Im sozialen Geburtskanal

Evolution Wieviel hat der Umfang des menschlichen Denkorgans mit der durchschnittlichen Zahl von Freunden auf Facebook zu tun? Viel. In Ziffern: 150

Die Evolution hat den Menschen stetig verändert, was man unter den gegebenen Umständen für eine gute Sache halten könnte. Doch Tausende von Jahren später stellt uns das auch vor große Probleme. Seit den Tagen unserer gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen hat uns die Selektion durch die Natur einige Wunden zugefügt.

So brachte der aufrechte Gang die Fähigkeit mit sich, neue Lebensräume zu erschließen. Er machte die Migrationsbewegungen aus Afrika möglich, die dazu führten, dass wir heute noch den hintersten Winkel der Erde bevölkern. Allerdings belastete die Zweifüßigkeit auch die Wirbelsäule, weshalb heute so viele Menschen Rückenprobleme haben. Sie machte eine Umformung des Beckens erforderlich, um eine stabile Basis zu erhalten, auf der der Rumpf balanciert werden kann. Unser Becken wurde runder und schüsselartiger, die Knochen, die den Geburtskanal bilden, wurden enger zusammengedrückt. Millionen Jahre lang stellte dies kein Problem dar. Da unser Gehirn immer noch so groß war wie das eines Affen, gelangte der Kopf bei der Geburt relativ leicht nach draußen.

Das Problem entstand erst, als das Gehirn unserer Vorfahren in kurzer Zeit auf die vierfache Größe eines Affengehirns anwuchs, so dass die Geburt immer schwieriger wurde. Die Babys mussten immer früher zur Welt kommen, ein Teil ihrer Entwicklung fand zunehmend außerhalb des Mutterleibes statt. Bei Säugetieren dauert die Trächtigkeit sonst lange genug, dass der Nachwuchs rasch nach der Geburt ohne fremde Hilfe überleben kann. Würde der Mensch dem heute folgen, müssten Frauen ihre Kinder 21 Monate lang austragen.

Unsere Vorfahren steckten also in einem Dilemma: Wäre ihr Gehirn klein geblieben, hätten sie sich in einer rapide verändernden Umwelt nicht behaupten können. Die Evolution wählte deshalb den anderen Weg: eine verkürzte Schwangerschaftsdauer von neun Monaten. Und die hatte ihren Preis. Während Babys von Affen und Menschenaffen schon nach ein paar Tagen, oder sogar Stunden umherstaksen, können Menschenbabys nicht einmal ihre Temperatur regulieren. Erst nach einem Jahr können sie sich mit neugeborenen Affenbabys messen. Das ist auch der Grund, warum Ärzte Frühgeburten fürchten, also Babys, die vor dem achten Schwangerschaftsmonat zur Welt kommen: Da ein Mensch ohnehin schon zu früh und nur knapp überlebensfähig zur Welt kommt, sind jene, die vor der Zeit eintreffen, wirklich in Gefahr.

Anspruchsvolle Balance

Doch die Evolution hat sich nicht aus einer Laune heraus für das große Hirn des Menschen entschieden. Unter Affen und Menschenaffen entscheidet die Größe des ­Gehirns über den Umfang der sozialen Gruppe. Und der wiederum entscheidet maßgeblich darüber, ob Überlebensfragen effektiv beantwortet werden können, ob ein inhärenter sozialer Vertrag besteht, dass man zusammenhält und sich gegen den gemeinsamen Feind verteidigt. Aber gemeinschaftliche Lösungen dieser Art erfordern eine anspruchsvolle Balance zwischen den Vorteilen des Egoismus und den Vorteilen der Zusammenarbeit in der Gruppe – was zwangsläufig größere Sensibilität für die Bedürfnisse und Interessen der anderen erfordert.

Die psychologischen Anforderungen, die das Leben in einer großen Gruppe an den Einzelnen stellt, hängen dabei eng mit der Größe des Gehirns zusammen. Unser riesiges Hirn macht demnach Gemeinschaften von etwa 150 Personen möglich. 150 stellte die typische Gruppengröße in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften dar, markiert die durchschnittliche Größe der Dörfer im England des elften wie 18. Jahrhunderts. Es ist die durchschnittliche Größe der Hutterer- und Amish-Gemeinden. Und es ist die Größe persönlicher Netzwerke – die Zahl von Menschen, zu denen man in einer Beziehung steht, die reziprok ist (Ich helfe dir und weiß, dass du mir hilfst) und eine Geschichte hat (wir beide wissen, wie und warum wir uns kennengelernt haben).

Die Hutterer teilen ihre Gemeinden auf, wenn sie 150 Menschen umfassen. Sie glauben, dass größere Gruppem nicht mehr allein durch sozialen Druck funktionieren und einen Polizeiapparat benötigen. Das gleiche Prinzip ist das des Funktionstextilien-Herstellers Gore-Tex: Anstatt die Größe der Fabrik zu erweitern, baute Bill Gore, als das Auftragsvolumen stieg, nebenan eine neue, völlig unabhängige und in sich geschlossene Fabrik. Dies hat eine Arbeitsgemeinschaft zur Folge, innerhalb derer jeder jeden kennt und in der es keiner formalen Systeme für die verschiedenen Führungsebenen oder Namensschilder bedarf. Vielleicht ist aber das Militär das beste Beispiel. Alle modernen Armeen weisen eine ähnliche Organisationsstruktur auf. Den Kern stellt die Kompanie dar, mit 120 bis 180 Leuten. Jeder, der beim Militär war, wird bestätigen können, dass weit mehr als das Batallion oder das Regiment die Kompanie die Einheit ist, der man sich zuordnet.

Nur fünf Freunde fürs Leben

Und ja, man kann 500 oder 1.000 Facebook-Freunde haben, wenn man es darauf anlegt, aber das scheint mehr mit Wettbewerb zu tun zu haben als mit Freundschaft. Im Durchschnitt haben wir 120 bis 130 Freunde, davon sind fünf sehr enge und weitere zehn gute Freunde, 35 einfach-nur-Freunde und der Rest Bekannte. Auch wenn nicht umfassend geklärt ist, warum unsere sozialen Bindungen derart beschränkt sein sollen, ist Zeit eine gute Erklärung: Die Qualität einer Beziehung hängt davon ab, wie lange man sich ihr widmen kann, und da Zeit ein begrenztes Gut ist, müssen wir sie auf die Pflege von Sozialkontakten ungleich verteilen. Die meiste verwenden wir auf den inneren Kern von fünf Freunden. Es könnte sich aber auch um ein Gedächtnisproblem handeln: Es kostet Mühe, auf dem Laufenden zu bleiben. Den Überblick behält man wohl nur für einen Kern von fünf Personen.

Aber all das birgt noch ein anderes Pro­blem: In kleinen traditionellen Gesellschaften hatte jeder noch die gleichen 150 Freunde. Das galt selbst in Europa bis weit ins 20. Jahrhundert und ist in ländlichen Gemeinden oft heute noch so. Man gerät in Streit, ist aber – wie die Hutterer – durch gegenseitige Verpflichtungen und enge Beziehungen gebunden. Die Verwandtschaft ist dabei am wichtigsten: Wenn du Charly beleidigst, dann kriegst du Ärger mit deiner Oma, weil Charlys Großmutter sich bei ihrer Schwester (deiner Oma) über dich beschwert.

In einer von Mobilität geprägten Welt greift dieses ausgleichende Moment nicht mehr: Wir wachsen hier auf, studieren dort, ziehen immer wieder um, wenn wir unseren Arbeitsplatz wechseln. Deshalb zersplittert unser Freundeskreis. Am Ende haben wir überall kleine Gruppen, von denen die meisten einander und den familiären Teil unserer Netzwerke nicht kennen. Du kannst Charly beleidigen, kaum einen wird das stören. Und selbst wenn, kann man es sich leisten, die zugehörige Gruppe zurückzulassen.

Da also kein sozialer Zusammenhalt mehr herrscht wie einst, ist es vielleicht unvermeidlich, dass weniger Menschen gegen Missetäter protestieren – die Chance ist ja gering, dass andere ihnen beispringen werden. Nimmt es in Anbetracht dieser Faktoren wunder, dass einige innerstädtische Bezirke der Banden-Kriminalität zum Oper fallen? In der Zukunft wird unser wirkliches Problem darin bestehen, wie wir in unserer zunehmend urbanisierten und mobilen Welt diese gesellschaftliche Fragmentierung durch die Neuerschaffung eines Gemeinschaftsgefühls überwinden können.

Robin Dunbar lehrt evolutionäre Anthropologie an der Universität von Oxford.Übersetzung: Holger Hutt

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10:50 10.05.2011
Geschrieben von

Robin Dunbar | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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