Längst versunkene Welt

Fußball Die Weltmeisterschaft findet zwar erstmals auf dem afrikanischen Kontinent statt. Sie ist aber dennoch ein von Europa dominiertes Spektakel

Die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft wird die erste auf afrikanischem Boden sein. Wenn das Paradestück des lukrativen Zeitvertreibs auf dem ärmsten Kontinent der Erde ausgetragen wird, ist dies eindeutig ein Ereignis von großer symbolischer Bedeutung – doch ein Symbol wofür? Für Thabo Mbeki, der sich seinerzeit als Präsident Südafrikas an vorderster Front um die Austragung des Turniers bemühte, ist die WM der Augenblick, an dem Afrika endlich auf der internationalen Bühne angekommen ist. In einem Brief an FIFA-Präsident Josef Blatter soll er bezüglich der Hoffnungen, die sich für sein Land mit der Bewerbung verbinden, geschrieben haben: „Im Namen des gesamten Kontinents wollen wir eine Veranstaltung ausrichten, die vom Kap bis nach Kairo Wogen der Hoffnung ziehen lässt... Wir wollen dafür sorgen, dass die Historiker eines Tages auf die WM 2010 zurückblicken, als den Moment, an dem ein selbstbewusstes Afrika hinter die Jahrhunderte der Armut und der kriegerischen Konflikte einen Schlusspunkt gesetzt hat.“ Auch wenn bei allen großen Sportereignissen irgendein überzogener Unsinn geredet wird, hier hängte Mbeki die Latte nun doch außergewöhnlich hoch. Tatsächlich verändert sich die finanzielle Situation eines Landes nur äußerst selten dadurch, dass es eine Sportveranstaltung ausrichtet – zumindest nicht zum Guten. Vom Einfluss auf das Schicksal ganzer Kontinente ganz zu schweigen. Stattdessen kann man an solchen Events viel über die wirklichen Machtverhältnisse ablesen.


Was die WM 2010 auf jeden Fall zeigt, ist, dass Afrika ein ernstzunehmender Player in der Welt des Fußballs geworden ist und in relativ kurzer Zeit einen bemerkenswerten Wandel vollzogen hat. Bis zum Jahr 1974 , als Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) als erstes afrikanisches Team an dem Turnier teilnahm, war der Kontinent nicht wirklich bei der WM präsent. (Südafrika wollte 1970 eine ausschließlich aus schwarzen Spielern bestehende Mannschaft nach Mexiko schicken, was aber aus genau diesen Gründen abgelehnt wurde, ebenso wie der Plan, 1966 ein ausschließlich aus weißen Spielern bestehendes Team nach England zu entsenden.) Im Spiel gegen Brasilien sorgte Zaires Verteidiger Mwepu Ilunga für die Geburt eines Klischees über den afrikanischen Fußball, das sich im Westen bis heute gehalten hat: Als der Schiedsrichter den Ball für einen Freistoß der Brasilianer freigab, rannte Ilunga aus der Mauer heraus und schoss den Ball weg, was bei den brasilianischen Spielern eine Mischung aus Heiterkeit und Befremden auslöste. So entstand das Klischee der liebenswerten Naivität des afrikanischen Fußballs. Die Spieler, so hieß es, seien begabt, aber hoffnungslos undiszipliniert und kindisch. Auch als in der Folge das Gerücht umging, Ilunga habe in einem Anfall von Panik gehandelt, weil Zaires Diktator Mobutu die Mannschaft gewarnt habe, er könne nicht für ihre Sicherheit garantieren, wenn sie 4:0 oder noch höher gegen Brasilien verlören (es stand im Augenblick des Freistoßes bereits 3:0), trug dies nicht gerade dazu bei, dass die Welt den afrikanischen Fußball ernster nahm.

Solche Vorurteile hielten sich die gesamten achtziger Jahre hindurch und selbst als afrikanische Mannschaften in den Neunzigern ihre ersten WM-Spiele gewannen und sich abzeichnete, dass sie eines Tages sogar das Turnier gewinnen könnten, änderte dies nicht viel an den rassistischen Einstellungen im Westen. Als Kamerun als die bessere Mannschaft 1990 unglücklich gegen England ausschied, erklärte Ron Atkinson dies auf dem Sender ITV damit, dass afrikanische Mannschaften auf höchster Ebene aus den „bekannten“ Gründen immer unter ihren spielerischen Möglichkeiten bleiben würden: Zu aufgeregt und nicht diszipliniert genug, aber wirklich ganz liebenswürdige Burschen!

Die Tatsache, dass man sich heute nicht mehr vorstellen kann, dass jemand wie Atkinson – dessen Karriere vor Jahren durch rassistische Bemerkungen bei versehentlich offenem Mikrophon beinahe beendet worden wäre – in diesem Jahr noch ein WM-Spiel kommentiert, am wenigsten wohl er selbst, ist ein Zeichen dafür, wie weit wir gekommen sind. Niemand, der noch halbwegs bei Trost ist, würde es heute noch wagen, sich derart herablassend über afrikanische Fußballer zu äußern, von denen einige zu den Besten der Welt gehören (Didier Drogba, Samuel Eto’o, Michael Essien). Im Fußball kommt man heute an Afrika nicht mehr vorbei und Südafrika 2010 ist das ultimative Symbol für diesen Wandel.


Dennoch ist die Welt des Fußballs nicht mit der realen Welt identisch. Für ein Turnier, das signalisieren soll, wieviel sich verändert hat, trägt die diesjährige WM immer noch kurios altmodische Züge: Zwar werden mit Algerien, Kamerun, der Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria und Gastgeber Südafrika sechs afrikanische Mannschaften dabei sein, aber der Rest der aufstrebenden und sich emanzipierenden Länder dieses Planeten bleibt fast vollständig außen vor. China, das sich überraschend nicht qualifizieren konnte, fehlt genauso wie Indien, das wie gewöhnlich keine Chance hatte. Von den BRIC-Staaten wird nur Brasilien teilnehmen, das sich immer qualifiziert. Zählt man alle zusammen, kommt man zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung nicht für die eigene Mannschaft jubeln kann. Am auffälligsten ist in der Tat die Abwesenheit Chinas. Das Turnier findet ohne die Kraft statt, die den gastgebenden Kontinent dominiert. Beim Africa Cup of Nations in Angola war China omnipräsent. Dass die Chinesen dort für die Infrastruktur sorgten, einschließlich des Baus neuer Stadien, sagt wahrscheinlich mehr über die Zukunft des restlichen Kontinents aus, als alles, was in diesem Sommer in Südafrika passiert.

Im Gegensatz zum Africa Cup beschwört das FIFA-Event eine längst versunkene Welt noch einmal herauf, in der Europa den Nabel der Welt darstellt. Nicht nur kommen die Hälfte aller Mannschaften aus Europa, auch viele südamerikanische und fast alle afrikanischen Spieler spielen in den europäischen Ligen. Die in der Krise befindlichen Mächte des alten Europa sind in dieser Sportart nach wie vor federführend. Länder, deren Volkswirtschaften stark ins Wanken geraten sind (Spanien, Italien, England), unterhalten riesige Fußball-Ökonomien, die dem Appetit der Menschheit auf den Sport immer neue Nahrung geben. Afrika ist nun zwar Teil dieser Geldmaschine, hat aber so gut wie keinen Anteil an ihr.

Infolgedessen handelt es sich um ein Turnier, das von den europäischen Eliten geprägt wurde und auf deren Interessen ausgerichtet ist. Dass es in Afrika stattfindet, bedeutet, dass es in der für die europäischen Fernsehübertragungen richtigen Zeitzone liegt. Dass es in Südafrika stattfindet, heißt, dass es auch in einem Klima stattfindet, mit dem europäische Mannschaften gut zurechtkommen. Die erste WM auf afrikanischem Boden wird gleichzeitig die kälteste sein, die es je gegeben hat. Die Europäer werden also unter Bedingungen spielen, unter denen sie sich wohlfühlen, in Hotels übernachten, in denen sie sich wohlfühlen und in Stadien spielen, in denen sie sich wohlfühlen. Normalerweise ist der Heim- oder zumindest der Kontinentalvorteil bei WM-Turnieren von entscheidender Bedeutung: Brasilien ist das einzige Land, das je den Titel außerhalb seines Heimatkontinents gewonnen hat. Die WM sollte also eigentlich die Gelegenheit für Afrika sein, das Turnier nicht nur auszurichten, sondern auch zu gewinnen. Aber dies scheint unwahrscheinlich. Die Elfenbeinküste gilt gegenwärtig als die führende afrikanische Mannschaft, aber vor ihr liegen noch jede Menge anderer Länder: Portugal, Frankreich, Italien, Niederlande, Deutschland, Argentinien, England, Brasilien und Spanien. Es wird alles getan, um sicherzustellen, dass diese Mannschaften sich zu Hause fühlen.

Würde das Turnier, sagen wir, in Nigeria ausgetragen, könnte man sich leicht vorstellen, wie die Heimmannschaft auf einer Welle der Euphorie und Unterstützung durch die Zuschauer sowie mit Hilfe der klimatischen Bedingungen vor Ort zum Titel getragen würde. Aber eben hierin liegt der Grund, warum die FIFA nicht im Traum daran denken würde, eine Fußball-WM in Nigeria auszurichten. Die Südafrikaner werden ihre Mannschaft leidenschaftlich unterstützen, doch aufgrund der für die europäischen Mannschaften angenehmen Umstände müsste die Mannschaft schon ausgesprochen gut sein, um den Heimvorteil nutzen zu können.


Wenn große Sportereignisse in Entwicklungsländern stattfinden, ist damit immer die Hoffnung verknüpft, die internationale Aufmerksamkeit werde den Reformprozess befördern. Aber so funktioniert das leider nicht, weisen doch die Anreize, die gegeben werden, in eine ganz andere Richtung. Die Korruption steigt, da nur zwei Dinge ziemlich sicher sind: nämlich, dass erstens jede Menge Geld ins Land kommen wird und zweitens alles rechtzeitig fertig sein muss - komme, was wolle. Infolgedessen werden keine Reformen durchgeführt, sondern die Organisatoren vor Ort warten einfach auf kurzfristige Finanzspritzen in Form von Subventionen, mit denen sie meistens nur die Löcher stopfen können, die durch ihre eigene Misswirtschaft entstanden sind . Die Olympischen Spiele 2004 in Athen, die langfristig zum Kollaps der internationalen Finanzmärkte beigetragen haben dürften, können hier als Role-Model dienen. Die griechische Wirtschaft wurde nicht durch die Ausrichtung der Spiele zugrunde gerichtet. Aber das Versprechen Griechenlands, sein Wirtschaftsgebaren zu ändern und die Kriterien der Mitgliedschaft in der Europäischen Währungsunion zu erfüllen, mussten hintangestellt werden, um nur ja irgendwie die Gebäude und Spielstätten fertig zu stellen. Eine unaufschiebbare Deadline, die unter den Blicken der ganzen Welt eingehalten werden muss, das heißt, dass mehr Bestechungsgelder gezahlt werden müssen und nicht weniger, dass es mehr Schwarzarbeit gibt. Die Ausrichtung der Olympischen Spiele machte Griechenland griechischer.

Auch wenn die Fußball-WM in Südafrika den globalen Kapitalismus wohl kaum in seinen Grundfesten erschüttern wird, so folgt sie doch dem gewohnten Muster. Noch vor kurzem überwies die FIFA dem südafrikanischen Fußballverband Safa eine Nothilfe von 100 Millionen Dollar, um sicherzustellen, dass alle Trainingsanlagen rechtzeitig fertiggestellt werden können. Zwar sind die Stadien großartig, doch sind durch ihren Bau größtenteils nur befristete Arbeitsverhältnisse entstanden. Noch gibt es wenig Anhaltspunkte, worin ihr bleibender Wert bestehen wird: Alles, was das Event, mit dem die FIFA bereits 3, 3 Milliarden Dollar umgesetzt hat, für den südafrikanischen Breitensport bisher gebracht hat, sind 27 Kunstrasenplätze. Die Stadien selbst werden nach der WM wahrscheinlich für Rugby- oder Kricket umgebaut werden müssen, um ihre Investitionskosten wieder einzuspielen. Ein paar wenige Personen werden durch das Turnier sehr, sehr reich werden. Wenn es aber wieder vorbei ist, dürfte es für die meisten Südafrikaner sehr schwierig werden, nachzuvollziehen, wo das ganze Geld abgeblieben ist.

Derartige Sportereignisse lassen für ein paar Monate das nationale Glücksgefühl der Menschen in dei Höhe schnellen und bieten ein wenig Zerstreuung und Ablenkung. Aber ist es das, was die Südafrikaner brauchen? Etwa die Hälfte der Bevölkerung, so stellen der Ökonom Stefan Szymanski und der Autor Simon Kuper („Why England Lose, and Other Curious Football Phenomena Explained“) fest, lebt von weniger als zwei Dollar pro Tag: „Was diese Leute brauchen, sind Wohnungen, Elektrizität, Urlaub und Ärzte“.

Das andauernde Problem, wie der Reichtum, der durch derartige Großereignisse generiert wird, gerechter zu verteilen sei, ist indes keine Erklärung dafür, warum Südafrika keine bessere Nationalmannschaft hat. 1996, im ersten Hochgefühl der Nachapartheid-Ära, gewann das Land als Gastgeber den Afrika-Cup, was auf eine ruhmreiche Zukunft hoffen ließ. Das Spiel begann auf nationaler Ebene so sehr zu florieren, dass hieraus ein Nachteil gegenüber anderen afrikanischen Nationen erwuchs. Südafrika steht nun prototypisch für eines von zwei Modellen der fußballerischen Entwicklung eines Landes: Die Mehrzahl der südafrikanischen Nationalspieler spielt in der eigenen Liga für Mannschaften wie die Kaizer Chiefs oder Mamelodi Sundowns. Die Liga ist konkurrenzfähig, aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit korrupt und hat bislang noch keinen Spieler von internationalem Ansehen hervorgebracht. Die Liga ist gut genug, um den Nationalsport weiterbestehen zu lassen. Nicht gut genug jedoch, um ihn zu verbessern.

Das zweite Modell wird im Rest von Afrika unter anderem von den erfolgreicheren Fußballnationen wie der Elfenbeinküste oder Ghana praktiziert. Es folgt den Gesetzen des freien Marktes und des Menschenhandels. Hunderte von Fußball-Akademien wurden gegründet, um junge afrikanische Spieler auszubilden und diese an Vereine in Europa zu verkaufen. Die meisten ivorischen und ghanaischen Nationalspieler sind diesen Weg gegangen. Superstars wie Drogba, Essien, die Touré-Brüder, Kolo und Yaya verdienen nach europäischen Maßstäben sehr gut, nach afrikanischen ist ihr Vermögen unvorstellbar.

Bei der WM werden sowohl die Vor- als auch die Nachteile dieses Systems zutage treten. Die besten afrikanischen Mannschaften müssen aus Spielern zusammengesetzt werden, die mehr oder weniger über ganz Europa verstreut spielen und oft nur noch wenige Verbindungen in ihr Heimatland haben. Einige Orte haben Glück und bringen ein paar Superstars hervor. Oft geschieht dies dadurch, dass die Agenten durch ein Talent aufmerksam werden und das erhöhte Interesse dann den nächsten Erfolg zeitigt. Der wiederum befördert jedoch auch Gier, Korruption und die Suche nach noch günstigeren Talenten. In den nationalen Fußball fließt fast nichts zurück, so dass keines der Länder für die Zukunft planen kann. Ghana könnte das Turnier gewinnen, wenn die Mannschaft über nur halbwegs akzeptable Stürmer verfügte. Es wurde aber für seine Mittelfeldspieler bekannt und die hat das System dann auch hervorgebracht: Die afrikanischen Länder müssen sich mit dem behelfen und arrangieren, was die reichen Länder von ihnen haben wollen.

Das Lumpenproletariat des Profifußballs

Das System hat aber noch eine andere Seite, die in Südafrika nicht zu bestaunen sein wird. Die große Mehrzahl der afrikanischen Spieler landen nämlich nicht als Superstars bei Chelsea oder Barcelona. Sie kommen in irgendeinem Winkel Europas an, reisen umher und werden von Vereinen herumgereicht, die knapp bei Kasse sind, aber dennoch hochwertige Spieler brauchen. Alegi nennt sie in seinem Buch African Soccerscapes das Lumpenproletariat des Profifußballs mit wenigen Rechten, wenigen Privilegien und keinerlei Sicherheiten. Viele sind noch sehr jung, wenn sie nach Europa kommen - das Durchschnittsalter afrikanischer Spieler, die zu europäischen Vereinen kamen, lag im Jahr 2003 bei 19 Jahren, während Spieler aus anderen europäischen Ländern durchschnittlich 24,5 Jahre alt waren - und enden zumeist in einer ihnen feindlichen Umgebung, in der eine rassistische und unkollegiale herrscht. In Rumänien stellen afrikanische Fußballer heute die Mehrzahl der Spieler, in Länder wie der Schweiz und der Ukraine machen sie mehr als ein Drittel aus. 2006 ging es bei über einem Fünftel der Transfers zwischen europäischen Clubs um afrikanische Spieler. Billige afrikanische Arbeitskräfte stellen heute für die unteren europäischen Ligen das Hauptnahrungsmittel dar.

Einige der verantwortungsvolleren Clubs haben versucht, diesem Trend entgegenzuwirken. Ajax Amsterdam beispielsweise gründete in Südafrika einen Verein, um mit dessen Hilfe auf verantwortungsvollere Weise Spieler für die eigene erste Mannschaft heranzuziehen. Bislang scheint dies aber noch nicht zu funktionieren – offenbar steht die allgemeine Mittelmäßigkeit der südafrikanischen Liga hier im Wege. Stattdessen passt das für den einzelnen Spieler viel härtere und unbarmherzigere System, das von der Mehrzahl der Vereine betrieben wird, besser zu dem Trend, der sich im internationalen Fußball abzeichnet: Auf Kosten des großen Restes konzentriert man sich immer mehr auf eine kleine Elite von Superstars und super-reichen Vereinen. Fußballer wird zu einem immer individualistischeren Spiel, bei dem die Vereine mit dem Merchandising ihrer Superstars enorme Summen erzielen: Ronaldo, so heißt es, habe Real Madrid auf diesem Wege bereits die 93 Millionen Euro wieder eingespielt, die der Verein an Ablöse für ihn an Manchester United zahlen musste. Ein Großteil dieses Geldes kommt aus Asien und in Afrika sind solche Stars quasi umsonst zu finden. Afrika wird als potentielle Goldmine behandelt - es hat sich also eigentlich nicht allzu viel verändert.

All dies lässt sich mit Mbekis WM-Hoffnungen nur schwer in Einklang bringen. Der Weltfußballverband ist entschlossen, ein in seinem Sinne gutes Turnier zu veranstalten: ein effizientes, gut-organisiertes Event, vor dem kein Sponsor Angst zu haben braucht. Alles ist fertig und steht bereit, die Rechnungen sind bezahlt, die Korruption unter den Teppich gekehrt. Es wird viel Lokalkolorit und ohne Zweifel jede Menge attraktiven Fußball geben. Neue Superstars werden geboren werden, einige von ihnen Afrikaner, vielleicht sogar Südafrikaner. Auch in Asien wird ein Millionenpublikum zusehen, wenn sich auch die Fans dort nicht so sehr für eine bestimmte Mannschaft interessieren, sondern einfach nur die europäischen Superstars sehen wollen: die Ronaldos, Rooneys und Drogbas. In jenen afrikanischen Ländern, die gut abschneiden und weit kommen, wird es viel Aufregung und Euphorie geben, die die Fifa und die Medien wiederum so gut wie möglich für sich nutzen werden. Nach dem Turnier dann wird man bei der Fifa das Gefühl haben, man habe etwas für Afrika getan. Niemand wird im Zweifel darüber gelassen werden, dass die Welt den afrikanischen Fußball jetzt ernst nimmt. Die Macht aber liegt nach wie vor woanders. Gemäß dem Rotationssystem kommt das Turnier im Jahr 2026 wieder auf den Kontinent. Es wird allerdings gemunkelt, bis dahin könne auch Indien bereit für eine Bewerbung sein.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

18:53 11.06.2010
Geschrieben von

David Runciman | The Guardian

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The Guardian

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