Wieder im Bild

Porträt Jay Abdo war Fernsehstar in Syrien, bis er vor dem Assad-Regime floh. In den USA schlug er sich mit Hilfsjobs durch. Jetzt hat ihn das Hollywoodkino entdeckt
Andrew Anthony | Ausgabe 26/2014

Er wirkt wie einer, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, aber noch nicht ganz glauben kann, dass er wirklich frei ist. Eine vorsichtige, verhaltene Euphorie strahlt er aus. Als Jay Abdo kürzlich mit Nicole Kidman in Marokko drehte, brachte nicht etwa der schöne blonde Hollywood-Star den Souk von Marrakesch zum Stillstand, sondern Abdo, der 51-Jährige mit dem gepflegten, graumelierten Bart. Eine reife Leistung, wenn man bedenkt, dass er sich vor einem Jahr noch als Pizzakurier in Kalifornien verdingen musste. Am Filmset in Marokko wollten die Menschen jedenfalls Autogramme von ihm.

Bevor er Pizzen ausfuhr, führte Abdo ein Leben voller Privilegien, als einer der bekanntesten Schauspieler in Syrien. 43 Spielfilme und unzählige Seifenopern hatten ihn unter seinem gebürtigen Namen, Jihad Abdo, in der gesamten arabischen Welt bekannt gemacht. Er spielte eine Hauptrolle in Bab al-Hara („Das Tor zum Kiez“), einer der erfolgreichsten Fernsehserien des Nahen Ostens, mit bis zu 50 Millionen Zuschauern in der gesamten Region.

Aus dem Schoß gerissen

Als vor drei Jahren der syrische Bürgerkrieg begann, war Abdo gerade in einer Serie namens Wilada min al-Khasira dabei, einem Politthriller, dessen Titel man mit „Aus dem Schoß gerissen“ übersetzen könnte. Er spielte einen Arzt, der Folterungen durch die gefürchtete syrische Geheimpolizei Muchabarat aufdeckt. Das syrische Fernsehen stand jahrzehntelang im Ruf, sich auch mit heiklen Themen wie Korruption, Gender, Terrorismus und Machtmissbrauch auseinanderzusetzen. Ihre Bereitschaft, auch sensible und kontroverse Themen anzugehen – solange Assad nicht kritisiert wurde –, hat die syrische Fernsehindustrie zur zweitgrößten in der arabischen Welt gemacht. Dem Assad-Regime verhalf das zu ein ziemlich toleranten Image.

Doch Abdo wusste natürlich, dass die Freiheit in der Kunst und die Freiheit im Leben zwei sehr verschiedene Dinge sind. Als er im August 2011 während einer Reise nach Beirut mit einer Journalistin der Los Angeles Times sprach, war ihm klar, welche Konsequenzen es haben könnte, das Regime direkt zu kritisieren. Dann ließ er sich aber doch dazu hinreißen, von Verhaftungen und Tötungen durch Geheimdienste und Armee zu erzählen. „Gleich am nächsten Tag stand alles in der Zeitung, mit meinem Namen“, sagt er kopfschüttelnd. „Ich liebe diesen Artikel, und ich hasse ihn zugleich, denn einerseits war es das erste Mal, dass ich in der Öffentlichkeit die Wahrheit gesagt habe. Andererseits wusste ich, dass ich dafür verhaftet werden konnte.“

Im selben Monat wurde Syriens berühmtester politischer Karikaturist, Ali Ferzat, vom syrischen Geheimdienst brutal zusammengeschlagen. Beide Hände wurden ihm gebrochen. Auch Freunde von Abdo waren schon verhaftet und gefoltert worden. Nach seiner Rückkehr wurde nun auch er systematisch eingeschüchtert und bedroht. Auf der Straße hielten Fremde ihn an und beschimpften ihn wegen seines mangelnden Patriotismus. Man warf ihm die Autoscheiben ein und forderte ihn mehrmals auf, sich im Fernsehen bei Assad zu entschuldigen. Es handelte sich um ein Angebot, bei dem ein Nein als Antwort nicht vorgesehen war. Aber er lehnte ab. „In Syrien“, sagt er, „ist das Regime wie ein mafiöses System, es hat viele Gesichter.“

Autogrammjäger waren lange die Einzigen gewesen, vor denen er sich in Acht nehmen musste. Doch mit einem Mal bot ihm seine Prominenz keinen Schutz mehr. Er wusste, dass er gehen musste, wenn er nicht in einer abgedunkelten Zelle enden wollte. Also floh er im Oktober 2011 aus Syrien und ging zu seiner Frau, Fadia Afashe, die in Minneapolis gerade ein Jahr lang Public Policy studierte. Er konnte nur einen Bruchteil seiner Ersparnisse mitnehmen. Man hatte sein Vermögen eingefroren und seinen Besitz konfisziert.

Als Afashe ihr Studium beendet hatte, zog das Paar nach Los Angeles. Abdo beantragte politisches Asyl und hoffte, in L.A. Arbeit als Schauspieler zu finden. Doch dafür musste er seinen Namen ändern. Auch wenn Jihad im Nahen Osten ein ganz gewöhnlicher Vorname ist, klingt er im Westen für viele nach militantem Islam. „Man kann ja nicht jedem erklären, dass der Name nichts mit dem sogenannnten Heiligen Krieg zu tun hat und ursprünglich sogar ein christlicher Name war.“

Aus Jihad wurde Jay. Und nach über 100 erfolglosen Vorsprechen als Schauspieler fand er auch endlich einen Job – in einem Blumenladen. Dass er fünf Sprachen spricht und Violine spielen kann, interessierte dort niemanden. Auch nicht bei dem Pizzaservice, zu dem er bald wechselte.

Ich treffe Abdo und Afashe in einem Berliner Café, und er sprudelt vor Energie und Enthusiasmus. Denn die Zeiten, in denen er billige Schnittblumen und lauwarme Teigfladen ausfahren musste, sind vorbei. Erneut hat sich sein Schicksal komplett gedreht. Und das liegt auch an zweien der bekanntesten deutschen Filmemacher: Im vergangenen Jahr übernahm Abdo eine Hauptrolle in Queen of the Desert, einem Biopic über die britische Archäologin Gertrude Bell (gespielt von Nicole Kidman) – Regie: Werner Herzog. Und Tom Tykwer hat ihn für die filmische Adaption des Romans A Hologram for the King (geschrieben von Dave Eggers) engagiert – als Co-Star von Tom Hanks.

In Todesangst

Abdos Geschichte erzählt von einer inspirierenden Wiedergeburt, von Hoffnung und Beharrungsvermögen. Sie enthält aber auch Leid, Verzweiflung und Entwurzelung eines Flüchtlings. Mit seiner Frau wohnte er in L.A. in den schäbigsten Motels, in denen auch Prostituierte ihrer Arbeit nachgingen. Unterdessen saßen Verwandte in Syrien fest. Aber: „Er hat solch ein optimistisches Wesen“, sagt seine Frau. „Ich nehme mir die Dinge sehr zu Herzen. Ohne ihn hätte ich das nicht durchgestanden.“

Abdo ist ein großer Fan des europäischen Kinos, liebt Autoren wie Tarkowski, Fellini und Almodóvar und bewundert auch amerikanische Filme, vor allem die der 70er Jahre. Einer flog über das Kuckucksnest habe er 15 Mal gesehen, erzählt er. Doch das Hollywood, von dem er als junger Mann geträumt hatte, war ihm erst einmal verschlossen. Er versuchte, wenigstens in Low-Budget-Produktionen kleine Rollen zu ergattern. Afashe erzählt, sie habe geweint, als sie sah, welche winzigen, oft unbezahlten Auftritte als Statist ihr Mann annahm. „Ich wollte einfach dabei sein. Meine schauspielerischen Fähigkeiten waren dabei, zu verkümmern“, sagt Abdo „Während ich Pizza auslieferte, sah ich, wie die Leute in ihre Büros zurückgingen und entspannt miteinander redeten. Sie hatten ihr Leben, aber wir nicht. Gleichzeitig musst du dich aber fröhlich und schlagkräftig zeigen und kannst eigentlich mit niemandem darüber reden, was bei dir zu Hause los ist.“

Zu Hause, in Syrien, wurde die Situation unterdessen immer schlimmer. Als der sogenannte Arabische Frühling mit den Demonstrationen in Tunesien seinen Anfang nahm, glaubten nur wenige Syrer, dass die Revolte auch auf ihr Land überspringen würde, auch Abdo nicht. „Das Regime regierte mit derart harter Hand, dass niemand auch nur daran zu denken wagte. Der Vater eines Freunds saß 14 Jahre wegen eines einzigen Satzes im Gefängnis. Als Journalist hatte er in einer Konferenz gesagt: ,Ich verstehe nicht, warum Entscheidungen in diesem Land von nur einer Person getroffen werden.‘ Letztlich waren es die Kinder, die anfingen zu protestieren, nicht die Erwachsenen.“ Tatsächlich begannen die Proteste in Syrien erst, nachdem im März 2011 in Daraa 15 Kinder verhaftet worden waren, weil sie regierungsfeindliche Parolen an Häuserwände geschrieben hatten.

Abdos Vater, ein Dozent für Arabisch, war in den 50er und 60er Jahren mehrmals festgenommen worden, weil er offen seine Meinung geäußert hatte. Wenn Vertreter des Regimes Abdo einschüchtern wollten, fragten sie ihn nach seinem Vater. Er wusste, dass er darauf nur lächeln durfte und zu erwidern hatte, es gehe seinem Vater gut. Alles, was darüber hinausgegangen wäre, hätte man ihm als Aufsässigkeit ausgelegt. „In einer Demokratie kann man offen seine Meinung sagen, aber in einer Diktatur ist man permanent gezwungen, etwas zu verheimlichen. Man beschränkt sich auf einen Kreis enger Freunde, denen gegenüber man seine Gefühle äußert, und selbst da bleibt man vorsichtig.“

Lange Zeit hat er sich dem Regime nur passiv widersetzt, etwa indem er Einladungen höflich ablehnte. „Es kamen freundliche Anfragen: ,Lassen Sie uns essen gehen. Kommen Sie in mein Büro, und wir reden über dieses oder jenes Buch. Haben Sie das gelesen?‘ Ich bin ihnen aber immer aus dem Weg gegangen.“ Andere ließen sich derweil Autos und Häuser schenken. Wenn man sie bat, an Demonstrationen zur Unterstützung Assads teilzunehmen, zögerten sie nicht. Auch Abdo wurde vom Schauspielerverband aufgefordert, für Assad auf die Straße zu gehen. „Ich hatte Todesangst“, sagt er. „Ich fragte meine Frau. Sie ist mutiger als ich: ,Fadia, sie haben mir eine SMS geschrieben. Morgen um zehn ist eine Demonstration. Was soll ich nur machen? Ich will da nicht hingehen.‘ Sie antwortete: ,Geh nicht. Die töten Kinder.‘“

Es kam der Tag, da musste er sich entscheiden, ob er sich der Freien Syrischen Armee anschließt oder zu seiner Frau in die USA geht. Was ihm wichtig ist: Die staatlichen Hilfsangebote waren für ihn in den USA rar gesät – aber Abdo war gerührt, wie viele Amerikaner ihm auf persönlicher Ebene zu helfen versuchten. „Wir haben keinen Kontakt zur syrisch-arabischen Community in Los Angeles gesucht. Am Anfang war es hart allein, aber am Ende doch sehr befreiend. Wir konnten uns unsere Freunde selbst auswählen, über alle Religionen und Kulturen hinweg.“

Eines Tages traf er in den USA den gebürtigen Syrer und Produzenten Nick Raslan, der gerade einen Film mit Werner Herzog vorbereitete. Es kam zu einer Begegnung mit dem berühmte deutschen Regisseur. „Ich musste nicht vorsprechen. Wir haben uns eine Viertelstunde unterhalten, und danach sagte er dem Produzenten, dass er mich sympathisch finde. Beim nächsten Treffen eröffnete er mir, ich würde auf seiner Casting-Liste ganz oben stehen. Da fing ich einfach an zu weinen.“

Bei aller Aufregung um den Aufbau seiner neuen Karriere hat Abdo seine Heimat nicht vergessen. Er und seine Frau fürchten, nie wieder nach Damaskus zurückkehren zu können. Der Aufstand hat sich in einen Bürgerkrieg verwandelt, in dem Schätzungen zufolge bereits über 100.000 Menschen getötet wurden. Die Opposition ist zersplittert, religiöse Extremisten haben an Macht und Einfluss gewonnen. Abdo glaubt sogar, dass Regierung und militante Gotteskrieger unter einer Decke stecken. Es ist, als sei der Arabische Frühling durch die Jahreszeiten gerast und stecke nun in einem endlosen Winter fest.

„Ich vermisse meine Freunde“, sagt Abdo. „Ich vermisse die Musik und das Essen, die Ausstellungen und die Theater in der Altstadt von Damaskus. Ich vermisse die Katze, die ich immer gefüttert habe. Ich vermisse die Küste und die Gerüche. Das alles wird nie wieder so sein wie vorher.“ Nein, für Jihad Abdo, den vertriebenen Syrer, gibt es in absehbarer Zukunft wohl kein Zurück. Aber für Jay Abdo, den wiederentdeckten Schauspieler, gibt es jetzt wieder einen Weg nach vorn.

Von Damaskus nach Hollywood

Ramadan Soap heißt das Genre, mit dem Jay Abdo im Nahen Osten berühmt wurde. Es handelt sich um Serien, die während des islamischen Fastenmonats von einem Millionenpublikum verfolgt werden. Angelehnt an die Tradition des abendlichen Geschichtenerzählens während des Fastens werden für diese Zeit spezielle Programme konzipiert, sogenannte musalsalat. Während des Iftar, des abendlichen Fastenbrechens , werden sie im Kreis der Familie gemeinschaftlich angesehen. Meist enthält eine solche Soap 30 Folgen, für jede Iftar-Nacht eine.
Inhaltlich geht es dabei häufig um Erzählungen über islamische Figuren oder das heutige alltägliche Leben, oft verbunden mit sozialen Problemen oder spannenden Intrigen.
Je weiter das Satellitenfernsehen sich seit den 90er Jahren in der arabischen Welt verbreitete, desto stärker wuchs das Soap-Publikum. Besonders beliebt waren vor allem syrische TV-Produktionen. Durch den Bürgerkrieg verlagerte sich das Zentrum der Ramadan Soaps aber nach Ägypten, auch aufgrund von Boykott-Aufrufen gegen-über syrischen Sendern.
Hollywood ist die neue Heimat von Jay Abdo. Auch dort ist der Nahe Osten ein Thema. Queen of the Desert erzählt die Geschichte der Archäologin Gertrude Bell, die während des Ersten Weltkriegs an der politischen Neuordnung in der Region beteiligt war. In A Hologram for the King geht es um den saudischen König Abdullah, dem ein US-Unternehmer ein Kommunikationssystem verkaufen soll.
In der Ankündigung beider Filme findet sich der Name Jay Abdo auf den hinteren Plätzen – als wäre er ein Unbekannter. JCG

Andrew Anthony schreibt seit mehr als 20 Jahren für den Observer und den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 09.07.2014
Geschrieben von

Andrew Anthony | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 27/2020

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