Jenseits der gläsernen Decke

Widerstand Facebook-Managerin Sheryl Sandberg will Frauen Karrieretipps geben. Warum wird sie dafür so angefeindet?
Hadley Freeman | Ausgabe 12/2013 9
Jenseits der gläsernen Decke

Foto: Picture Alliance / Landov

Beginnen wir mit einem Witz: Wie gelingt es einer linksliberalen Feministin am einfachsten, andere linksliberale Feministinnen gegen sich aufzubringen? Die Antwort: Sie schreibt ein Buch über Feminismus für Frauen. Ha, ha. Okay, das ist vielleicht nicht besonders lustig, aber doch immerhin aktuell.

Nehmen wir Sheryl Sandberg. Sie hat schon viele eindrucksvolle und hochrangige Jobs gehabt: Sie war Stabschefin im US-Finanzministerium, hatte bei Google eine Position mit einem ellenlangen Titel inne und ist heute Geschäftsführerin bei Facebook. Ganz egal, welchen Maßstab man anlegt: Sie ist ziemlich beeindruckend. Das Lustige ist aber – und ich verspreche, dass es lustiger ist als der obige Witz –, dass sie die meiste Kritik und wahrscheinlich auch die größte Aufmerksamkeit nun für eine Position erhält, die sie nie für sich beansprucht hat: jene der feministischen Wortführerin.

Sandberg schreibt im Vorwort ihres kürzlich veröffentlichten Buchs Lean In: Women, Work and the Will to Lead ausdrücklich, es handele sich nicht um ein „feministisches Manifest“, sondern lediglich um „so etwas Ähnliches wie ein feministisches Manifest“. Sie vermischt in dem Buch Geschichten aus ihrem Leben mit Lektionen, die sie gelernt hat, und gibt anderen Frauen, die so werden wollen wie sie, Ratschläge, was sie tun sollten, um ihre Karrieren und die der Frauen nach ihnen voranzutreiben. Der Modus Operandi ihres Buchs ist folgender: Hier ist meine Geschichte. Hier ist das, von dem ich glaube, dass ihr daraus etwas lernen könnt. Nun lasst uns die Dinge voranbringen! Die Lektüre ist unterhaltsam und anregend. Und es war abzusehen, dass Sandberg dafür ordnungsgemäß heruntergemacht würde.

Powerpoint-Powerfrau

„Warum Sheryl Sandberg keine Betty Friedan ist“, schrieb etwa The New Republic (hatte ich bereits erwähnt, dass Sandberg ziemlich deutlich macht, dass sie kein feministisches Manifest geschrieben hat?). Friedan, die mit ihrem Bestseller Der Weiblichkeitswahn in den sechziger Jahren ein feministisches Standardwerk verfasst hat, habe nämlich nicht aus der Perspektive von Vorstandsetagen geschrieben. In der gleichen Zeitschrift kritisierte ein weiterer Artikel über Sandbergs Buch den „Mythos und Wahnwitz des Davos-Feminismus“.

Die New-York-Times-Kolumnistin Maureen Dowd äußerste sich ähnlich abfällig über Sandberg und behauptete, diese habe „einen großartigen Plan, wie man zur Powerpoint-Powerfrau in Prada-Stiefeletten wird“ – wobei sich Designerschuhe und Feminismus natürlich per se ausschließen! Andere Kritikerinnen – von denen viele das Buch nicht mal gelesen haben – verhöhnten es als Sandbergs „Eitelkeitsprojekt“. Ginge es Sandberg wirklich um die Befriedigung ihrer persönlichen Eitelkeit, würde sie dies aber nur in größere Nähe zu Friedan rücken, die ihren Promi-Status bekanntlich sehr genossen hat.

Diese und viele weitere Artikel unterstellen, Sandbergs Vermögen und ihr sozialer Status ließen ihr Interesse am Feminismus zweifelhaft erscheinen und machten sie blind für die Tatsache, dass ihr Rat für die meisten Frauen keine Bedeutung habe. All diese Kritiken lassen sich zu einem großen Vorwurf zusammenfassen: „Denk über deine Privilegien nach, Sandberg!“ Dabei betont Sandberg ja nicht nur gleich zu Beginn, dass ihr Buch kein Manifest sei, sondern weist auch darauf hin, dass „die allermeisten Frauen sich erheblich strecken müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen“, und dass „Teile dieses Buches vor allem für die Frauen relevant sein werden, die in der glücklichen Lage sind, die Wahl zu haben“. Aber warum sollte man sich bei seinem Spott von Tatsachen stören lassen?

Die Tendenz, eine Frau, die sich mit Feminismus auseinandersetzt, aufgrund ihres Hintergrundes zu diskreditieren, ist nicht ganz neu. Bereits seit den achtziger Jahren gibt es im Feminismus den intersektionellen Ansatz, der argumentiert, dass feministische Theorie stets die verschiedenen, sich überlagernden Formen von Unterdrückung gegenüber Minderheiten wie beispielweise schwarzen oder lesbischen Frauen berücksichtigen müsse – und es ist ja richtig, mehr Menschen mit unterschiedlichem sozialem und kulturellem Hintergrund vertreten zu wollen. Hatte doch die zweite Frauenbewegung in ihren Anfängen nicht besonders weit über den Tellerrand der weißen Mittelschicht hinausgeblickt.

Kein feministischer Wälzer

Doch es gibt den Punkt, an dem jeder gut gemeinte Schritt hin zu mehr Inklusion als Vorwand missbraucht wird, andere mit Absolutheitsansprüchen zu terrorisieren und sich gegenseitig den Mund zu verbieten. Wenn Donald Trump ein Buch über beruflichen Erfolg schreibt – worum es in Sandbergs Buch, auch wenn sie sich auf Frauen konzentriert, letztlich genauso geht –, wird ihm nicht von anderen Männern vorgeworfen, er sei elitär. Vielleicht wird ihm vorgeworfen, er sei ein Idiot, aber das ist eine andere Geschichte. Nein, Trump versucht nicht, für alle Männer zu sprechen. Ebenso wenig versucht Sandberg, dies für alle Frauen zu tun.

Wenn ein Buch über Feminismus und Frauen großen Erfolg hat oder viel Aufmerksamkeit erregt, so wird es oft automatisch als feministischer Wälzer mit Allgemeingültigkeitsanspruch betrachtet. Diejenigen, deren Perspektive in dem Buch nicht berücksichtigt wird, fühlen sich dann angegriffen oder ignoriert. Doch niemand kann für alle Frauen sprechen, denn Frauen – wie der Intersektionalitätsansatz ja betont – sind keine homogene Gruppe. Mir ist noch kein Buch über Frauen oder Feminismus untergekommen, das für sich den Anspruch erhoben hätte, dies zu tun.

Gewiss, es ist irritierend und wenig hilfreich, wenn Autoren Ratschläge erteilen und dabei ihre persönlichen Privilegien als universell zugrunde legen. Auf Sandberg trifft dies jedoch nicht zu. Ihr Buch mag Mängel aufweisen, doch allein deshalb sollte man ihm nicht seine Bedeutung absprechen. Es ist wichtig, dass Frauen in den Führungsetagen von Unternehmen und in Regierungen stärker vertreten sind. Dies betrifft alle Frauen. Nur weil eine Geschichte für einige keine persönliche Bedeutung hat, bedeutet dies noch lange nicht, dass die Geschichte an sich nicht relevant ist.

Hadley Freeman schreibt als Kolumnistin und Reporterin für den Guardian regelmäßig über Genderthemen

Übersetzung: Holger Hutt

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09:00 26.03.2013
Geschrieben von

Hadley Freeman | The Guardian

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The Guardian

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