Ist der IS am Ende?

Syrien Die Menschen in den befreiten Städten atmen auf. Aber für den Westen ist die Terrorgefahr noch lange nicht gebannt

Für den sogenannten Islamischen Staat (IS) lief es nicht gut in den vergangenen Monaten. Zum ersten Mal, seit die Terrororganisation Anspruch auf Teile Syriens und des Irak erhoben hat, verfügt sie über keine direkte Verbindung nach Europa mehr. Die schwarzen Flaggen, die lange über den Städten und Dörfern entlang der syrisch-türkischen Grenze wehten, sind verschwunden, und die Kämpfer des Kalifats fliehen vor den anrückenden türkischen Panzern. Sollten die Auflösungserscheinungen anhalten, dürfte der IS bald auch seine noch verbleibenden Gebiete in Syrien verloren haben. Seine letzten Bastionen werden Rakka und die Wüstengebiete im Nordosten sein, die Region, in der im April 2013 der Aufstieg der Miliz begann und von wo aus sie einen Großteil ihrer Anschläge plante.

Die Dschihadisten erscheinen nun bei weitem nicht mehr als so große Bedrohung für die regionale Ordnung wie noch Mitte 2014, als ihr Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, seinen Herrschaftsanspruch über einen Landstrich verkündete, der sich vom Osten Syriens in den Westen des Irak erstreckte. Doch es ist ziemlich unklar, wie es jetzt weitergehen wird. In den Augen vieler europäischer Regierungen ist die vom IS ausgehende Gefahr zu einer globalen Bedrohung geworden, die durch dessen Gebietsverluste keineswegs abnimmt. Ein militärischer Erfolg könnte sich sehr wohl als Pyrrhussieg erweisen.

Ankara hat andere Prioritäten

Zu seinen Hochzeiten kontrollierte der IS ein Gebiet, das von der Stadt al-Bab im Hinterland von Nordsyrien bis Mosul im Nordirak reichte. Er verschob regelmäßig Truppen zwischen den beiden Punkten und nutzte die nicht weit im Norden gelegene Grenze zur Türkei als Versorgungslinie für Kämpfer, Geld und Lebensmittel. Von diesem Einflussgebiet aus errichtete er mithilfe von Öleinnahmen, Steuern und dem, was seine Kämpfer von den irakischen und syrischen Truppen erbeutet hatten, eine abgeschottete, autarke Schreckensherrschaft, die auf einer kompromisslosen Deutung islamischer Grundsätze, zügelloser Brutalität und extremer Grausamkeit gründete. Ausländische Kämpfer, von denen einige wieder nach Europa zurückgekehrt sind, nutzten Städte wie Manbidsch oderDscharabulus bei ihrer Ein- und Ausreise als Zwischenstationen.

In den vergangenen Wochen hat der IS sie beide verloren. Nach einem monatelangen und entbehrungsreichen Kampf fiel Manbidsch an die kurdischen Volksschutzeinheiten der YPG, die die USA in den vergangenen Monaten mit ihren Luftschlägen unterstützt und als ihre Bodentruppen aufgebaut haben. Die türkische Armee konnte Dscharabulus hingegen in weniger als 24 Stunden einnehmen, da der IS ihr die Stadt fast kampflos überlies. Türkische Truppen marschierten zum ersten Mal seit Beginn des Aufstandes gegen Baschar al-Assad vor fünf Jahren auf breiter Front in Syrien ein. Ankara geht es aber nicht in erster Linie darum, dem IS Einhalt zu gebieten. Viel wichtiger ist der türkischen Regierung, die von den USA unterstützten Kurden daran zu hindern, in weitere, gegenwärtig noch von arabischen Milizen gehaltene Gebiete im Nordosten Syriens vorzudringen.

Durch den Einmarsch in Syrien hat die Türkei das Erscheinungsbild des Krieges gegen den IS verändert. Spielte sie in diesem bislang selbst keine aktive Rolle, hat sie nun eine Führungsrolle dabei übernommen, wie die Militäroffensive am Boden sich weiter gestaltet.

Arabische Rebellengruppen, die aus neu formierten Einheiten der gegen Assad gerichteten Freien Syrischen Armee zusammengestellt worden waren, fuhren auf türkischen Panzern über die Grenze und besetzten 680 Quadratkilometer syrisches Territorium. Sie sind nun dabei, sechzig Kilometer südlich der Grenze eine Pufferzone einzurichten. Al-Bab, wo der IS die Anschläge in Paris, Brüssel und Istanbul hauptsächlich geplant hat, liegt nun in Sichtweite der türkischen Truppen. Die Kurden haben währenddessen ihren Vormarsch gestoppt. Ihre Reihen sind durch die Desertion Dutzender arabischer Kämpfer ausgedünnt, die sich zuvor nur widerstrebend mit ihnen verbündet hatten.

Der Einmarsch der neuen Allianz in Dscharabulus hat mehr Einsichten in die Vorgehensweise des IS erbracht, der nach der jüngsten Reihe von Niederlagen nun schätzungsweise 35.000 bis 50.000 Kämpfer verloren haben dürfte. „Sie haben die Kinder recht erfolgreich einer systematischen Gehirnwäsche unterzogen“, erzählt der Anwalt Mohammed Hamdan aus Dscharabulus. „Alle Elemente des wirtschaftlichen Lebens sind verschwunden. Sie haben die Menschen gezwungen, mit ihnen zusammenzuarbeiten.“ Sobald die Dschihadisten geflohen waren, nahmen Frauen in Manbidsch die unter den Extremisten obligatorische Gesichtsverschleierung und die schwarzen Umhänge ab. Schon bald wurden die Schulen wiedereröffnet, die Männer rasierten sich ihre Bärte – alles Dinge, für die man zuvor ausgepeitscht worden wäre – oder Schlimmeres.

Die letzte Bastion

In Dscharabulus wurde die allgegenwärtige, auf alle Regierungsgebäude aufgemalte schwarze Flagge übermalt. Die Märkte öffneten, und Männer und Frauen konnten wieder ganz normal miteinander umgehen. „Der IS nutzte Dscharabulus als Ausgangspunkt für seine Operationen in der Türkei“, sagt Hamdan. „Sie haben die Moscheen dazu missbraucht, ihre brutalen Morde zu rechtfertigten. Das war in den vergangenen Monaten das beherrschende Thema. Sie nutzten die Moscheen, um den Leuten klarzumachen, dass sie immer noch die Kontrolle über sie hatten. Doch ihre Anspannung war offensichtlich. Ihnen war klar, dass sie einen bedeutenden Teil ihres strategisch wichtigen Territoriums verlieren würden. Die meisten Leute, egal, ob sie für oder gegen den IS waren, verließen die Stadt und gingen nach Maskanah oder al-Tabqa und dann nach Rakka.“

Diese Regionen stellen die letzte Bastion des IS in Syrien dar und werden in den kommenden Wochen das Ziel weiterer militärischer Vorstöße sein. Wer diese Angriffe durchführen wird, ist allerdings noch unklar. Die Verbindung zu den irakischen Hochburgen al-Bukamal, Ba’ej, Tal Afar und Mosul ist gegenwärtig noch intakt, doch auch im Irak schrumpft das „Kalifat“ schnell zusammen.

Während ein Angriff auf die Millionenmetropole Mosul lange als zu gefährlich angesehen wurde, gilt er nun zu Beginn des nächsten Jahres als sicher. Die irakische Armee, die vor den Dschihadisten geflohen war, wurde neu aufgestellt und verstärkt. „Die Erfolge auf dem Schlachtfeld haben den Männern Selbstvertrauen gegeben“, sagt ein in Bagdad ansässiger Diplomat. „Während die irakischen Truppen heute besser dastehen, ist der IS in einer schlechten Verfassung. Überall da, wo sie in letzter Zeit versucht haben, Widerstand zu leisten, wurden sie verjagt. Sie wissen, dass das Ende naht.“

Trotz all ihres blinden Dogmatismus legt die IS-Führung in dieser Situation einen ausgesprochenen Pragmatismus an den Tag. Die Kontrolle über ein festes Territorium, die in der stürmischen Anfangszeit so wichtig war, hat für Baghdadi und seinen Führungsstab nun keine so große Bedeutung mehr wie die Kontrolle über die Bevölkerung, die sich noch innerhalb der Grenzen des schnell schrumpfenden Kalifats befindet. „Diejenigen, die das Sagen haben, sind hochintelligente Leute. Sie sind bereit, Tausende von weniger wichtigen und weniger disziplinierten Anhängern aufzugeben“, meint ein westlicher Diplomat.

Europa als Hauptziel

Ein Sicherheitsbeauftragter, der die Entwicklung des IS ebenfalls verfolgt, äußert die Ansicht: „Es steht außer Frage, dass sie Leute nach Europa geschickt haben. Wir wissen, dass sie damit rechnen, dass einige geschnappt werden. Das nehmen sie in Kauf. Andere sind schon auf dem Weg oder bereits vor Ort.“

Diejenigen, die die Anschläge von Paris und Brüssel planten, kehrten nach Europa zurück, nachdem sie zwischen al-Bab und Rakka von einer speziellen IS-Zelle ausgebildet worden waren. Sowohl die Pariser als auch die Brüsseler Zelle wurden über die Grenze in die Türkei und dann auf einer sorgsam geplanten Reise durch den Kontinent geschickt. Während Sicherheitsvertreter in Europa davon ausgehen, dass ein Großteil der ausländischen Kämpfer des IS getötet wurde – ihre Anführer betrachteten sie als verzichtbar –, sind doch mehrere hundert nach Europa zurückgekehrt, wo sie auf Anweisungen aus Syrien und dem Irak warten. „Deshalb spielt es in gewisser Weise keine Rolle, ob sie hier gerade Territorium verlieren“, sagt der westliche Diplomat. „Sie sind sogar noch gefährlicher als vor einem Jahr.“

Die Anführer des IS rechnen damit, dass Gefolgsleute aus einem Gefühl göttlicher Bestimmung heraus ihre eigenen Angriffe ausführen werden, ohne direkte Anweisungen von der Organisation zu erhalten. Solche Schläge werden für den IS immer wertvoller. Sie sind relativ leicht auszuführen und sehr schwer aufzudecken.

Obwohl sie schnell an Boden verlieren und in vielen ihrer umkämpften Städte die Moral sinkt, sind die Anführer des IS überzeugt, dass der Groll der Sunniten noch immer ausreicht, um ihnen ihre Macht zu sichern. Nach ihrer Lesart wurden die Sunniten vom Westen ihrer Macht und ihres Einflusses beraubt. Die Kämpfer werden mit der Behauptung gelockt, ihre Generation habe das Privileg, nicht nur diese Demütigungen zu korrigieren, sondern den verlorengegangenen Ruhm des Islam wiederherzustellen. Welche Formen dieser Kampf in den kommenden Monaten annimmt, wird entscheidend sein für die Richtung, die die Auseinandersetzung mit dem IS nehmen wird.

Für den Augenblick wird die Rolle der Türkei entscheidend sein. Ihr Ziel – die kurdischen Gebiete durch einen 140 Kilometer breiten Korridor getrennt zu halten, in dem arabische Milizen das Sagen haben – liegt in Reichweite. Nachdem man der Türkei vorgeworfen hat, zu langsam auf die Bedrohung durch den IS reagiert zu haben, der seine Reihen immer wieder durch die durchlässige, oft unkontrollierte Grenze auffüllen konnte, errichtet Ankara nun entlang eines Teils der Demarkationslinie eine Mauer.

Im Irak hat der IS nun außerhalb seiner Hochburgen ebenfalls große Schwierigkeiten, seine Versorgungslinien zu sichern. Dass sie von dort die Grenze zu Syrien nach wie vor passieren können, ist für die Kämpfer der Terrormiliz, die eine sicherere Zuflucht suchen oder fliehen wollen, nur ein schwacher Trost. Auch die in der Wüste gelegenen, gut gesicherten Grenzen zu Saudi-Arabien und Jordanien stellen keine Option dar. „Die Moral ist am Boden“, räumt ein Vertreter des IS ein. „Selbst in Rakka. Aber sie sind schlau. Sie haben all das eingeplant und investieren viel, um ihre Leute nach Europa zu schicken. So schnell wird es nicht vorbei sein. Man konnte das in ihrer Geschichte immer wieder sehen. Wenn sie eine Niederlage erleiden, halten sie sich eine Weile bedeckt und kommen erst nach einer Weile wieder hervor. Sie haben noch immer ihre Ideologie.“

Martin Chulov ist der Nahost-Korrespondent des Guardian.

Mitarbeit: Şafak Timur, Übersetzung: Holger Hutt

06:00 12.10.2016
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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