In der Falle einer Restauration

Ägypten Die Muslimbruderschaft wird nach internen Wahlen weiter von konservativen Galionsfiguren geführt. Erfreulich für das Mubarak-Regime, dem damit keine Gefahr droht

Wer etwas über den Zustand der arabischen Politik zu erfahren wünscht, sollte einen genaueren Blick auf die Muslimbruderschaft werfen. Sie ist die einflussreichste religiös geprägte und autonom organisierte Oppositionsbewegung Ägyptens wie der gesamten arabischen Welt. Von ihrem Selbstverständnis her beschreibt sich die Glaubensgemeinschaft gern als authentische und handlungsfähige Alternative, sowohl zu den autoritären weltlichen Herrschern in Kairo, Amman oder anderen Domänen, als auch zu den religiösen Extremisten vom Schlage al-Qaidas.

Die jüngst stattgefundene Wahl eines neuen Führers ist geeignet, diesen Anspruch zu untergraben und eine ernstzunehmende Spaltung des mittlerweile seit über 80 Jahren existierenden islamischen Bundes zu offenbaren. Nach wochenlangen Querelen und Rivalitäten erklärte die Bruderschaft schließlich im Januar, man habe den ultrakonservativen Tierarzt Mohammed Badie zum achten Obersten Führer sowie 16 Mitglieder in die höchste, mit tagespolitischen Fragen befasste Instanz der 1928 gegründeten Organisation gewählt.

Status quo zementiert

Die alte Garde um Generalsekretär Mahmud Izzat (zugleich Schatzmeister und damit erster Wächter der bruderschaftlichen Finanzen), der seine Union der Gleichgesinnten weder öffnen noch demokratisieren will, hat zweifelsfrei die Oberhand gewonnen. Die Wünsche vieler junger Mitglieder, die mehr Transparenz und Respekt für die Wahlstatuten verlangt hatten, wurden ignoriert. Sie sahen sich durch die Riege um Mahmud Izzat und den bisherigen Obersten Führer Muhammad Mahdi Arif gezwungen, das verborgen ausgehandelte Votum über das neue Direktorium zu schlucken. Der ehemalige stellvertretende Führer Mohammed Habib trat aus Protest zurück und beschuldigte die alte Garde öffentlich, die Wahlgesetze der Bruderschaft verletzt und das Plazet für Mohammed Badie auf illegale Weise arrangiert zu haben. „Die Zukunft der Bewegung steht auf dem Spiel“, so Habib in einem höchst offenen Interview für das ägyptische Blatt Al-Masry al-Youm. Dies lässt auf einen hitzigen Machtkampf zwischen der konservativen Gilde, deren Galionsfiguren heute zwischen 70 und 80 Jahre alt sind, und einer nachgeborenen reformorientierten Generation schließen.

Die meisten der alten Koryphäen, die ihre Macht auf weitere fünf Jahre hinaus sichern konnten, gehörten einem von Sayyid Qutb 1965 ins Leben gerufenen paramilitärischen Netzwerk an. Der Chefideologe und Theoretiker des als Dschihadismus bekannt gewordenen radikalen Islam wurde 1966 unter Präsident Nasser hingerichtet. Qutbs Gefolgsleute Izzat, Akif und Badie verbrachten ein Jahrzehnt im Gefängnis, entsagten danach der Gewalt und kontrollieren seither die Bewegung. Auch wenn er als Tierpathologe hohes Ansehen genießt, verfügt Badie über keinerlei intellektuelle oder politische Vision, wie die in Ägypten halblegale Bruderschaft auf eine transparente Weise zu führen wäre. Sein auffälligster Charakterzug besteht in einer absoluten Unterwerfung unter den Willen von Izzat und Akif als herrschenden Mächten der Bruderschaft sowie in einem kategorischen Reformveto. Mit anderen Worten, die Wahl Badies zementiert den Status quo und die Reformer müssen einen schweren Rückschlag verkraften. Wichtige Leute wie der Ex-Vorsitzende Habib und Abdel Abul Futouh verloren ihre Sitze im Führungsbüro. Letzterer gilt als Zukunftsorientiertester von allen und Hoffnungsträger für junge Muslimbrüder. Seine Entfernung verschiebt die Machtbalance weiter zugunsten der Hardliner um Izzat, die einen aktiveren Part in der politischen Arena ablehnen, um den Zusammenhalt der Organisation zu wahren.

Signal der Versöhnung

Dies bedeutet, die Bruderschaft wird vorerst weiter damit beschäftigt sein, neue Mitglieder zu werben (allein in Ägypten hat sie bereits über eine Million), anstatt die säkulare Opposition bei der Suche nach einem friedlichen Wandel im Land zu unterstützen – sie wird nichts unternehmen, was das Regime Mubarak herausfordern könnte, auch wenn es wie vor kurzem zu Massenverhaftungen kommt. „Wir bekräftigen, dass die Bruderschaft kein Gegner des Systems ist“, erklärte Badie auf der Pressekonferenz, die unmittelbar auf seine Wahl folgte, und sandte ein frühes Signal der Versöhnung in Richtung Mubarak.

Tatsächlich dürfte die ägyptische Regierung größter Nutznießer des Triumphes der Isolationisten innerhalb der Bruderschaft sein. Sollte die sich bei der Parlamentswahl im Oktober politische Enthaltsamkeit auferlegen, darf die regierende Nationalpartei einem ungefährdeten Triumph entgegensehen, der den Weg für die Übergabe der Macht an Mubaraks Sohn Gamal bereiten könnte. Obwohl verboten, behindert und schikaniert, konnte die Bruderschaft 2005 mit ihren unabhängigen Kandidaten ein Fünftel der 454 Sitze in der Nationalversammlung erringen, während die zweitgrößte Oppositionspartei auf dürftige sechs Mandate kam.

Man kann mit einigem Recht behaupten, die Bruderschaft und der Patriarch Mubarak sind zwei Seiten der selben Medaille. Und die spiegelt die Tragödie vieler arabischer Staaten, denn sowohl die säkulare Führungselite wie auch die religiöse Opposition sind restaurativ, dogmatisch und autoritär. Eine politisch lebensfähige dritte Kraft, die ein wenig Licht am Ende des Tunnels spenden könnte, ist nicht in Sicht.

Übersetzung: Holger Hutt

13:40 16.02.2010
Geschrieben von

Fawaz Gerges | The Guardian

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