In der Zeitschleife

Futurismus Als Autor von "Generation X" wurde Douglas Coupland weltberühmt. Fast zwanzig Jahre später legt er nach: "Generation A".

Douglas Coupland sitzt im Salon eines recht vornehmen Hotels im Zentrum Londons. Wir haben den großzügigen, leisen Raum beinahe für uns selbst. Doch nur wenige Augenblicke zuvor haben draußen in einiger Entfernung Bauarbeiter ihre Arbeit aufgenommen – und Couplands Gesicht erstarrte zu einer Grimasse des Schmerzes.

„Es ist, als würde jemand diese Sägen anwerfen, die man zu Beginn des Smiths-Albums Meat is Murder hört,“ schreckte er zusammen. Als in einer Ecke des Raumes ein Handy mit einem fröhlichen Klingelton losgeht, erstarrt er wieder. „Manchmal kann ich wirklich keinen Gefallen am Jahr 2009 finden. Sprechen Sie mit ihrer Drinnen-, nicht mit ihrer Draußenstimme,“ ermahnt er den Besitzer des Telefons. Ein vorbeigehendes Gästepaar unterhält sich leise. Couplands Körper spannt sich an und entspannt sich dann wieder erleichtert. „So ist es gut“, murmelt er zustimmend. „Die sprechen mit ihrer Drinnenstimme.“

Ein herkömmliches Interviewkonzept, bei dem ein Gesprächspartner Fragen beantwortet, ist so weit entfernt von Couplands Art zu interagieren, dass es annähernd lachhaft wäre, es damit zu versuchen. Also schweifen wir auf Konservationspfaden ab, denen es an jeder erkennbaren Logik oder Richtung fehlt. Bei diesen Formen der freien Betrachtungen handelt es sich aber offenbar nicht um irgendwelche Autorenvorlieben. Couplands Hirn scheint wirklich anders verkabelt zu sein, als das der meisten Menschen – ergibt man sich diesem idiosynkratischen Rhythmus einmal, wird er eigentümlich verführerisch.

Coupland ist in London, um Werbung für sein neues Buch Generation A zu machen - eine - wenngleich düster - humorvolle und unheimliche Erzählung, deren fünf Protagonisten durch nichts miteinander verbundene, aber erkennbar globalisierte Leben in verschiedenen Teilen der Welt führen. In dieser Welt sind die Bienen ausgestorben, doch als alle fünf auf mysteriöse Weise gestochen werden, finden Sie sich in einem leicht Orwellschen Plot miteinander verbunden. Durch das Verweben von Geschichten schafft der Roman bewusst Anklänge an das erste Coupland-Werk Generation X – den klassischen Bestseller von 1991, in dem wir Slackern mit McJobs begegneten und der seinem Verfasser den Ruf des futuristischen Visionärs einbrachte.

Das große Paradox

Coupland, dem die Pflichten einer Promo-Reise recht gleichgültig zu sein scheinen, redet lieber über seine derzeitigen Kunstprojekte als über sein neues Buch. Der ehemalige Kunststudent, der in den späten 80ern eher zufällig zum Schreiben kam, um seine Kunst zu finanzieren, kann auch heute keine Trennung zwischen den beiden Formen erkennen. „Ich versuche und versuche es, aber kann ehrlich nicht die Unterschiede erkennen.“

Er berichtet von den Türmen leerer Nahrungskonserven – „wie Konsum-Minarette“- die er gebaut hat und welche er nicht verkauft, sondern behält. Auf die Frage, wo er sie aufbewahrt, lacht er: „In meinem Haus. Das ist ein bisschen exzentrisch. Angehäufte persönliche Projekte aus zwei Jahrzehnten. Es ist schon ziemlich eng bei mir zu Hause.“ Er erklärt, ein Projekt niemals ausmustern zu können, „weil es die Kristallisierung einer guten Idee und deshalb interessant ist. Und ich bin gerne von guten Ideen umgeben. Jedes Mal wenn man etwas vorbeigeht, das einem gefällt, erhält das Gehirn einen Schuss Glückschemikalien.“ Dann erzählt er, sein Haus stehe inzwischen so voll, dass er ein anderes, direkt dahinter stehendes kaufen musste, um überhaupt noch Gäste empfangen zu können.

„Jemand anderes hätte wohl ein größeres Haus gekauft,“ fügt er hinzu. „Aber ich bin zu sehr an den Ort gebunden.“

Und so sind wir per Zufall auf das gestoßen, das mir immer als das große Paradox im Kern der Kunst Couplands erschien. Er selbst beschreibt sich stets als „zukunftsbejahend“ oder als „Futuristen“. Sein Ruf als technokultureller Wahrsager wurde von späteren Bestsellern wie Microserfs bestätigt, dem ersten literarischem Werk, dass die Macht von Microsoft erkannte. Man sagt sogar, er grüße alte Freunde unter Bezugnahme auf technologische Innovationen – „Hey, ich hab dich seit der Erfindung des I-Pod nicht mehr gesehen.“ Und trotzdem waren schon die Protagonisten von Generation X voller Nostalgie für die Fülle der Eisenhower-Jahre. Die in Generation A geschilderte Zukunft ist eine dunkle Verschmelzung von Rezession, Klimawandel, Globalisierung und einsamer Entfremdung.

2038

Ist ein Mann, der solch eine Zukunft vorhersagt und noch nicht mal ein Haus verkaufen würde, das zu klein für ihn geworden ist, nicht eher ein Nostalgiker, als ein Futurist? Coupland lächelt: „Nun, heutzutage würde ich sagen, dass ich der Zukunft gegenüber offen bin. Ich bin neugierig. Ich habe mir immer vorgestellt, im Jahr 2037 abzutreten. Dann bin ich 75. Und ich könnte verdammt noch mal durchdrehen, weil ich nicht weiß, was danach kommt.“

Sollte die Welt von 2038 wirklich jener ähneln, die er in Generation A vorhersagt, könnte er das dann ehrlich als Fortschritt betrachten? Darüber denkt er erst einmal nach: „Ich erinnere mich noch ziemlich gut an die Siebziger. Da war alles im Verfall begriffen, nichts funktionierte, weder politisch, noch sonst irgendwie. Die einzige technologische Entwicklung war die von Telefonen mit Drehscheibe zu solchen, bei denen man Knöpfe drückt. In den Achtzigern gab es dann ein paar mehr Sachen und in den Neunzigern kam die E-Mail. Aber selbst, wenn man die hatte, kam man damit nicht weit.“

„Und dann kamen ab 2000 plötzlich Google, Ebay, Facebook, die sozialen Medien, die Digitalisierung des Weltwirtschaftssystems und das iPhone. Ein Freund von mir hat ein iPhone, dass man vor ein Sudoku-Puzzle halten kann, es erstellt dann ein neues elektronisches und löst es in ungefähr drei Sekunden für einen. Das ist doch einfach Voodoo, total spukig.“

Weiter erzählt er: „Ich habe einen Freund, der in einer Hotelbar arbeitet. Er sagt, er könne die Internet-Verabredungen immer sofort erkennen. Der erste kommt immer mit einer gewissen Verstohlenheit und wenn der zweite kommt, passiert es entweder innerhalb von drei Mikrosekunden oder das Ganze stellt sich als schrecklicher Fehler heraus. Es passiert augenblicklich. Es gibt immer noch dieses Körper-zu-Körper-Ding.“

In der Schlaufe

Das ist doch wohl das Reden eines Nostalgikers, oder? Die Antwort ist lediglich ein hintergründiges Lächeln.

Am Ende bleibt es dabei, dass ich nie verstehen werde, wie Douglas Coupland zur Zukunft steht. Ihm scheint das aber auch egal zu sein. Abgesehen von Geräuschen scheint ihn nichts weiter aus der Fassung zu bringen. Er äußert grenzenlose Neugier statt Meinungen und als ich bemerke, dass diese Neugier wertfrei sei, stimmt er sofort zu. „Ja, so ist es, sie ist apolitisch. Ich war immer der Auffassung, dass Bewertungen meine Fähigkeiten trüben, Dinge zu sehen, an denen ich Freude habe.“

„Mir gefällt, dass die Leute jetzt cleverer sind, dass jeder schneller Informationen finden kann. Das macht die Leute wirklich interessanter. Aber was wird passieren, wenn es dazu kommt, dass die Leute eigentlich gar nichts mehr machen? Darüber bin ich mir nicht ganz klar. Wenn nur noch Dinge aus der Vergangenheit „ausgeschnitten“ und „kopiert “ werden? Man kann nicht downloaden, dass man sich die Finger schmutzig macht. Jüngere Menschen denken nicht so, sie würden das Hinscheiden eines manuellen Universums nicht beklagen. Sie werden also etwas verpassen, das Sie und ich erlebt haben. Aber dafür werden sie etwas anderes erleben, also...“ Er treibt gedankenverloren ab. „Jetzt haben Sie mich in dieser Schleife, in der ich drüber nachdenke, ob ich moralisch über das unmoralisch sein denken sollte – was in einem Satz die Krise der Moderne beschreibt.“

Ein Freund hat ihn kürzlich gefragt, ob er in die Neunziger zurückkehren würde, wenn er es könnte. Coupland war entsetzt.

„Nein! Ich würde dieses Frontier-Gefühl vermissen, das gerade herrscht. Bald werden wir uns nicht mehr mit dem Internet beschäftigen, sondern eher mit etwas, das wie Luft ist - als ob das Internet irgendwie in die Luft integriert werden würde. Und der Name Gottes könnte am Ende Google lauten.“

„Yahoo hätte natürlich auch Gottes Name werden können“, schiebt er noch hinterher. „Aber die haben verloren.“

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Gekürzte Fassung: Übersetzung: Zilla Hofman

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19:00 12.09.2009
Geschrieben von

Decca Aikenhead, Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 15/2021

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