämlichen Charakteren. Ana, die Gefügige, die immer will, Jungfrau und praktischerweise ohne Würgreflex. Was man dem Buch lassen muss, ist, dass es sich bei Christian um einen Mann handelt, der sexuell und auch sonst weiß, was er tut. Das scheint ja doch eher eine Seltenheit zu sein. Er hat kein Interesse daran, „Liebe“ zu machen, sondern will eine Frau, die sich jeder seiner Regungen unterwirft. Anastasia stellt Kontakt zu ihrer inneren Göttin her und die kriegt zum Glück nie einen Pilz oder Blasenentzündung oder den Verdacht, dass der Typ ein Psycho-Stalker ist, dessen Dauererektion bestimmt bei seinen Mega-Geschäfts-Meetings stört.

Dennoch handelt es sich um Fantasie und die Überwachung dieser hat schon zu so manchen verrückten Graben innerhalb des Feminismus aufgetan. Als wir anfingen, unser Innerstes zu erforschen – und zwar wortwörtlich mit Spekula und Spiegeln – gestanden viele Feministinnen auch das vermeintliche Vergehen, Vergewaltigungsfantasien zu haben. Die Schwierigkeit bestand darin, dass das Es, das Unbewusste, die Libido nicht immer nur Blümchen – oder wie ich es nenne „Our Bodies, Ourselves“ - Sex – will. Freud hat das 1919 in seinem Essay Ein Kind wird geschlagen brillant dargestellt.

Den hatte ich damals noch nicht gelesen. Stattdessen las ich meinem damaligen Freund im Bett vor, was Andrea Dworkin über die Vergewaltigung – als Modell aller Heterosexualität – schrieb. Erzählen Sie mir also nicht, ich verstünde nichts vom Vorspiel. 1995 sagte Dworkin dann ihrem Freund Michael Moorcock: „Sowohl der Geschlechtsverkehr, als auch das sexuelle Vergnügen können und werden die Gleichberichtigung überleben.“

Was ist erotischer: Macht oder Penetration?

Ich wünschte, sie könnte hier sein, um zu sehen, wie Shades of Grey Bondage erstrebenswert macht. Heilige Scheiße würde sie sagen. Das sagt Anastasia auch jedes Mal, wenn sie zum x-ten Mal kommt, ohne berührt worden zu sein.

Mein Ding ist das also nicht, aber das liegt daran, dass ich ein Snob bin und Jenny Diski, Jean Genet oder David Lynch vorziehe, wenn ich es pervers will. Natürlich ist es schwer, über Sex zu schreiben. Aber bei diesem Buch geht es gar nicht wirklich um Sex, sondern um Macht.

Wenn man liest, was Angela Carter über den Marquis de Sade schrieb, wenn man Michel Houellebecqs schmierigen Bericht über sexuelle Befreiung oder Catherine Millets unglaublich monotone Memoiren, in denen sie bei einer Orgie im Bois de Boulogne nach der anderen geknallt wird, muss man sich fragen, ob es immer erotischer ist, über Macht zu schreiben, als über Penetration – und was das für die Frauen bedeutet. Denn wir leben in einer sexuell übersättigten Kultur, in der es bei den meisten Pornos bloß darum geht, möglichst viel irgendwo rein zu kriegen, was reichlich wenig mit dem Sexleben der meisten Leute zu tun hat.

… bis ans Lebensende

Die sogenannte Raunch-Kultur, bei der Frauen sich mit Silikon-Bazookas und Stangentanz „ermächtigen“ ist lächerlich, neu ist die erotische Anforderung an Frauen, sich zum Objekt zu machen, allerdings kaum. E.L. James' Buch hat wenigstens verstanden, dass die Macht des Sadomasochismus in der Unterwerfung liegt. Frauen mögen das genauso, wie sie die Vorstellung eines dominanten Mannes mögen, der weiß, was er macht, auch wenn ein Blick in die Wirklichkeit zeigt, dass dominante Männer es eigentlich immer vermasselt haben. Ich nehme nicht an, dass irgendjemand „Banker“ als Safeword benutzt.

Aber das eigentlich Gefährliche und Furchtbare an Shades of Grey ist nicht der Sex, sondern dass darin die alte Fantasie von der großen Romanze verkauft wird. Es geht darum, „den Einen“ zu finden. In diesem Fall muss die Frau einen Mann finden, der nicht zu lieben weiß und ihn verändern, damit er es lernt. Sex, selbst mit Spielzeugen und Requisiten, ist das Vorspiel für ein glückliches Leben bis ans Lebensende. Ein Leben der Sexsklaverei.

Diese Mythologie ist das genaue Gegenteil von dem, worum es bei sexueller Befreiung geht: Sie hält Frauen schön an ihrem Platz. In der Fantasie mag dieser Platz der Kerker eines reichen Mannes sein, und hinterher vielleicht ein Besuch in einem glamourösen Restaurant, in das man mit dem Privatjet fliegt. In der Realität bedeutet es, mit einem Mann festzusitzen, den man nach der ersten Aufregung einfach ewig ertragen muss.

Dieser fortlebende Kult fesselt Frauen letztlich mehr als jedes Seil. Sogar mehr als die Hals- und Handfesseln, die man jetzt in jeder Fußgängerzone kaufen kann.

Übersetzung: Zilla Hofman

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18:19 09.07.2012
Geschrieben von

Suzanne Moore | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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