Männer sind so (un)verletzlich

Maskenpflicht Der Mund- und Nasenschutz hilft im Kampf gegen Corona. Trotzdem regt sich überall Widerstand – meistens bei Männern. Das ist kein Zufall, wie Studien aus den USA belegen
Männer sind so (un)verletzlich
Einer Studie zufolge finden Männer im Vergleich zu Frauen eher, das Tragen der Maske sei „beschämend, nicht cool, ein Zeichen der Schwäche und ein Stigma“

Foto: Karen Ducey/Getty Images

Vergangene Woche wurden die Social-Media-Feeds von Bildern überflutet, die den US-amerikanischen Top-Virologen Anthony Fauci zeigten, wie er den US-Senatoren sagte, das Land „steuere in die falsche Richtung“. Das Bild hatte eine starke Wirkung – auf mehreren Ebenen. Nicht nur fühlte es sich an wie ein nationales Totengeläut. Faucis Auftritt mit einer leuchtend roten Gesichtsmaske geschmückt mit den Insignien der Baseballmannschaft Washington Nationals verwies auf einen anderen Kulturkrieg. Er gab einen Kommentar dazu ab, wie man seine Männlichkeit bewahrt, während man eine Gesichtsmaske trägt.

Dabei ist Fauci offensichtlich nicht der einzige, der befürchtet, dass eine Gesichtsmaske seine Männlichkeit beeinträchtigen könnte. Der provokative Podcast-Kommentator Joe Rogan, bekannt für seine enorme Gefolgschaft an männlichen Zuhörern, sagte kürzlich, nur „Schlampen“ trügen Masken. Unterdessen wurde Präsidentensohn Donald Trump Junior auf einer überfüllten Party in einem reichen Strandvorort von New York fotografiert – und zwar wie ein Bösewicht aus einem John Hughes-Film, unübersehbar sans Maske.

In gewissen Kreisen ist das Tragen einer Maske offenbar mit der selben Art archaischer, primitiver Rhetorik verbunden, die auch pinkfarbene Anziehsachen oder eine Katze in einem Dating-App-Profil für unmännlich erklärt. Die LA Times erteilte ein paar wohlgemeinte, aber letztlich deprimierende Tipps, wie die Masken für „Alpha-Typen“ attraktiver gemacht werden könnten. Unter den Vorschlägen waren: Appelliert an den Patriotismus! Maga(Make America Great Again)-Masken! Modelle mit Haifischzähnen drauf! Kann das Konzept von Männlichkeit so eiszeitlich starr und hauchdünn zerbrechlich sein?

„Kondome für das Gesicht“

Offensichtlich ja – was bedauerlich ist, weil die Gefahr durch Covid-19 sehr, sehr real bleibt. Diese Woche bezeichnete die populärwissenschaftliche Zeitschrift Scientific American Masken als „Kondome für das Gesicht“. Argumentiert wurde, dass der Kampf, Männer dazu zu bringen, während der aktuellen Pandemie Masken zu tragen, Parallelen zu dem Kampf hat, den es kostete, sie während des Aufkommens von Aids zum Tragen von Kondomen zu animieren. Es wirkt zwar seltsam, etwas, das man sichtbar in der Öffentlichkeit anhat, mit etwas zu vergleichen, das man privat in intimen Momenten trägt. Aber die Analogie unterstreicht, wie die Vorstellung von Männlichkeit mancher Männer mit einer ätzenden Mischung aus Launenhaftigkeit, dem Gefühl der Unzerstörbarkeit und letztlich mit Privileg verknüpft ist. Der Artikel zitiert Forschung, nach der „männliche Weltanschauung“ mit der Ablehnung von Kondomen assoziiert wird.

Eine ähnliche Studie der Middlesex Unversität und des Mathematical Science Research Institute in Berkeley zeigte, dass Männer weniger häufig Masken tragen als Frauen, weil sie den Gesichtsschutz als peinlich empfinden. Nach dieser Studie finden Männer im Vergleich zu Frauen eher, das Tragen der Maske sei „beschämend, nicht cool, ein Zeichen der Schwäche und ein Stigma“. Zudem ist das „negative Gefühl“ beim aktiven Tragen der Maske bei Männern demnach stärker .

Es wird noch schlimmer: Keine Maske zu tragen ist nicht nur toxische Männlichkeit, sondern zu einer Form als Waffe benutzter Männlichkeit geworden. US-Präsident Donald Trump sagte, er habe sich „dagegen entschieden“, eine Maske zu tragen. Unterdessen ignorierte Vizepräsident Mike Pence kürzlich beim offiziellen Besuch eines Krankenhauses im Bundesstaat Minnesota einfach die Sicherheitsbestimmungen, die das Tragen einer Gesichtsmaske vorsehen. Und der frühere Baseball-Profi und selbsterklärte „Beschützer toxischer Männlichkeit“ Aubrey Huff twitterte: „Ich werde nicht länger in jedem Geschäft eine Maske tragen. Es ist verfassungswidrig, das zu erzwingen. Lasst uns dafür sorgen, dass dieser Schwachsinn sofort aufhört! Wer sieht das auch so?“

Das Ego als metaphorisches Schild

Diese Superspreader-Mentalität scheint sich mit einer Augenrollen auslösenden „Ok, Boomer“-Haltung zu überlappen, verkörpert durch Boris Johnsons Entscheidung, während der Ausbreitung des Coronavirus weiter Hände zu schütteln, und durch die Behauptung des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, wegen seiner Sportlichkeit könne ihm das Virus nichts Schlimmes anhaben. Für solche Männer ist ihr Ego zu einem metaphorischen Schild geworden, das sie für real zu halten zu scheinen.

Auch das ist bedauerlich, weil das Tragen von Masken in den USA bereits jetzt in einem gefährlichen Ausmaß politisiert ist. Laut einer Umfrage der Kaiser Family Foundation geben 70 Prozent der Demokraten an, regelmäßig eine Maske zu tragen, verglichen mit nur 37 Prozent der Republikaner. Unterdessen wurde der politisch aufgehende Stern der Demokraten, Jamaal Bowman, fotografiert, als er stolz eine Maske der legendären New Yorker Rap-Gruppe Wu-Tang Clan trug. Dieses Bild weist darauf hin, dass es einigen progressiven Politiker gelingt, ihre Masken zu politisch aufgeladenen Modeartikeln zu machen. Das ist ein willkommener Kontrast zur schwer verdaulichen Männlichkeit ihrer politischen Gegner.

Bowmans Maskenstil weist einen Weg vorwärts, der sowohl fortschrittlich als auch potenziell lebensrettend ist. Aber eigentlich sollte das Tragen einer Maske nicht kompliziert sein – sondern eine Sache des gesunden Menschenverstands.

Wer ist dabei?

Priya Elan ist stellvertretender Mode-Redakteur des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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10:47 07.07.2020
Geschrieben von

Priya Elan | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 33/2020

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