Im Laufrad der Korruption

Afrika Kolonialismus und Neokolonialismus sind oft bequeme Ausreden, um von einer Ursache abzulenken, die große Teile Afrikas weiter in die Armutsfalle geraten lässt

Als Omar Bongo, der Gabun 42 Jahre lang regiert hat, im Juni verstarb, atmeten viele erleichtert auf und hofften, sein Tod würde eine neue Ära der Demokratie und der verantwortungsvollen Führung des Landes einläuten. Das weltweit dienstälteste Staatsoberhaupt hatte während seiner gesamten Amtszeit so gut wie keine Opposition zugelassen, um sich die Präsidentschaft zu sichern und das zentralafrikanische Land eines Großteils seines Ölreichtum berauben zu können. Obwohl vier von fünf Gabunesen in Armut lebten, fand Bongo nichts dabei, 2,6 Millionen Dollar an Hilfsgelder auf die Ausschmückung seines Privatjets zu verwenden, Staatsgelder von 130 Millionen Dollar auf privaten Auslandskonten zu horten und in Frankreich mindestens 39 Luxusimmobilien im Wert von 190 Millionen zu erstehen. Die Erbitterung und Betrugsvorwürfe, die es gab, als Bongos Sohn Ali-Ben im September auf angeblich „demokratische Weise“ zu neuen Staatschef „gewählt“ wurde, sind da nur allzu verständlich.

In Geiselhaft

Ganz Afrika bewegt sich im Teufelskreis der Korruption. Man ist ihrer mittlerweile mindestens ebenso überdrüssig wie der üblichen Erklärungen für die Unterentwicklung des Kontinents: Kolonialismus, Neokolonialismus und das Unvermögen, sich vollständig von deren Spätfolgen zu erholen. Doch sind dies wenig mehr als bequeme Ausreden, die dazu dienen, die Aufmerksamkeit von den Ursache abzulenken, die große Teile Afrikas der Armutsfalle nicht entgehen lassen. Habgier und Korruption sind es, die den Kontinent laut Afrikanischer Union (AU) jedes Jahr um die 140 Milliarden Dollar kosten und einen wirtschaftlichen Aufschwung hemmen. Es ist höchste Zeit, damit aufzuhören, anderen die Schuld zu geben und stattdessen Klarheit über die Verantwortung der afrikanischen Führer für den unangemessenen Entwicklungsstand ihrer Volkswirtschaften zu gewinnen, deren Potenzial von Raff- und Verschwendungssucht in Geiselhaft gehalten wird.

Gewiss muss sich auch Europa Fragen zur Unterentwicklung des Kontinents gefallen lassen. Sklaverei und Kolonialismus haben die menschlichen Ressourcen des Kontinents ausgebeutet und verbraucht. Hoch entwickelte indigene sozio-politische Systeme wurden demontiert, willkürliche Grenzen gezogen und ethnische Gruppen ohne Rücksicht auf deren unterschiedliche Sprachen und Gewohnheiten zueinander gezwungen. Als die Europäer schließlich in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts abzogen, hinterließen sie Regierungssysteme, die größtenteils auf Patronage basierten und so extrem anfällig für Korruption waren. Es folgten Jahrzehnte des Putschismus, der Kriege und Militärdiktaturen. Heute machen sich die westlichen Länder durch fortwährende Bestechung an der in Afrika grassierenden Korruption mitschuldig. Frankreich half durch die Unterstützung kleptokratischer Führer wie Juvenal Habyarimana in Kigali und General General Mobutu in Kinshasa mit, eine der schlimmsten Gräueltaten der jüngeren Geschichte zu ermöglichen: den Genozid in Ruanda.
Wo aber hört die Opferrolle auf und fängt persönliche Verantwortung an? Ein halbes Jahrhundert nachdem die meisten afrikanischen Nationen unabhängig wurden und eine Billion Dollar Hilfsgeldern flossen, steckt Afrika weiter in der Armutsfalle. Jeder wohlwollende Versuch, von außen zu helfen, ist zum Scheitern verurteilt, solange es auf der anderen Seite weder Transparenz noch politischen Willen gibt, dafür zu sorgen, Geld in die richtigen Kanäle und richtigen Stellen zu leiten.

Ins Exil abgeschoben

Mein Vater wurde in den siebziger Jahren erster indigener Generaldirektor des Nigerian Institute of Management und Direktor der Nationalbank Nigerias. Jene Zeit war dank des Ölbooms das Jahrzehnt eines unsagbaren wirtschaftlichen Auftriebs. Angetrieben von einem moralischen, vielleicht sogar idealistischen Bedürfnis, den Reichtum besser zu verteilen und das Leben der Nigerianer zu verbessern, betrat er als oberster Rechnungsprüfer die politische Arena. Dort wurde ihm ständig Geld angeboten, das er stets aufs Neue ablehnte. Unnötig zu erwähnen, dass er es in der Politik nicht weit brachte. Er hatte zu verstehen gegeben, Bestechlichkeit als unausgesprochene Voraussetzung jeder Karriere missachten zu wollen.

Geschichten wie die meines Vaters gibt es viele. Nuhu Ribadu, der frühere Vorsitzende der nigerianischen Kommission gegen Wirtschaftsverbrechen, wurde international als Lichtgestalt und Hoffnung für Afrikas Kampf gegen Korruption gefeiert, als er Millionen veruntreuter und ins Ausland transferierter Steuergelder zurückholte und hohe Regierungsbeamte strafrechtlich verfolgte. Als seine Untersuchungen manchen Leuten zu ungemütlich wurden und er sich immer noch nicht kaufen ließ, entließ ihn die Regierung schließlich und zwang ihn, ins Exil nach Großbritannien zu gehen, wo er derzeit als Fellow in Oxford tätig ist.
Es gibt in Afrika anständige Leute, doch dürfen sie nur sehr selten zu Wort kommen. Gleichzeitig werden Erfolgsgeschichten wie Botswana und Ghana oft von Rückschlägen heimgesucht, wie man das jüngst auch in Guinea, Sierra Leone und Sambia erleben musste. Afrika muss sich eingestehen, wie sehr seine moralisch bankrotten Eliten für die Unterentwicklung und das Leid der benachteiligten Bürger zuständig sind. Doch ist es ein Mythos, dass Betrug und Korruption alleinige Domäne der Entwicklungs- und Schwellenländer seien. Scheinheilige Rufe nach politischer Transparenz klingen hohl, wenn Länder wie Großbritannien oder China unterschwellig zu verstehen geben, kein Problem mit Bestechung zu haben. Dennoch gilt, Ausbeutung von außen kann heutzutage nur angemessen bekämpft werden, wenn Afrika sein eigenes Haus in Ordnung bringt. Jetzt ist die Zeit dafür. Keine Ausreden mehr.
Übersetzung: Holger Hutt


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11:51 19.10.2009
Geschrieben von

Aaron Akinyemi, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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