Victoria Coren
23.11.2010 | 16:45 3

Krebs allein ist nicht genug

Nikotinhass Kriminalität, Völkermord, schlechtes Wetter - in Großbritannien glaubt die Öffentlichkeit inzwischen einfach alles, was Tabakkonsumenten unterstellt wird

Wenn Schwangere rauchen, werden ihre Kinder kriminell. Diese absurde Behauptung haben vergangene Woche tatsächlich viele britische Medien verbreitet. Sie stützt sich auf Studien der Harvard School of Public Health in Boston, denen zufolge die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder kriminell werden, bei Müttern, die mehr als 20 Zigaretten pro Tag rauchen, um 30 Prozent höher liegt als bei anderen.

Eigentlich war die Gruppe mit 3.766 überwiegend nicht kriminellen Probanden viel zu klein, um repräsentativ zu sein, aber auch wenn man die in Harvard gängige Definition von „Wahrscheinlichkeit“ unterschreibt, heißt dies keineswegs, dass Rauchen Kriminalität erzeugt.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass Rauchen in der Schwangerschaft mit einem grundsätzlichen Mangel an mütterlicher Disziplin in Verbindung steht. Man kann davon ausgehen, dass eine, die es nicht schafft, ihre Sucht auf unter 20 Zigaretten pro Tag zu reduzieren, auch später einen Mangel an Willensstärke an den Tag legen wird, nicht über die nötige Bildung oder Intelligenz verfügt oder sich schlicht – in Gesundheits- wie in Erziehungsfragen – einen Dreck darum schert, was andere für angemessen halten. Es bedeutet nicht, dass der Rauch in das Gehirn des Embryos eindringt und jenen Teil schädigt, der ihn ermahnt, dass man für Süßigkeiten bezahlen muss.

Warum wird diese Studie dann also als Beleg dafür angeführt, in rauchenden Müttern würden per se Kriminelle herangezüchtet? Weil die Haltung dem Rauchen gegenüber lächerlich hysterische Ausmaße angenommen hat, und inzwischen selbst einen schalen Beigeschmack hat, der an Kippen im feuchten Aschenbecher erinnert. In Großbritannien sind wir mittlerweile schon so weit, dass die Presse auch behaupten könnte, Rauchen führe zu Vergewaltigungen oder Völkermord und die Leute würden sagen, das leuchte ihnen ein.

Vergangene Woche ging ich in ein Giraffe-Café, das bei mir um die Ecke aufgemacht hat und geringfügig freundlicher wirkte als Starbucks – davon abgesehen, dass es bei mir sonst nichts gibt, wo man hingehen könnte. Ich setzte mich also an einen der Tische draußen und steckte mir eine Zigarette an, während ich die Karte studierte. Unverzüglich kam eine Bedienung zu mir geeilt, um mich darüber in Kenntnis zu setzen, dass das Rauchen auch draußen verboten sei. Das war das dritte Restaurant innerhalb eines Monats, in dem ich das zu hören bekam. Mit der Gesundheit der anderen Gäste hat es rein gar nichts zu tun. Niemand nimmt einen Schaden, wenn ich draußen sitze und rauche, insbesondere nicht im November, wo ohnehin sonst niemand verrückt genug ist, sich das anzutun. Dieses extremistische Verbot basiert einzig und allein auf der Annahme, zu rauchen sei „nicht besonders nett“ gegenüber Leuten, die selbst nicht rauchten, selbst wenn diese auf der anderen Seite der Glasscheibe sitzen.

Unterdessen wurden neue Erkenntnisse darüber veröffentlicht, dass Alkohol sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft insgesamt gefährlicher ist als Heroin und Crack. Mit Sicherheit hat er zu mehr Verletzungen und Toden von Dritten geführt als dies beim Rauchen jemals der Fall sein wird. Es besteht ein offensichtlicher, nachweisbarer und nicht von der Hand zu weisender Zusammenhang zwischen dem Alkoholkonsum fremder Leute und der Bedrohung, von ihnen überfahren, in eine Schlägerei verwickelt, von ihnen geschlagen oder von dem Lärm, den sie auf der Straße veranstalten, in meiner Nachtruhe gestört zu werden. Es stören sich aber mehr Menschen am Passivrauchen als am Passivtrinken.

Ich selbst trinke nicht viel und hätte kein Problem damit, nie wieder ein Glas anzurühren. Betrunkene Menschen finde ich abstoßend und stumpf. Sie verringern die allgemeine und damit auch meine Lebenserwartung, wenn auch nur statistisch. Würde Alkohol morgen aus dem öffentlichen Raum verbannt, wäre dies für mich persönlich nur von Vorteil. Aber ich bin dagegen, weil mir mein persönlicher Vorteil nicht so wichtig ist wie die bürgerliche Freiheit.

Mein Leben wäre auch schöner, wenn wir iPhones und kleine Hunde verbieten würden, Werbespots für Versicherungen, langweilige Unterhaltungen, die unerwartete Beilage von Chilli-Schoten in Thunfisch-Brötchen, T-Shirts mit „lustigen Sprüchen“, das sonderbare, staubige Zeug, mit dem sie Versandtaschen auspolstern und mit dem man sich komplett einsaut, wenn man die Dinger auf der falschen Seite öffnet, Teebeutel, die einem mit einer Tasse heißen Wassers serviert werden, wenn man sich für zwei Euro eine „Tasse Tee“ bestellt hat, kleine Menschen, die ihre Regenschirme in lebensgefährdender Weise auf Augenhöhe ihrer Mitmenschen durch die Gegend tragen, das Automagazin Top Gear, unnötig dicke Taschenbücher, die in keine Tasche mehr passen, Skateboards, Koriander und vieles mehr.

Aber das stimmt nicht. Mein Leben wäre nicht schöner, weil ich eine Reihe alltäglicher Ärgernisse gegen eine massive staatliche Repression eingetauscht hätte. Sie können einwenden, dass mich all diese Dinge nicht umbringen werden – aber Sie haben auch noch nie meinen Blutdruck überprüft, wenn im Fernsehen Top Gear läuft. Außerdem bringt es auch keinen um, wenn ich vor einem Coffeeshop sitze und rauche.

Das ursprüngliche Rauchverbot in Restaurants hielt ich irrtümlich noch für eine gute Idee. Ich habe meine Meinung mittlerweile revidiert, denn mit diesem ersten Schritt war ein Anfang gemacht und die Stimmung kippte. Macht korrumpiert – diejenigen, die das Verbot nur deshalb wollten, weil sie selbst nicht rauchen, berauschten sich an ihrem Sieg und denken nun, sie könnten es sich erlauben, Raucher offen zu beleidigen und das Rauchverbot willkürlich auf draußen ausweiten. Missbilligung triumphiert über Toleranz – diese Welt ist nicht besser geworden.

Und jetzt wollen sie uns auch noch weismachen, Rauchen führe zu Kriminalität. Natürlich tut es das einen Scheiß. Es verursacht Krebs, reicht das denn nicht? Muss es jetzt auch noch für Arbeitslosigkeit, Regen und die Tatsache verantwortlich gemacht werden, dass untalentierte Typen nicht aus Casting-Shows rausfliegen. Ich bin nicht für das Rauchen, ich bin nur gegen Unvernunft.

Es gibt noch eine weitere mögliche Erklärung für den Zusammenhang mit der Kriminalität. Rauchen während der Schwangerschaft soll dafür verantwortlich sein, dass die Kinder kleiner zu Welt kommen. (Meine Mutter rauchte während ihrer beiden Schwangerschaften, was mir allerdings bis auf Asthma und meine Nikotin-Abhängigkeit nicht geschadet hat.) Vielleicht ist es für uns kleine, vom Rauchen geschrumpfte Menschen schlicht einfacher, in Fenster einzusteigen und uns mit dem Schmuck wieder davonzumachen. Mal sehen, ob ich den Safe bei Giraffe knacken kann. Das würde sie lehren, so intolerant zu sein – und die Wissenschaft bestätigen.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (3)

I.D.A. Liszt 28.11.2010 | 22:14

Ja, genau! Raucher sind potentielle Massenmörder. Sehr schön kann man das am Beispiel Stalins sehen, der Pfeife rauchte.
Hitler dagegen ... Hups!

Ein sehr schöner Artikel, der mir ganz aus dem Herzen spricht. Die Anti-Raucherei ist völlig hystriwsch. Wann wird man endlich einmal anfangen zu untersuchen, welche (volkswirtschaftlichen, gesellschaftlichen, aber auch individuellen) Schäden durch das Autofahren entstehen?
Ich setlle mir immer so Autos vor, die türgroße Aufkleber tragen mit Aufschriften wie etwa: "Autofahren fügt Ihrer Wirbelsäule und Ihren Rückenmuskeln bleibende Schäden zu." - "Autofahren kann das Leben Ihres Kleinkindes durch Enatmen von Kohlenmonoxiden und Rußpartikeln gefährden." oder einfach "Autofahren tötet."