Kryptographie als Waffe

Selbstverteidigung Eine starke Verschlüsselung im Internet ist unverzichtbar, damit Staaten ihre sensiblen Daten schützen können, meint Wikileaks-Sprecher Julian Assange
Kryptographie als Waffe
Screenshot: The Matrix

Die ursprünglichen Cypherpunks waren überwiegend kalifornische Libertäre. Ich komme aus einer anderen Tradition. Doch wir alle versuchten, die Freiheit des Einzelnen gegen die Tyrannei des Staates zu verteidigen. Die Kryptographie war dabei unsere Geheimwaffe. Es ist in Vergessenheit geraten, wie subversiv dies einst war. Die Verschlüsselungstechnik befand sich damals allein im Besitz von Staaten und wurde von diesen in deren zahlreichen Kriegen eingesetzt. Indem wir unsere eigene Software programmierten und für deren weite Verbreitung sorgten, demokratisierten wir die Verschlüsselungstechnik über die Grenzen des neuen Internets hinaus.

Der darauf folgende Versuch, im Namen mehrerer Gesetze gegen den „Waffenschmuggel“ vorzugehen, scheiterte. Kryptographie wurde Standard in Webbrowsern und anderer Software, die die Leute heute täglich benutzen. Eine starke Verschlüsselung ist ein wichtiges Instrument im Kampf gegen staatliche Unterdrückung. Das ist die Botschaft meines Buches Cypherpunks. Doch die Bewegung für die universelle Verfügbarkeit starker Verschlüsselung muss noch mehr erreichen. Unsere Zukunft liegt in allein in der Freiheit der Individuen.

Die Arbeit von WikiLeaks hat das Verständnis dafür geschärft, nach welcher Logik das Empire funktioniert. Wir haben gesehen, wie kleinere Länder von größeren drangsaliert und dominiert oder von ausländischen Unternehmen infiltriert und dazu gebracht wurden, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln. Wir haben gesehen, wie es Völkern versagt wurde, ihrem Willen Ausdruck zu verleihen, wie Wahlen gekauft und die Reichtümer von Ländern wie Kenia gestohlen und nach London und New York verkauft wurden.

Permanente Kriegslogik

Der Kampf für die Selbstbestimmung Lateinamerikas ist für weitaus mehr Menschen von Bedeutung als für die Völker des Subkontinents. Er zeigt dem Rest der Welt, dass sie möglich ist. Doch die Unabhängigkeit Lateinamerikas steckt noch immer in den Kinderschuhen. Noch immer gibt es Versuche, die Demokratie zu untergraben, wie zuletzt in Honduras, Haiti, Ecuador und Venezuela.

Aus diesem Grund ist die Botschaft der Cypherpunks für die Menschen in Lateinamerika von besonderem Wert. Massenhafte Überwachung ist nicht nur eine Frage von Demokratie und Regierungsführung – es handelt sich um ein geopolitisches Thema. Die Überwachung einer ganzen Bevölkerung durch eine ausländische Macht bedroht selbstverständlich die Souveränität. Die Tatsache, dass ein ums andere mal in die Angelegenheiten Lateinamerikas eingegriffen wurde, hat uns gelehrt, realistisch zu sein. Wir wissen, dass die alten Mächte noch immer jeden sich bietenden Vorteil nutzen werden, um den Beginn der Unabhängigkeit Lateinamerikas hinauszuzögern oder zu unterdrücken.

Denken Sie nur an die einfachsten geografischen Tatsachen. Jeder weiß, dass die Ölvorräte die weltweite Geopolitik bestimmen. Der Fluss des Öls entscheidet darüber, wo interveniert – wer aus der internationalen Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Schon die Kontrolle über den Abschnitt einer Ölpipeline bedeutet große geopolitische Macht. Regierungen, die sich in dieser Position befinden, können für sich beträchtliche Zugeständnisse erzwingen. Mit einem Schlag kann der Kreml Osteuropa und Deutschland zu einem Winter ohne Heizöl verurteilen. Und selbst die Aussicht darauf, dass Teheran eine Pipeline ostwärts Richtung Indien und China betreiben könnte, dient der Kriegslogik Washingtons als Vorwand.

Daten-Transit durch die USA

Doch das neue große Spiel ist nicht der Kampf um Öl-, sondern um Informationsleitungen: die Kontrolle über die Routen, auf denen die Glasfaserkabel unter dem Meer und über Land verlaufen. Der neue globale Schatz besteht in der Kontrolle über die gigantischen Datenströme, die ganze Kontinente und Zivilisationen miteinander verbinden und die Kommunikation von Milliarden von Menschen und Organisationen ermöglichen.

Es ist kein Geheimnis: Was Internet und Telefon angeht, führen alle Wege aus und nach Lateinamerika durch die USA. Die Netz-Infrastruktur leitet 99 Prozent des Datenverkehrs von und nach Südamerika über Glasfaserleitungen, die über den Transit USA laufen. Die Regierung Obama hat keine Skrupel, ihre eigenen Gesetze zu brechen, um diese Leitungen anzuzapfen und ihre eigenen Bürger auszuspionieren. Gesetze, die das Ausspionieren ausländischer Bürger verbieten würden, existieren nicht. Jeden Tag werden Hundertmillionen von Nachrichten aus ganz Lateinamerika von US-Spionage-Agenturen verschlungen und für immer in Lagerhallen gespeichert, die die Größte von Kleinstädten besitzen. Die geographischen Fakten über die Infrastruktur des Internets haben also Auswirkungen auf die Unabhängigkeit und Souveränität Lateinamerikas.

Das Problem geht aber über den geografischen Aspekt hinaus. Viele lateinamerikanische Regierungen und Armeen sichern ihre Geheimnisse mit Verschlüsselungshardware. Sie kaufen sich diese Geräte mit dazugehöriger Software, um dafür zu sogen, dass ihre Geheimnisse auch geheim bleiben (was die Steuerzahler oft sehr viel Geld kostet), da sie zurecht befürchten, ihre Kommunikation könnte abgefangen werden.

Die Unternehmen, die diese Geräte verkaufen, stehen in enger Verbindung zur Geheimdienst-Community der USA. Ihre CEOs und führenden Angestellten sind oft Mathematiker und Ingenieure der NSA, die aus den Erfindungen, die sie für den Überwachungsstaat gemacht haben, Kapital schlagen. Die Geräte weisen oft bewusste Mängel auf. Es spielt keine Rolle, wer sie verwendet oder wie – die US-Behörden können das Signal entschlüsseln und die Nachrichten lesen. Das heißt, die an Länder Lateinamerikas verkauften Geräte, dienen in Wirklichkeit dazu, deren Geheimnisse zu stehlen.

Afrika im Internet

Unterdessen beschleunigen die USA das nächste große Wettrüsten. Die Entdeckung des Stuxnet – als auch des Duqu und Flame Virus – kündigen eine neue Epoche hochkomplexer Kriegssoftware an, die von mächtigen Staaten entwickelt wird, um schwächere anzugreifen. Der aggressive Erstschlag gegen den Iran sollte dessen Bemühungen um nationale Souveränität untergraben, die den USA und Israel aufgrund der Interessen, die sie in der Region verfolgen, ein Dorn im Auge ist.

Früher war die Verwendung von Computerviren als Angriffswaffen etwas, das in Science Fiction Romanen vorkam. Jetzt ist sie eine weltweite Realität geworden, vorangetrieben von dem rücksichtslosen Verhalten der Regierung Obama. Sie stellt einen Bruch des internationalen Rechts dar. Andere Staaten werden folgen.

Die USA sind nicht allein. In den vergangenen Jahren wurde in Ländern wie Uganda die Netz-Infrastruktur durch direkte chinesische Investitionen ausgebaut. Als Gegenleistung für Verträge mit chinesischen Firmen zum Ausbau der Internet-Kerninfrastruktur, die Schulen, Ministerien und Gemeinden in das weltweit Glasfasersystem integriert, werden saftige Löhne ausgezahlt.

Afrika betritt das Internet. Die Hardware hierfür wird freilich von einer aufstrebenden ausländischen Supermacht zur Verfügung gestellt. Wird das Netz das Instrument sein, mit dem die Unterdrückung Afrikas im 21. Jahrhundert fortgesetzt wird? Wird der Kontinent noch einmal zum Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen den Weltmächten?

Das sind nur einige der wichtigen Gesichtspunkte, inwiefern die Botschaft der Cypherpunks über den Kampf für die Freiheit des Einzelnen hinausgeht. Die Kryptographie kann nicht nur die bürgerlichen Freiheiten und die Rechte des Einzelnen beschützen, sondern darüber hinaus die Souveränität ganzer Länder, die Solidarität von Gruppen mit einem gemeinsamen Anliegen und das Projekt der weltweiten Emanzipation. Sie kann nicht allein als Mittel im Kampf gegen die Tyrannei des Staates über den Einzelnen eingesetzt werden, sondern auch gegen die Tyrannei des Empire gegen kleinere Staaten. 

16:28 10.07.2013
Geschrieben von

Julian Assange | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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