Leben nach dem Fall

Filmschule In einem von Mord, Kidnapping und Materialmangel bestimmten Alltag hilft Maysoon Pachachis Bagdader Filmschule irakischen Filmemachern, wieder die eigene Stimme zu finden

Als Maysoon Pachachi 2004 eine Filmschule eröffnete, hatte sie mit den normalen praktischen Problemen zu kämpfen: ein Büro mieten, einen Kopierer anschaffen, ... Es gab für sie allerdings auch wesentlich ungewöhnlichere Sorgen: Die Sicherheit ihrer Stundenten zum Beispiel. Denn Pachachis Schule befand sich in Bagdad, der Stadt, in die sie nach 35 Jahren im ausländischen Exil zurückgekehrt war. Sie fand sie zerschunden von Jahrzehnten des Krieges, der Diktatur, der Sanktionen und zuletzt der Besatzung. 30-jährige erzählten ihr, sie sähen keine Zukunft mehr für sich.

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Die in London ansässige Filmemacherin Pachachi und ihr Kollege und Schulmitgründer Kasim Abid hatten 1994 in Ramallah schon einmal Kurzfilm-Kurse abgehalten. An die Arbeit unter schwierigen Bedingungen waren sie also gewöhnt. Ihr Independent Film and Television College (IFTC) in Bagdad mussten sie im Jahr 2007 aufgrund der sektiererischen Unruhen trotzdem schließen. Nun hat es aber nach einer zweijährigen Unterbrechung wieder eröffnet. Und auch Stundenten, die Filme machen, gibt es wieder.

Einstellung: Nichts ist unmöglich

Die Filmvorführungen, die Pachachi in Europa und den USA organisiert, belegen eindrücklich den Wert der Arbeit des IFTC. Im vergangenen Monat zeigte das British Museum Kurzdokumentationen von drei ihrer Studenten im Rahmen einer Babylon-Ausstellung. Palchachi hat den Elan einer Aktivistin, für die nichts unmöglich ist. Neben ihrer Arbeit als Filmemacherin ist sie auch Mitbegründerin der Gruppe Act Together: Frauen gegen Sanktionen und Krieg gegen den Irak. Ihr ununterbrochen klingelndes Telefon zeugt von ihrem regen Engagement.

Pachachi ist eine praktische Person. Als sie vom zweiten Kurs ihrer Filmschule erzählt, der 2006 stattfand, kann sie ihre Emotionen dennoch kaum verbergen. Die vielen Entführungen und Tode, von denen sie erzählt (von denen allerdings keiner aus der Arbeit der Schule resultierte), lassen ahnen, was die Gewalt der letzten Jahre für die einfachen Menschen des Irak bedeutet hat.

Der erste Dokumentationskurs, den Pachachi und Abid abhieltem, war noch relativ undramatisch verlaufen. Die beiden setzten eine Anzeige in die Zeitung, um Studenten für ein dreimonatiges Praktikum zu finden. Letztlich stellte sich das Projekt dann aber als ein einjähriges Unterfangen mit ständigen Unterbrechungen und einigen Schwierigkeiten heraus: Sogar diejenigen unter den Jugendlichen, die gerade erst die Filmschule abgeschlossen hatten, hatten noch nie eine Kamera in den Händen gehalten. „Zur Zeit der Sanktionen gab es einfach keine. Wenn eine Kamera kaputt ging, konnte sie nicht repariert werden. Es gab auch keine digitale Ausrüstung“, erinnert Pachachi sich. Schwierig sei am Anfang auch gewesen, nach 35 Jahren der Ein-Parteien-Kontrolle wieder so etwas wie kritisches Denken anzuregen.

Kameratraining auf den Hausdächern

Gebühren wurden für den Besuch der Schule nicht erhoben („Es konnte sowieso niemand für irgendetwas zahlen“). Das Kameratraining absolvierten die Studenten mehr auf den Hausdächern, als auf den Straßen der Stadt. Schon damals mussten sie ihre Erwartungen den Realitäten Bagdads anpassen, weshalb die meisten von ihnen Freunde oder Nachbarn zum Gegenstand ihrer Arbeiten wählten. Die hieraus resultierende Intimität ist es, die diese Filme so besonders macht. Omar is my friend von Mounaf Shaker zum Beispiel dreht sich um einen Taxifahrer, der stolzer Vater von vier Töchtern ist und strahlend erklärt, dass er jeden ignoriere, der ihn bedauere, weil seine Familie nur aus Mädchen besteht.

Die Teilnehmer für den zweiten Kurs wurden über Mundpropaganda und nicht mehr über Anzeigen angeworben. Die hätten eventuell ungewollte Aufmerksamkeit erzeugt– von „religiösen Extremisten, die es für eine Sünde halten, wenn man Filme macht oder wenn Frauen und Männer gemeinsam arbeiten oder von kriminellen Gangs, die sich sagen: Diese Leute kommen von außerhalb, die haben ganz klar Geld – wir werden ein paar von ihnen entführen.“

Der Unterricht begann im Jahr 2006, zur gleichen Zeit, als die Explosionen an den schiitischen Schreinen in Samarra im ganzen Land sektiererische Gewalt auslösten. Ein paar der teilnehmenden Frauen verließen daraufhin den Kurs: „Sie wohnten zu weit weg und es war einfach zu gefährlich.“ Drei Menschen wurden aus Pachachis Bürogebäude entführt. Es wurde sogar schwierig, aus einem Taxi heraus zu filmen – von offenem Drehen auf der Straße ganz zu schweigen. „Wenn man eine Stunde später einen Checkpoint erreichte, hielten sie einen an und sagten: ‚Jemand hat uns von euch erzählt.’“

Der Verkauf von Informationen ist in Bagdad zum Geschäft geworden

Pachachi hebt ihre Hand zum Gesicht und tut als würde sie telefonieren, um deutlich zu machen, dass der Verkauf von Informationen in Bagdad zu Geschäft geworden ist. „Vielleicht wollt ihr euch diesen Typen schnappen. Er ist Professor, hat also wahrscheinlich gutes Geld. Er verlässt das Haus jeden Morgen um acht Uhr, und nimmt dann folgenden Weg.“

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Kasims Bruder wurde aus seinem Laden herausgezerrt und ermordet. Später drehte Kasim den preisgekrönten Film Life After The Fall, der von den verzweifelten Reaktionen der Familie auf die Tat erzählt.

Das Zuhause des Studenten Emad Ali wurde von einer Mine getroffen, wobei seine Frau und sein Vater getötet wurden. Ali, der gerade an einer Dokumentation über das Shabandar Café arbeitete, einen historischen Bagdader Literatentreffpunkt, war zu traumatisiert, um seinen Film fertig stellen zu können. Im folgenden Jahr, nachdem das Shabandar während eines schweren Bombenangriffs auf das kulturelle Zentrum der irakischen Hauptstadt zerstört worden war, griff Ali dann zum ersten Mal wieder zur Kamera. Ratsuchend rief er Pachachi und Abid an, die sich zu dieser Zeit in London aufhielten. „Wir sagten: Okay, aber du musst sehr vorsichtig sein. Nimm eine kleine Kamera, die aussieht wie eine Handycam. Das hat er dann auch gemacht und großartiges Material eingefangen.“

Als er seinen Drehort verließ, wurde Ali von zwei Männern überfallen, die versuchten, ihn gefesselt in ein Auto zu zerren. Er kam mit dem Leben davon, erlitt aber Schussverletzungen in Brust und Bein. Alis Material wurde von seinen Mitstudenten geschnitten und bearbeitet. Der 25-minütige Film A Candle for the Shabandar Café wurde dann bei einem Filmfestival in Dubai angenommen und Pachachi und Abid konnten Ali dort eine medizinische Behandlung verschaffen.

Filme als Gegengift zu den hektischen Nachrichtenbildern

Zu dieser Zeit entschlossen die beiden sich, die Schule zu schließen und die Studenten nach Damaskus zu bringen, um ihre Filme dort zu bearbeiten. Aufgrund der Verbindungen ihrer Familie war Pachachi selbst ständig von Entführung bedroht: „Ich wurde zu einer Gefahr für meine Studenten.“ Als sie 2004 in den Irak zurückgekehrt war, hatte sie den Film City of Wonders gemacht, der in Teilen den Lebensweg ihres 80-jährigen Vaters Adnan Pachachi nachzeichnet. Der war vor Saddam Außenminister und dann nach der Invasion kurze Zeit Präsident des irakischen Regierungsrates gewesen. Inzwischen hat sie mit Open Shutters Iraq eine weitere Dokumentation gedreht, in der es um ein Projekt geht, das irakische Frauen nach Syrien gebracht hat, um ihnen dort zu ermöglichen, fotografieren zu lernen.

Die Filme der Irakerin sind wie ein Gegengift zu den hektischen Nachrichtenbildern von erschütterten Menschen in den ersten Momenten der Trauer. An den Frauen aus Open Shutters Iraq beeindruckt besonders, dass sie mit Humor über ihre Situation reden können. Eine von ihnen erzählt, wie sie Entführungs-Drohschreiben erhielt, in denen der Koran falsch zitiert wurde: „Sie verwüsteten die arabische Sprache.“ Parachi sagt, die Berichterstattung über die Invasion im Jahr 1991 und der Eindruck, die Bomben seien an irgendeinem abstrakten Ort gefallen, hätten sie zum Handeln veranlasst. „Das war sehr verstörend, machte mich irgendwie verrückt. Die Menschen in anderen Teilen der Welt hätten vielleicht mit den Menschen dort mitfühlen können, wenn sie einmal etwas von einer realen Person zu hören bekommen hätten.“

Einige ihrer Studenten arbeiten heute für die Fernsehstationen, die im Irak eröffnet wurden. Insgesamt hat die Schule achtzig Filmemacher ausgebildet und elf Dokumentationen hervorgebracht. Einer der vielversprechendsten Studenten wurde sogar Moderator einer Kultursendung, musste den Job aber aufgeben, nachdem er Drohungen erhalten hatte.

Nun, da es in Bagdad etwas ruhiger zugeht, hat die Schule den Betrieb wieder aufgenommen. Auch sehr viele weibliche Studierende sind diesmal dabei. „Wir wissen zwar nicht für wie lange, doch es scheint, als könnten wir es noch einmal schaffen,“ glaubt Pachachi. Man hofft, bis Jahresende vier oder fünf Filme zu produzieren.

Nach allem was ich gehört habe, frage ich mich, ob Pachachi mit Hoffnung in die Zukunft blickt? Diese Frage beantwortet sie nicht mit Ja oder Nein. Stattdessen sagt sie, sie habe gerade mit einer Freundin im Irak telefoniert – einer Universitätsprofessorin, die berichtete, dieser Tage herrsche große Apathie unter den Irakern. „Im Moment hat sie den Eindruck, die Menschen wollten nichts lernen, sondern einfach nur in Sicherheit sein. Ich denke sie sind traumatisiert.“ Aber gibt es Grund zum Optimismus? „Ich denke es ist ein Unterschied, ob man optimistisch ist oder Hoffnung hat. Hoffnung kann man nicht verlieren.“


Übersetzung: Zilla Hofman

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15:00 12.05.2009
Geschrieben von

Cath Clarke, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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