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Metier Es gibt so viele verschiedene Berufe, aber was braucht es, um im Job Erfüllung zu finden? Zwölf Antworten in zwei Teilen. Von Gehirnchirurg bis Domina
Observer Magazine | Ausgabe 18/2013 1

Gehirnchirurg

Ich könnte Ihnen in zwei Wochen beibringen, eine einfache Hirn-OP vorzunehmen. Zeit und Erfahrung braucht es hingegen dafür, das Gehirn dabei nicht zu verletzen. Die eigenen Grenzen kennenzulernen, das dauert Jahre. Ich arbeite gern in der Kinder-Neurochirurgie, weil Kinder sich besser von Hirntraumata erholen als Erwachsene. Die Ergebnisse sind also befriedigender. Außerdem inspiriert mich die Widerstandskraft von Kindern. Ungefähr vom sechsten Lebensjahr an ahnt man die eigene Sterblichkeit – die meisten Kinder verstehen recht gut, was los ist. Ich habe ungefähr zehn Jahre gebraucht, bis ich mich wohl dabei gefühlt habe, eine Operation mit einem Kind zu besprechen.

Die Kinder müssen Fragen stellen können, man muss ihnen Respekt entgegenbringen. Mitunter ist ihre Perspektive ganz witzig. Die meisten Teenagermädchen wollen beispielsweise nur wissen, wie viel Haar ihnen abrasiert wird. Mein Job macht mich aber nicht traurig. Ich bin ja nicht für den Tumor verantwortlich. Ich kümmere mich um das, was schiefgelaufen ist. Wenn die Kinder zu mir kommen, sind sie dem Tode nahe. Ich tue, was ich kann, damit es ihnen besser geht. Als ich in der Ausbildung war, habe ich 120 Stunden die Woche gearbeitet. Jetzt geht es ruhiger zu. Ich operiere an zwei Tagen zwölf Stunden lang. In dieser Zeit mache ich drei bis vier Operationen. Nur bei einem großen Tumor kann es schon mal zehn bis fünfzehn Stunden dauern.

An den anderen Tagen bin ich in Kliniken und sehe dort dreißig bis vierzig Patienten am Tag. Alle sieben Wochen habe ich sieben Tage und Nächte lang Bereitschaftsdienst. Ich bin es mittlerweile gewöhnt, mit nur drei Stunden Schlaf auszukommen.

Wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache, und den Leuten sage, ich sei Gehirnchirurg, glaubt man mir nicht. Ich bin in einer Sozialwohnung im Londoner East End aufgewachsen, gebe also nicht das Bild ab, das man von meinem Beruf erwartet. Das stört mich aber nicht. Ich finde das lustig.


Bestatter

Ich war noch ziemlich jung, als ich mich für diesen Beruf entschied. Anfangs ging für mich von den Leichen große Faszination aus. Nach einer Weile werden sie aber einfach zu toten Körpern, um die man sich kümmern muss. Wichtig wird dann eher das Leben, das gelebt wurde – und das Leben der Hinterbliebenen. Es geht weiter. Und es wird einem klar, dass kein Leben einfach nur banal war. Schwierig womöglich oder unerfüllt oder voller Geheimnisse. Aber niemals banal oder langweilig.

Oft kommt mit dem Tod etwas zum Vorschein, das vorher im Verborgenen lag. Etwas über den Einzelnen, oder die Familie. Für mich ist der Tag des Begräbnisses ein Tag für diejenigen, die noch leben. Ich habe das Privileg, sie in Bestform zu erleben: Der Tod bringt die Hinterbliebenen dazu, enorme Ressourcen freizusetzen. Ich lerne jeden Tag etwas über die menschliche Natur, über Güte und Widerstandskraft. Natürlich gibt es da viele Emotionen. Manchmal werde ich auch zum Sündenbock gemacht. Aber eigentlich kommt das nur selten vor. Meist erfahre ich etwas über Liebe und das schwere Leben, das die Verstorbenen gelebt haben. Ein Irrglaube ist, dass Sterben schwer ist. Sterben ist leicht. Das Leben ist harte Arbeit, verdammt harte.

Ich habe nicht nur in emotionaler Hinsicht einen schwierigen Job – es herrscht auch scharfer Wettbewerb. Die Branche ist unbarmherzig mit den großen Anbietern und ihren Vorauszahlungsangeboten. Das macht mich aber nicht irgendwie depressiv, wie viele Leute vermuten. Im Gegenteil: Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht glücklich schätze, so vieles über Menschen zu lernen und am richtigen Ort zu sein. Im Grunde ist meine Arbeit ein Privileg.


VIP-Betreuerin

Ich sorge nicht nur dafür, dass meine Kunden wahrgenommen werden. Ich betreibe auch Schadensbegrenzung. Es gibt Klienten, bei denen gerade Prozesse oder Scheidungen liefen, die mit Telefonsex oder Drogen zu tun hatten. Einer hat mal versehentlich eine Schusswaffe mit zum Flughafen genommen.

Auf dem roten Teppich – bei den Oscars oder den Golden Globes zum Beispiel– sorge ich dafür, dass meine Klienten gut aussehen. Neulich war bei einer Veranstaltung von Oprah Winfrey der Teppich nicht ordentlich befestigt und mein Kunde wäre fast hingefallen – ich musste ihn fangen. Manchmal wollen die Kunden auch komische Sachen. Bei einer Gala im Weißen Haus konnten einmal zwei meiner Kunden nichts mit dem Essen anfangen und bestanden darauf, in Washington herumzufahren und einen Kentucky Fried Chicken zu finden, der um ein Uhr nachts noch auf hatte. Ich musste dann im Abendkleid hineingehen und bestellen, damit sie in der Limousine essen konnten.

Ich habe kein Problem damit, mein Leben damit zu verbringen, andere Leute gut aussehen zu lassen. Ich freue mich für ihren Erfolg. Ich fühle mich dann wie eine stolze Mutter.


Finanzberater

Die meisten Leute verstehen gar nicht wirklich, was Finanzberater machen. Sie denken, ich würde entscheiden, ob sie einen Kredit erhalten oder nicht. Deshalb versucht ständig irgendwer, mich davon zu überzeugen, wie viel Geld er hat. Einmal hat ein Freund mich wegen eines Kreditantrags angerufen. Wir haben Stunden daran gesessen, bis er mir auf einmal mitteilte: „Ach übrigens, ich habe gestern gekündigt.“ Und der hatte studiert! Warum sagt er das denn nicht gleich?

Einmal habe ich einen Antrag für einen russischen Oligarchen bearbeitet, der eine Lebensversicherung abschließen wollte. Als ich wissen wollte, ob gesundheitliche Beeinträchtigungen bestünden, sagte er, es ginge ihm ausgezeichnet. Und dann schreibt er in den Fragebogen, dass er dreimal angeschossen und achtmal mit einem Messer angegriffen und verletzt wurde.

Eines habe ich inzwischen festgestellt: Je reicher die Leute, desto fieser sind sie auch. Mancher Kunde mit einer Menge Geld feilscht spät abends noch kleinlich wegen einer Gebühr von 300 Euro herum. Andererseits habe ich Kunden, die in Sozialwohnungen leben und mir das Geld jedes Mal nachschmeißen wollen, wenn ich komme: „Kumpel, ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde. Hier nimm ein paar Scheine!“ Denen muss ich dann erklären, dass ich das Geld nicht annehmen kann, weil ich sonst meinen Job verlieren würde.

Ich mache den Job überhaupt nur weiter, weil ich Menschen mag. Ich hasse es, am Computer zu sitzen und Zahlen zu wälzen. Eine traurige Seite hat die Arbeit aber auch – ich bekomme viele Forderungen nach Auszahlung im Todesfall auf den Tisch. Im Augenblick sind so viele meiner Klienten von Krebs betroffen. Sie zu beraten ist hart, vor allem, wenn sie nicht die Rente bekommen werden, für die sie ihr ganzes Leben lang gespart haben, weil sie vorher sterben werden.

Weil ich fast alle meine Freunde in Finanzdingen berate, kenne ich auch genau ihre Situation. Wenn wir dann in der Kneipe sitzen und jemand sagt: „Der und der hat einen neuen Mercedes, dem geht’s wohl ganz gut“, dann denke ich: „Nein, der ist bis an die Nasenspitze verschuldet und arm wie eine Kirchenmaus.“

Ich selbst kann mit meinem eigenen Geld überhaupt nicht umgehen, ich komme damit einfach nicht klar. Meine Frau kümmert sich also um unser Konto.


Taxifahrer

In den meisten öffentlichen Verkehrsmitteln reden die Leute kein Wort miteinander, aber in einem Taxi ist das ganz anders. Jeder hat eine Geschichte parat. Für gewöhnlich fängt mein Tag mit einem Geschäftsmenschen an, den ich zum Flughafen fahre. Und fast immer endet er mit einem Betrunkenen. Ich habe nichts gegen die Betrunkenen. Manchmal denke ich sogar, die Leute sind dann angenehmer als nüchtern: entspannter, glücklicher, ehrlich. Einmal gefiel einem Mädchen, das ich von einer Bar nach Hause brachte, die Musik auf meinem iPod so sehr, dass ich ihr eines der Lieder noch einmal vorspielen sollte, als wir vor ihrem Haus angekommen waren. Als sie ausgestiegen ist, zündete sie sich eine Zigarette an und tanzte – ich musste lachen.

Um einige der jungen Frauen, die sehr betrunken sind, mache ich mir aber Sorgen. Ich habe selbst zwei Töchter. Unangenehm ist es oft, wenn ich eine Frau aufwecken muss, die eingeschlafen ist: Was, wenn sie glaubt, ich wolle sie angreifen, sie mich anzeigt und ich meine Lizenz verliere? Alle sechs Monate haut mir auch einer ab, ohne zu zahlen. Für gewöhnlich sind das junge Kerle und man weiß Bescheid, sobald sie einsteigen. Neulich sind mir mal vier zwölfjährige Mädchen weggerannt und haben dabei gekichert wie blöd. Das hatte ich nicht kommen sehen.

Nur einmal hatte ich bisher Angst um mein Leben. Als an einer Ampel ein Fahrgast wegrannte, trat ich aufs Gas, damit sein Bruder nicht auch noch abhauen konnte. Es schien ihm peinlich zu sein und er bat mich, ihn auf einem Parkplatz rauszulassen. Als wir dort ankamen, wartete der Typ, der abgehauen war, mit einem Felsbrocken, warf ihn mir durch die Windschutzscheibe und verfehlte nur knapp meinen Kopf. Sie schlugen mich durchs Fenster, bis es mir gelang, wegzufahren. Die schlimmsten Gäste aber sind die, die mich „Fahrer“ nennen.


Domina

Bei mir gibt es keinen Sex und auch keine „Verehrung des Körpers der Herrin“ oberhalb des Knies. Ich lasse vielleicht mal ein bisschen Masturbation zu, meist bin ich aber streng. Ich kann schon mal bis zu sieben Stunden im Kerker sein – und kontrolliere ständig, ob meine Kunden Spaß haben. Ich sorge dafür, dass sie nicht draufgehen. Ich muss vorher wissen, ob jemand gesundheitliche Probleme hat. Ganz bestimmt will ich nicht, dass einer in meinen Händen stirbt. Ich arbeite mit Codewörtern. So können die Kunden signalisieren, wenn etwas nicht stimmt: Wenn sie „Gelb“ sagen, müssen sie Luft holen, „Rot“ ist das Wort für den Notfall, den Abbruch.

Ich biete vieles an: vom gewöhnlichen Schlagen mit Kochlöffel oder Peitsche über Cross-Dressing bis hin zu Schnittwunden, die wieder zugenäht werden. Einer meiner Kunden hat einen Vanillesoßen-Fetisch. Er wird gerne in einen aufblasbaren Ball gesteckt. Dann fülle ich acht Liter Vanillesoße hinein und rolle ihn darin herum. Nichts überrascht mich mehr oder widert mich an.

Ich habe mit den verschiedensten Menschen zu tun: Neugierigen, die gerade Fifty Shades of Grey gelesen haben oder verheirateten Männern, die sich nicht trauen, ihren Frauen zu sagen, dass sie gerne dominiert werden.

Außerhalb des Kerkers habe ich ein paar „Lifestyle-Sklaven“ – einer putzt meine Wohnung und macht Besorgungen. Ein anderer Sklave war übergewichtig, als er zu mir kam. Jetzt herrsche ich über diesen Teil seines Lebens. Er mailt mir jeden Tag, was er gegessen hat und wie viel er sich bewegt hat. Eine emotionale Bindung baue ich nicht auf – Sklaven sind austauschbar.

Viele meinen, ich würde ein Vermögen verdienen. Dabei habe ich hohe Fixkosten, allein die Kerkermiete beträgt 75 Euro in der Stunde. Ich hätte ein super Einkommen, wenn ich Sex noch mitanbieten würde – dazu bin ich aber nicht bereit.

Zwölf Antworten in zwei Teilen. Teil 2: Gehirnchirurg bis Domina

>> Teil 1 erschien am 1. Mai

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09:00 02.05.2013
Geschrieben von

Observer Magazine | The Guardian

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The Guardian

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