Irgendwo dazwischen

Trans Unser Autor wollte von der Frau zum Mann werden, stoppte die Umwandlung aber und lebt nun genderlos
Tyler Ford | Ausgabe 43/2015 17

Heute morgen bin ich aufgestanden, habe einen gelben Minirock und ein bauchfreies Top angezogen, mich fotografiert und das Bild auf Instagram hochgeladen. Ich poste oft Selfies im Netz. Heute reichten die Kommentare von „Sexy, Tyler!“ über „Was zum Teufel! Kerl oder Mädchen?“ bis hin zu „Dir kann echt nur noch eine Therapie helfen“.

Fünf Jahre bevor Caitlyn Jenner die ganze Welt an ihrer Geschlechtsumwandlung teilhaben ließ, bin ich zum ersten Mal auf den Begriff „Transgender“ gestoßen. Ich war 20 und besuchte die Universität in Nashville, Tennessee – sofern es möglich ist, eine Uni zu besuchen, wenn man so schwere Depressionen hat, dass man überhaupt nicht aus dem Bett kommt. Dann entdeckte ich das Youtube-Video eines Transmannes, auf dem dieser das erste Jahr seiner Testosteroneinnahme dokumentierte. Als ich das Video mit einigen meiner Freunde teilte, war die Reaktion bei den meisten: „Oh, wow, wie cool!“ Ich wusste aber nicht, wie ich ihnen sagen sollte, dass dieser Trans-Mann genauso gut auch ich sein könnte.

Anders als die anderen

Ich wuchs als einzige Tochter einer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter in Florida auf. Als ich mit 17 in einem Psychologie-Kurs saß, wurde mir plötzlich klar, dass ich mich in eine der anderen Teilnehmerinnen verguckt hatte. Die Nachmittage verbrachte ich damit, im Internet zu googeln: „Ich glaube, ich hab mich in ein Mädchen verliebt. Bin ich lesbisch?“ Während der folgenden zwei Jahre habe ich begierig alle Folgen von The L Word und South Of Nowhere in mich aufgesogen (zwei Serien, die sich um lesbische Charaktere drehen). Ich versuchte herauszufinden, wo ich dazugehöre. Ich meldete mich bei einem LGBTQ-Onlineforum an. Doch mir war klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Anstatt Erleichterung darüber zu verspüren, dass ich das war, was andere eine Lesbe nannten, fühlte ich mich wie eine Hochstaplerin. Ich wusste, dass ich nicht so war wie das Mädchen aus meinem Kurs, für das ich schwärmte. Ich wusste, dass ich anders war als alle Mädchen, die ich kannte.

Ich versuchte, mich als Lesbe zu akzeptieren, doch es fühlte sich nicht richtig an. Ich wusste nicht, wie ich meiner Sexualität eine konkrete Form geben konnte, wie die Mädchen aus den Serien dies taten, mit denen ich mich zu identifizieren versuchte. Ich fragte mich, ob ich mit einem Mädchen schlafen musste, um mich endlich wie eine Lesbe zu fühlen, doch allein die Vorstellung war mir so fremd, dass ich nicht wusste, wie das gehen sollte und ob ich das wollte.

Als ich an der Uni von transsexuellen Menschen erfuhr, konnte ich mir zum ersten Mal eine Zukunft für mich vorstellen. Ich sah mir endlos Videos von Transmännern in verschiedenen Stadien ihrer Geschlechtsumwandlung an, las Blogs über Gender-Identität, recherchierte die Auswirkungen einer Hormonbehandlung und versuchte, mir aus alldem meine Identität und meine Zukunft zusammenzubauen. Nachdem ich mich acht Monate lang mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, fasste ich den Entschluss, eine Hormontherapie zu beginnen, und outete mich meiner Familie und Freunden gegenüber als transsexueller Mann.

Ich bat sie, mich mit einem neuen Namen anzusprechen und sich mit männlichen Pronomen auf mich zu beziehen. Die meisten zeigten Verständnis. Und ich hatte von Anfang an die Unterstützung meiner Mutter. Sie half mir bei der Organisation, angefangen bei den ganzen Anträgen und dem anderen Papierkram bis hin zu den Arztterminen. Schon nach einem Treffen mit dem Gender-Therapeuten wurde ich als „ausreichend transsexuell“ eingestuft und bekam Testosteron verschrieben. Die Vorstellung, Hormone verabreicht zu bekommen, begeisterte mich – ich stellte mir vor, sie würden den Graben zwischen meinem Körper und meinem wahren Ich schließen.

Das darauffolgende Jahr war aufregend. Mein Körper veränderte sich, und mein Leben veränderte sich mit ihm. Ich schmiss das College, erhielt eine Rolle in einer Reality-Show im Fernsehen, deren Teilnehmer um eine Gastrolle in einer Musical-Comedy-Serie kämpfte, und zog nach Los Angeles. Jeder Tag brachte neue Überraschungen. Es war cool, plötzlich mit einer anderen Schuhgröße aufzuwachen. Ich sang jeden Tag und der Umfang meiner Stimme wurde völlig unvorhersehbar. Ich trauerte dem Verlust meiner hohen Töne nach, war aber jedes Mal völlig aus dem Häuschen, wenn sich mein Tonumfang nach unten erweitert hatte. Alles veränderte sich so schnell, dass ich kaum Schritt halten konnte. Das führte dazu, dass ich kaum darüber nachdachte, ob meine Entscheidung denn richtig gewesen war. Als meine Stimme sich festigte und mein Bart voller wurde, verlor das Mannsein den Reiz des Neuen und ich fiel in die Depression zurück.

Nachdem ich anderthalb Jahre Hormone genommen hatte, sagte mir eine Stimme in meinem Hinterkopf, dass ich das Testosteron absetzen sollte. Ich fühlte mich nicht wie ein Mann. Ich wusste noch nicht einmal, was es bedeutet, sich wie ein Mann zu fühlen. Eines Abends saß ich zwei Stunden auf dem Klo und redete vor der Kamera meines Laptops darüber, wie verloren und hilflos ich mich fühlte. Da wurde mir klar, dass ich mich mit keinem der zwei Geschlechter „männlich“ und „weiblich“ identifiziere.

Nur ein rasiertes Bein

Ich war kurz vorher auf Trans-Blogs auf das Konzept nicht-binärer Geschlechtsidentitäten gestoßen. Fließende Gender-Identitäten und Gender-Neutralität werden in den klassischen Medien ja kaum diskutiert. Als mir klar wurde, dass ich nicht länger als Transmann leben konnte, war das beängstigend und befreiend zugleich. Wie sollte es weitergehen? Was würden die Leute denken? Ich hatte noch nie gesehen, wie jemand seine Identität von „binär Transgender“ zu „nicht-binär Transgender“ entwickelte, mir fehlte jeglicher Bezugspunkt. Und ich hatte keine Ahnung, wie mein Körper auf die Einstellung der Testosteroneinnahme reagieren würde.

Als ich den ersten Tag keine Hormone mehr zu mir nahm, rasierte ich mir nur ein Bein. Für mich symbolisierte das meine Verwirrung, es war ein Statement über den Stand meiner Gender-Identität: im Fluss. Anstatt zu versuchen, mich in irgendein Gender-Stereotyp zu pressen, erlaubte ich mir die Freiheit, mit meinem Aussehen und den Pronomen, die ich für mich verwendete, zu experimentieren. Manchmal trug ich einen Bart und legte leuchtend roten Lippenstift auf, dann rasierte ich mich wieder und trug eine Beanie-Mütze mit einem Button-down-Hemd. Ich hörte auf, mich zu fragen, was es bedeutete, bestimmte Dinge tun zu wollen oder auf eine bestimmte Art aussehen zu wollen.

Ich lebe jetzt seit einem Jahr offen als Agender oder genderlose Person. Für mich bedeutet dies die Freiheit, als Mensch zu existieren, ohne mich von den Beschränkungen der Geschlechterzweiteilung einengen zu lassen. Ich ziehe an, was ich will, und mache, wozu ich Lust habe. Wenn sie mich sehen, wissen Leute oft nicht, was sie von mir halten sollen, wie sie mich einordnen sollen. Für sie passen die Rundungen meiner Hüften nicht mit dem Bartwuchs zusammen.

Meine Existenz bringt Menschen dazu, alles infrage zu stellen, was man ihnen über Gender beigebracht hat. Und das bringt sie dazu, infrage zu stellen, was sie über sich selbst wissen – das macht ihnen Angst. Fremde wollen oft wissen, ob ich männliche oder weibliche Genitalien habe. Sie hoffen, mein Körper halte eine eindeutige Antwort bereit. Doch das tut er nicht. Meine Wahrheit steckt in dem, was ich sage. Mein Körper ist nur das Vehikel, das es ermöglicht, mich auszudrücken.

Wenn ich eine öffentliche Toilette benutze, muss ich jedes Mal dem gleichen geistigen Drehbuch folgen: „Ja, ich habe gelesen, was draußen an der Tür steht.“ „Ich bin nur hier, um zu pullern, bitte lassen Sie mich in Ruhe.“ „Ich habe ebenso wenig Lust darauf, hier zu sein, wie Sie, aber es gibt nun einmal hier in der Gegend keine geschlechtsneutrale Toilette.“

Hinzu kommt die Angst, belästigt zu werden. Wenn ich mich morgens anziehe, richtet sich das, was ich auswähle, nicht immer danach, wie ich empfinde, sondern danach wie sicher ich mich fühle. Wenn ich abends ausgehe, muss ich den gelben Minirock oft gegen eine schwarze Skinny Jeans eintauschen: Ich weiß genau, was Leuten wie mir in der S-Bahn zustoßen kann. Sie werden oft verprügelt, manchmal totgeschlagen.

Trotzdem: Zum ersten Mal fühle ich mich mit meinem Körper und meiner Identität im Reinen. Im Spiegel bin ich einfach nur Tyler – ein wundervoller Mensch mit brauner Haut, krausem Haar und strahlenden Augen.

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 28.10.2015
Geschrieben von

Tyler Ford | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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