Kein Herz der Finsternis

Neuland Lange war Afrika ein Synonym für „Dritte Welt“. Doch inzwischen hat der Kontinent große Perspektiven. Es ist Zeit, ihn mit neuen Augen zu betrachten
Kein Herz  der Finsternis

Illustration: Der Freitag

"Entwicklungsland" oder "Dritte Welt" - Worte und Begriffe, die mehr über uns als über den schwarzen Kontinent aussagen: Wir sind überlegen, ihr seid unterentwickelt. Ihr braucht unsere Hilfe. Ihr seid nicht unabhängig, sondern abhängig von uns.

Aber die Situation hat sich geändert. Afrika ist nicht mehr das "Herz der Finsternis". Es ist der Kontinent, dem für die nächsten zehn Jahre das weltweit größte Wirtschaftswachstum prognostiziert wird, dessen Filmindustrie "Nollywood" mehr Umsatz macht als "Hollywood". Höchste Zeit, sich einen neuen Überblick zu verschaffen:

Technologie

Handy

Geldtransfer via Mobiltelefonie ist in der westlichen Welt eine futuristisch anmutende Idee. In Afrika hingegen, wo 700 Millionen Menschen inzwischen Handys besitzen, ist das längst Alltag. Den Anfang machte 2007 M-Pesa in Kenia. Heute benutzen 68% aller Bewohner des Landes ihr Handy, um Rechnungen zu bezahlen, Einkäufe zu tätigen oder sogar Kredite aufzunehmen.

Internet

Obwohl weltweit nur sechs Prozent aller Internetnutzer Afrikaner sind, hat der Kontinent die größten Zuwachsraten: In den letzten zehn Jahren stieg die Internetnutzung um sagenhafte 2.000 Prozent. Ägypten, wo Social Media ja bekanntlich eine wichtige Rolle während der Revolution spielte, belegt dabei Platz 1: Elf der 80 Millionen Einwohner sind bereits bei Facebook.

Weltraum

Das größte, teuerste und radikalste astronomische Projekt der Welt findet derzeit in Südafrika statt: Im Jahr 2022 wird dort ein gigantisches, 1,5 Milliarden Euro teures Radioteleskop in Betrieb genommen, das SKA heißt: Square Kilometre Array. Das Teleskop soll hochauflösende Bilder des Himmels liefern und Antworten auf fundamentale Fragen über Ursprung und Entwicklung des Universums geben.

Erfindungen

Die „Maker Faire Africa“ ist eine Art Frankfurter Buchmesse für Daniel Düsentriebe. Erfinder präsentieren dort ihre besten (und manchmal irrsten) Arbeiten: GPS-gesteuerte Autos, Überwachungsanlagen (siehe Foto) oder Lampen, die per SMS bedient werden. Die Messe dient US-Unternehmen und Universitäten als Rekrutierungsbörse. Am 5. November ist es wieder soweit – diesmal in Lagos.

Politik

Wahlen

Der Demokratisierungsprozess in Afrika stockt noch immer. Bei einer Untersuchung der Economist Intelligence Unit aus dem Jahr 2011 wurden 27 der 54 Länder als Diktaturen eingestuft. Der Tschad schnitt dabei nur knapp besser ab als Nordkorea. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Die Anzahl demokratischer Wahlen nimmt stetig zu. Seit 2001 fanden jedes Jahr zwischen 15 und 20 freie Wahlen statt.

Frauen

Frauen sind in den Parlamenten Afrikas noch immer massiv unterrepräsentiert, weil schlecht vertreten. Und doch kann man eine leichte Veränderung beobachten: Ruanda war im Jahr 2008 das erste Land, in dem Frauen die Mehrheit im Parlament stellten, nämlich 53 Prozent. In unserem Bundestag dagegen sitzen knapp über 30 Prozent, das sind übrigens genau so viele wie in Algerien.

Korruption

Korruption ist eines der Hauptprobleme des Kontinents. Umso überraschender war die Meldung von Transparency International, dass Botswana auf dem internationalen Index inzwischen den 32. von 183 möglichen Plätzen belegt. Damit hat sich das Land innerhalb von drei Jahren um sechs Plätze verbessert. Und noch das: Damit ist Botswana weniger korrupt als über die Hälfte der europäischen Staaten.

Staatsgründung

Am 9. Juli 2012 feierte der Südsudan, das jüngste Land Afrikas, sein einjähriges Bestehen. Trotz einer noch immer angespannten Beziehung zum nördlichen Nachbarn Sudan – nach Vermittlung durch Südafrika einigten sich die beiden Konfliktparteien auf eine entmilitarisierte Demarkationslinie – erholen sich die Bewohner langsam von den zwei Jahrzehnten blutigen Bürgerkriegs.

Krieg/Frieden

In Afrika herrscht Krieg. Somalia befindet sich weiterhin in einem schweren Bürgerkrieg; und viele Regionen, darunter Kongo, Mali und Sudan, werden immer wieder von bewaffneten Unruhen erschüttert. Aber was man oft vergisst: Südlich der Sahara gibt es seit 1992 immer weniger Kriege. In Angola, Mosambik oder Liberia – lange Zeit Synonyme für Krisenregion – herrscht inzwischen Frieden.

Journalisten

In den letzten Jahren sind in Afrika immer mehr Journalisten verhaftet worden. Seit Ende des vergangenen Jahres waren es allein 52 – in nur neun afrikanischen Ländern. 28 von ihnen stammten aus Eritrea, wo die Pressefreiheit in den letzten zehn Jahren radikal eingeschränkt wurde. Die NGO „Committee to Protect Journalists“ bezeichnete das Land jüngst als das am heftigsten zensierte der Welt.

Umwelt

Safari

Vergangenes Jahr ist KAZA entstanden: der größte Nationalpark der Welt, der sich über Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe erstreckt. Über die Hälfte aller afrikanischen Elefanten lebt hier auf einer Fläche so groß wie Deutschland. Die Idee hinter dem NGO-Projekt: Nicht nur ausländische Investoren sollen hier Geld verdienen, sondern auch die Menschen aus der Region.

Regenwald

Auf dem Gebiet der Demokratischen Republik Kongo liegt das zweitgrößte Regenwaldgebiet der Welt. Seit 1990 verdoppelt sich die jährliche Abholzung . „Redd+“ ist ein Modell, das durch finanzielle Anreize diese Rodung stoppen will: Der in den Wäldern gespeicherte Kohlenstoff erhält einen monetären Wert, dadurch entsteht eine neue Berechnungsgrundlage für den ökonomischen Nutzen einer Rodung.

Kultur

Film

In weniger als 15 Jahren ist Nigerias Filmindustrie die zweitgrößte der Welt geworden. Vor Hollywood und knapp hinter Bollywood. In „Nollywood“ werden jährlich 1.000 Filme produziert, die fast eine halbe Milliarde Euro einspielen (rechts im Bild: Promotion auf der jährlichen Filmmesse in Lagos). Die Filme werden auf billigen CDs statt DVDs gebrannt und für weniger als zwei Dollar verkauft.

Literatur

Aus Hargeysa, der Hauptstadt der unabhängigen, aber nicht anerkannten Republik Somaliland, kommen nach Jahrzehnten der Horrormeldungen mal wieder positive Nachrichten: Die Hargeysa Book Fair, die internationale Buchmesse, wird mehr und mehr zum Fixpunkt der afrikanischen Verlagswelt. Im Juli, also gerade erst, feierte sie schon ihr fünfjähriges Jubiläum.

Musik

Die Republik Mali ist ein Vielvölkerstaat und zählt zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Hier findet aber auch jährlich das legendäre „Festival au Désert“, das populärste Musikfestival Nordafrikas, statt. Das Festival, das für einen weltoffenen und friedfertigen Islam wirbt, wird von Islamisten aus dem Norden bedroht. Aus Sicherheitsgründen soll es nächstes Jahr in ein benachbartes Sahara-Land umziehen.

Wirtschaft

Milliardäre

Die reichste Person mit afrikanischen Wurzeln ist nicht mehr Oprah Winfrey, sondern Aliko Dangote (siehe links). Der „Zementkönig“ Nigerias ist der CEO der Dangote Group, die mit Zement, Lebensmitteln, Immobilien, Öl und Telekommunikation Handel treibt. Dangote liegt auf Platz 76 der reichsten Menschen der Welt. Es gibt weltweit 1.226 Milliardäre, 15 davon sind Afrikaner.

Unternehmertum

Mauritius ist weltweit einer der besten Orte, um ein Unternehmen zu gründen. Die Weltbank bewertete in einer Untersuchung unter anderem: Wie bürokratisch geht es dort zu? Gibt es Steuererleichterungen? Den 1. Platz belegte Singapur, Deutschland den 19., und Mauritius den 23. Aber: Acht der letzten zehn Staaten waren ebenfalls afrikanische. Der schlechteste Ort der Welt: der Tschad.

Wachstum

Für die nächsten zehn Jahre wird dem Kontinent das weltweit größte Wachstum prognostiziert. Schon während des vergangenen Jahrzehnts waren sechs afrikanische Staaten unter den zehn Ländern mit dem schnellsten Wachstum. Und selbst das bitterarme Äthiopien verzeichnet heute einen Anstieg von 7,5 Prozent und nennt den zehntgrößten Viehbestand der Welt sein Eigen.

China

Das Gerücht, China würde Afrika „aufkaufen“, hält sich hartnäckig. Aber was ist da dran? 2010 löste China die USA als Afrikas wichtigsten Geschäftspartner ab. Das Handelsvolumen stieg vom Jahr 2000 bis 2011 von 10,6 auf 160 Milliarden Dollar. 13 Milliarden hat China bislang in Afrika investiert. China finanzierte auch den Bau des 200-Millionen-teuren Hauptquartiers der African Union in Addis Abeba.

Ausverkauf

Fast die Hälfte der letzten noch unkultivierten Gebiete der Welt befindet sich in Afrika – rund 200 Millionen Hektar. Internationale Unternehmen, Oligarchen und Scheiche aber langen dort kräftig zu: Zwischen 2004 und 2009 verkaufte der Sudan vier Millionen Hektar seines Landes an ausländische Investoren. Und allein im Jahr 2009 wurden 29 Millionen Hektar südlich der Sahara verkauft.

Soziales

Hunger

Trotz des starken Wirtschaftswachstums ist die Versorgung eines der größten Probleme Afrikas. Aufgrund von Verteilungsfehlern, kriegerischen Konflikten und Dürre drohen vielerorts Hungerkatastrophen. In einem globalen Vergleich über die Lebensmittelsicherheit aller Länder erreichte Kongo auf einer Skala von 1 bis 100 nur 15,9 Punkte. Deutschland erzielte dort 79,9 Punkte.

Demografie

In Uganda sind 55 Prozent der Bevölkerung jünger als 18 Jahre. Es gibt 200 Millionen Afrikaner in der Altersgruppe der 15 bis 24-Jährigen. Die Zahl wird sich bis zum Jahre 2045 verdoppeln. In den Jahren 2000 bis 2008 wuchs die Zahl der Afrikaner im arbeitsfähigen Alter um 57 Millionen. Prognosen gehen davon aus, dass auf dem Kontinent im Jahr 2040 mehr Arbeitskräfte leben als in Indien und China.

Bildung

Wo steht Afrika im internationalen Bildungsvergleich? 33 Prozent aller Afrikaner sind Analphabeten. Aber die Unterschiede zwischen den Ländern sind gewaltig: In Äquatorialguinea sind es nur sieben, in Mali dagegen 85 Prozent. In Lesotho (siehe Foto oben) lagen die Ausgaben für Bildung bei 13,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist ein Rekord für Afrika. Aber nicht nur da: Bei uns sind es 6,1 Prozent.

Kindersterblichkeit

Das ist eine der wichtigsten Nachrichten aus Afrika: Seit dem Jahr 2005 ist in über zwölf afrikanischen Ländern die Kindersterblichkeit deutlich zurückgegangen. In Senegal, dem Spitzenreiter dieser Gruppe, fiel die Sterblichkeitsrate jährlich sogar um wunderbare zehn Prozent. Sollte dieser Trend anhalten, wird sich die Kindersterblichkeit in Senegal bis zum Jahr 2022 halbiert haben.

In unserer Printausgabe finden Sie eine informative Karte, auf der die einzelnen Punkte genauer verortet sind.

Mehr zum Wochenthema "Das neue Afrika"

Bitte weitersagen: Black is back - fünf neue Gesichter, die den Kontinent verändern

Erstaunliche Effekte - einfache Ideen, die erstaunlich Großes bewirken

Stolz, Afrikaner zu sein - über das Selbstbewusstsein einer neuen Mittelschicht, das mit der Wirtschaft wächst

Der Fluch der Pipelines - ein packender Roman aus Nigeria, der nun zu Recht die deutsche Krimibestenliste bereichert: "Öl auf Wasser“

09:10 06.09.2012
Geschrieben von

The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 9793
The Guardian
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 7