Krank durch Kunst

Medizin Mona Lisa hatte zu viel Cholestorin, Michelangelo Nierensteine ­– ein Forscher sieht es ihren Gemälden an

Mag sein, dass die Mona Lisa geheimnisvoll lächelt. Doch Mona Lisa – oder genau genommen Leonardo da Vincis Modell – hatte vor allem einen besorgniserregenden Cholesterinspiegel. Zu dieser Schlussfolgerung gelangt der italienische Wissenschaftler Vito Franco, der die Schnittstelle zwischen Kunstgeschichte und Medizin aus einem ganz neuen Blickwinkel erforscht. Er hat sich da Vincis Meisterwerk mit den Augen eines Mediziners angesehen und neben dem linken Auge der Mona Lisa ein sogenanntes Xanthom, eine gelbliche Cholesterinablagerung unter der Haut, diagnostiziert. An der einen Hand der Schönen entdeckte er außerdem ein verräterisches Liptom, einen gutartigen Fettgewebe-Tumor.

„Den Künstlern mag das gar nicht aufgefallen sein, aber ihre Modelle geben uns ihre menschliche Verwundbarkeit preis“, erklärte Professor Franco der italienischen Tageszeitung La Stampa.

Franco hat unter anderem herausgefunden, dass zwei Ikonen der Renaissance an einer seltenen Krankheit litten, von der vermutlich auch Osama bin Laden betroffen ist. Die Eine ist Botticellis Porträt eines Jünglings mit roter Mütze und überheblichem Gesichtsausdruck. Das Gemälde hängt heute in der National Gallery of Art in Washington. Die andere ist die geschmeidige, drahtige Dame, die Parmigianino um 1530 für seine Madonna mit dem langen Hals Modell saß. Das unvollendete Werk, an dem Parmigianino sechs Jahre arbeitete, hängt in den Uffizien in Florenz.

Beide Modelle haben unnatürlich lange Finger und auffallend schlanke Hände. Franco geht davon aus, dass sie an einem Gendefekt litten, der als Marfan-Syndrom bekannt ist, benannt nach dem französischen Kinderarzt, der die Krankheit im 19. Jahrhundert als erster diagnostizierte. Auch al-Qaidas hoch gewachsenes, knochendürres Oberhaupt soll vom Marfan-Syndrom betroffen sein, das Bindegewebe schwächt.

Im Verlauf der Jahrhunderte wurden unzählige Texte über die rätselhafte Ikonografie von Piero della Francescas Darstellung der schwangeren Maria, der Madonna del Parto, geschrieben. Es wurde spekuliert, dass das Zelt, in dem sie steht, eine Anspielung auf die Bundeslade sein soll. Ein Florentinischer Autor brachte das Gemälde vor fünf Jahren mit der Zerschlagung des Templer-Ordens im 14. Jahrhundert in Verbindung.

Francos „Ikono-Diagnostik“, wie er seine Methode nennt, erweitert die Spekulationen um einen bislang unbekannten Aspekt. Bei der aufgedunsenen Madonna, die ihre linke Hand in die Hüfte gestemmt hat, handelt es sich vermutlich um ein Bauernmädchen, das, schon bald nachdem es Modell saß, weit weniger attraktiv ausgesehen haben dürfte als die werdende Mutter mit dem Heiligenschein. An ihrem schlanken Hals entdeckte Franco Anzeichen eines Kropfs im Anfangsstadium – ein typisches Leiden der damaligen Landbevölkerung, die ausschließlich Regenwasser trank.

Die spanische Infantin Margarita, die Velasquez in seinem höfischen Meisterwerk Las Meninas abbildete, hatte ebenfalls die Veranlagung zu einem Kropf. In diesem Fall diagnostizierte Franco als Ursache jedoch das McCune-Albright-Syndrom, einen genetischen Defekt, den man unter anderem an einem verfrühten Eintreten der Pubertät erkennt.

Und dann wäre da noch das Gemälde, das einen bekannten Maler als Modell und Leidenden darstellt. In Raffaels Schule von Athen, die im Besitz des Vatikans ist, sieht man links im Vordergrund einen niedergeschlagenen Michelangelo. Franco meint, er habe allen Grund, so deprimiert auszusehen. Seine geschwollenen Knie „scheinen auf einen Überschuss an Harnsäure hinzudeuten, der typisch für Patienten ist, die an Nierensteinen leiden. Schließlich hatte er sich monatelang ausschließlich von Brot und Wein ernährt, während er an seinem Meisterwerk in der Sixtinischen Kapelle arbeitete.“

Am besten ist der Fortschritt einer Krankheit auf einer Reihe von Bildern dokumentiert, die nicht aus dem Goldenen Zeitalter der spanischen Renaissancemalerei, sondern aus dem 20. Jahrhundert stammen. Der niederländische Maler Dick Ket, der dem magischen Realismus zugeordnet wird und 1940 im Alter von 37 Jahren starb, litt an einem angeborenen Herzfehler. Man geht davon aus, dass es eine Fallot-Tetralogie war. Kets Lebenswerk enthält ungewöhnlich viele Selbstporträts – etwa 40 seiner 140 Werke – die den den Fortschritt seiner Krankheit abbilden. Ein Porträt, das er im Jahr bevor er starb fertigstellte, zeigt ihn mit den typischen aufgetriebenen Fingergliedern, die ein Symptom vieler Herz- und Lungenkrankheiten sind. Franco stellte fest, dass seine Finger auf einem Gemälde, das fünf Jahre früher entstanden ist, weit weniger deformiert sind. Dafür sei auf jenem Gemälde deutlich zu erkennen, dass die Venen an seinem Hals angeschwollen sind, was ein Symptom der gleichen Krankheit in einem früheren Stadium sei.

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12:20 08.02.2010
Geschrieben von

John Hooper | The Guardian

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The Guardian

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