In neuen Zeiten

Porträt Jill Abramson ist die erste Chefredakteurin der „New York Times“. Sie muss das Blatt durch eine Phase der Veränderung führen

Der Chefredakteursposten der New York Times ist in den USA wohl das, was, neben Präsidentenamt und Lady Gaga, dem Hochadel am nächsten kommt. Selbst im Zeitalter von Twitter, Google-News und Blogosphäre kann, wer bei dieser Zeitung das Sagen hat, die Debatten im Land steuern, Märkte bewegen, Politiker stürzen, Kriege sanktionieren und Hollywood-Stars schaffen.

Man stellt sich den typischen New York Times-Chef als mächtigen und majestätisch erhabenen Menschen vor. Doch in Jill Abramsons Büro wird sofort klar, dass die Beschreibung auf sie kaum zutrifft. Der Raum ist voll mit Blumensträußen, die Freunde und Bewunderer ihr geschickt haben, um ihr zu ihrem neuen Job zu gratulieren; es herrscht das ungeordnete Flair eines Antiquitätenladens. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos, darunter ein Kinderbild ihrer Mutter. Ein wenig eigenartig sind die Kissen auf einem Sofa, auf denen flauschige West-Highland-Terrier zu sehen sind – ihr erster Hund Buddy war auch so ein „Westie“. Auf einem Tisch liegt ein Exemplar ihres bald erscheinenden Buches The Puppy Diaries: Raising a Dog Named Scout. Darin geht es um ihr derzeitiges Haustier, einen Golden Retriever. „Ich bin total hundeverrückt“, sagt die 57-Jährige.

Diese Bemerkung ist an sich gar nicht so überraschend – auch wenn ich nicht gerade erwartet hatte, dass die künftige Chefredakteurin der NYT von Vierbeinern schwärmen würde. Aber mich erstaunt die Art und Weise, wie sie es sagt. Abramson hat einen schweren New Yorker Akzent, zieht die Vokale nasal in die Länge, wie ein Gummiband kurz vor dem Zerreißen: „Out“ wird zu „iouuut“ und „now“ zu „niouuuw“, es klingt ein wenig – mit allem Respekt für ihre Hunde – wie das Miauen einer Katze.

Abramson kam in der Upper West Side zur Welt. Ihre Eltern hatten ihr ganzes Leben in Manhattan verbracht. Bei ihnen zu Hause sei die Zeitung, für die sie heute arbeitet, eine Art Religionsersatz gewesen, erzählt sie. „Was die New York Times sagte, war die absolute Wahrheit.“

Dass sie echte New Yorkerin ist, zeigt sie stolz, nicht nur im übertragenen Sinne: Vor acht Jahren hat sie sich, nach vielen Jahren in Washington, das Motiv einer Eintrittsmünze für die New Yorker U-Bahn eintätowieren lassen. Ein Motiv mit doppelter Bedeutung: „Ich bin hier aufgewachsen und liebe die U-Bahn, benutze sie für alle meine Wege“, sagt sie. „Ich habe es aber auch wegen der Aufschrift am Rand gewählt: ‚Nur für eine Fahrt gültig‘ – das ist die Philosophie, nach der ich lebe. Es ist also die perfekte Kombination einer großartigen Lebenseinstellung und der Stadt, die ich liebe und in der ich geboren wurde.“

Nach der Berufung an die Spitze des US-amerikanischen Journalismus wurde aber weniger über ihre New Yorker Identität als über ihr Geschlecht geredet. Zum ersten Mal in der 160-jährigen Geschichte der NYT wird das Blatt schließlich bald von einer Frau geführt. Abramson selbst weiß nicht so genau, was sie von der Genderdiskussion um sie halten soll. Als Katie Couric 2006 zur ersten alleinigen Sprecherin einer Nachrichtensendung ernannt wurde, schrieb sie, Abramson, in der Times einen Artikel mit der Überschrift: „Wann werden wir damit aufhören zu sagen, die erste Frau in ...?“ Heute muss sie darüber schmunzeln, der Text habe sie zu einer großen Heuchlerin gemacht.

Der Begriff der „ersten Frau“ sei sehr wichtig, fügt sie rasch hinzu. Warum? „Die Nummer eins“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich diesen Job nicht bekommen habe, weil ich eine Frau bin. Sondern weil ich diejenige bin, die am besten für ihn qualifiziert ist. Nichtsdestotrotz: Der Chefredakteursposten der New York Times ist eine unverzichtbare Position in der Gesellschaft, und eine Frau wird künftig die Redaktion leiten. Das ist bedeutungsvoll.“

Wird ihr Geschlecht die Richtung bestimmen, die die Zeitung unter ihr nehmen wird? „Vielleicht. Aber ich denke, jeder hier weiß, welche Geschichten mir am besten gefallen: kompromisslose, gut recherchierte, investigative Texte, detailreiche Auslandsreportagen. Ich glaube daher nicht, dass irgendjemand Angst hat, ich könnte weiche Themen auf die Titelseite bringen.“

Nur wenige würden Abramsons Behauptung widersprechen, dass sie bestens für den Job qualifiziert ist. Nach ihrem Studium in Harvard arbeitete sie zunächst beim Time-Magazin und landete nach mehreren Stationen beim Wall Street Journal, bevor sie 1997 zur Times kam, bei der sie bald Chefin des Washington-Büros wurde.

Sie überstand ein angespanntes Verhältnis mit dem damaligen Chefredakteur Howell Raines, der seinen Posten nach nur zwei Jahren wieder räumen musste – ein Schritt, den Abramson angeblich mit vorangetrieben haben soll.

Kriegserfahrene Veteranin

Sie überstand auch Zusammenstöße mit der Bush-Regierung. „Was das angeht, bin ich ein kriegserfahrener Veteran“, sagt sie. „Es gab mehrere Geschichten, die die nationale Sicherheit berührten, die sie nicht gedruckt sehen wollte und bei denen sie uns anhielt, sie nicht zu bringen. Schließlich haben wir sie aber doch gebracht.“

Abramson hat auch schon investigativ gearbeitet – eine Fähigkeit, die sich während der jüngsten Reihe von Wikileaks-Veröffentlichungen, bei denen sie eine wesentliche Rolle spielte, als vorteilhaft erwies. Besonders stolz sei sie jedoch auf die Untersuchungen, die sie zur Zeit des Amtsenthebungsverfahrens gegen Bill Clinton gegen die unabhängige Kanzlei Ken Starr anstellte – Kenneth Starr war Sonderermittler in der Lewinsky-Affäre. „Wir hinterfragten die Motivation [Starrs], und ich bin wirklich stolz, dass wir das gemacht haben, denn alle lebten damals von Tipps von seiner unabhängigen Kanzlei.“

In Zeiten, in denen andere US-amerikanische Zeitungen ernsthafte Recherchen zunehmend einstellen, könnte sich dieses Einfordern investigativer Arbeit im Laufe der kommenden fünf Jahre als entscheidend erweisen. Abramson kennt sich gut mit der Krise der US-amerikanischen Zeitungsindustrie aus. Im vergangenen Jahr schrieb sie einen Essay für das Magazin ­Daedalus, in dem sie eine Chronik der sich entfaltenden Katastrophe erstellte, als Auslandsbüros geschlossen wurden, Redaktionen zusammengestrichen und ganze Zeitungen eingestellt wurden.

Die Times, mit ihrer immer noch imposanten Redaktion von 1.200 Journalisten, hat es weitgehend geschafft, sich diesem Trend zu widersetzen. Aber auch sie ist natürlich keineswegs immun gegen die existenzielle Krise wegen kontinuierlich sinkender Einnahmen aus Anzeigengeschäft und Zeitungsverkauf, die aus der Abwanderung der Leser ins Netz resultiert.

Als leitende Redakteurin, die sie in den vergangenen acht Jahren an der Seite des noch amtierenden Chefredakteurs Bill Keller war, musste auch sie 100 Redaktionsstellen streichen. Aber sie sagt: „Es war nicht die Art von tiefem Einschnitt, den andere Redaktionen verkraften mussten.“

In den vergangenen sechs Monaten hat Abramson sich in die digitale Sparte des operativen Geschäfts der Times vertieft – eine wichtige Vorbereitung, denn die digitale Zukunft der Zeitung könnte über ihren Erfolg oder ihre Niederlage im Sessel des Chefredakteurs entscheiden. Wie gut und wie gründlich wird sie den momentanen Übergang in die digitale Welt bewältigen?

Die Times hat in dieser Hinsicht eine zwiespältige Bilanz vorzuweisen. Auf der einen Seite wird Abramson im September eine Zeitung übernehmen, die in Sachen weltweite Online-Verbreitung eindeutig an erster Stelle steht. Ihre Leserschaft, gemessen in monatlichen Unique Users, ist global und liegt gegenwärtig bei 46 Millionen: Ein Beleg für die einnehmende Verbindung aus hervorragender traditioneller Berichterstattung und einer beeindruckenden Reihe moderner Multi-Media-Angebote und Blogs.

Aber die Times ist auch schon von Lesern dafür kritisiert worden, bei der Weiterentwicklung ihrer Internet-Community und der Öffnung der Zeitung für die Interaktivität des Netzes zu träge zu sein. „Ich würde sagen, das stimmt“, räumt Abramson ein. „Wir bemühen uns jetzt aber sehr, Social Media in die Berichterstattung einzubinden und die Times zu einer Plattform zu machen, auf der die Leute zusammenkommen können. In mancher Hinsicht kommt unsere stärkste Konkurrenz, was Eilmeldungen angeht, von Twitter.“

Twitter: Das Thema berührt die Herausforderung, vor der die Times und auch deren künftige Chefin steht, in ihrem Kern – es geht um die Wahrnehmung, dass die Zeitung sich in ihrem Innersten der digitalen Revolution widersetze.

Bei Twitter ist sie seit gestern

Dieser Eindruck konnte auch – oder gerade – durch die jüngste Serie der von Chefredakteur Keller persönlich verfassten Kolumnen nicht entkräftet werden, in denen er sich etwa über die Internet- und Blogzeitung Huffington Post lustig machte. Sie biete eine Mischung aus „Promi-Klatsch, Videos mit süßen Kätzchen, Posts von unbezahlten Bloggern und von anderen Publikationen übernommenen Berichten“. Außerdem stieß er bei Twitter eine Diskussion darüber an, ob Twitter dumm mache – er gewann nicht nur Fans damit.

Abramson nun verspricht, die digitalen Innovationen mit größerem Tempo voranzutreiben. Sie habe sich ein iPad gekauft, sagt sie, und sie liebe die iPad-Apps der Huffington Post. „Das ist wirklich eine tolle Sache.“ Sie erwähnt auch Arianna Huffington, die charismatische Gründerin der mittlerweile an AOL verkauften Seite. Die beiden haben sich Anfang der neunziger Jahre kennengelernt.

Was aber den Eindruck angeht, den die Times bisweilen nach außen abgibt – das Blatt stehe über den Dingen und missachte hochmütig, was es von der Konkurrenz lernen könnte: Da befindet sich Abramson in einer misslichen Position. Sie kann Kellers Meinung über Twitter kaum kritisieren, da sie selbst bis vor Kurzem noch nicht einmal einen Twitter-Account besessen hat. Fast verlegen gibt sie zu, dass sie eben erst einen eingerichtet habe. Als ich sie frage, wann, antwortet sie: „Heute, oder gestern.“

Ist es nicht ein wenig merkwürdig, dass die kommende Chefredakteurin der wichtigsten Zeitung der USA – die Frau, die mit der entscheidenden Aufgabe betraut sein wird, das Blatt durch eine große digitale Veränderung zu manövrieren – noch nicht einmal ihren ersten Tweet versendet hat?

„Das mag merkwürdig sein, aber ich habe bislang noch keine Notwendigkeit gesehen. Ich bin nicht diese Art von Mensch.“ Abramson verspricht, etwas gegen die Wahrnehmung zu unternehmen, die Times sei eine Institution mit absolutem Wahrheitsanspruch, die nicht mit ihren Lesern in Dialog treten wolle. Es gehe ihr nicht darum, als unerreichbare Stimme einer überlegenen Autorität zu gelten. „Mir ist sehr bewusst, dass die Leser unsere Autorität hinterfragen. Wir müssen uns stärker auf sie einlassen, sie sind für uns eine unglaubliche Ressource – und ja, wir müssen energischer und auf kreativere Weise zeigen, wie großartig unser Online-Publikum ist.“

Bei all dem wird aber dennoch klar, dass sie nicht aus den Augen verlieren will, was die New York Times groß gemacht hat. „Ich denke, die Autorität, die wir genießen, stammt von der Qualität unserer Berichterstattung, und an dieser wird sich nichts ändern“, sagt Abramson. „Niemals.“

Ed Pilkington ist Korrespondent des Guardian in New York

Übersetzung: Zilla Hofmann, Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

08:00 17.06.2011
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12177
The Guardian

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6

Avatar
lisaschwert | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar