Malcolm McLarens Soweto

Legenden Nachdem die Sex Pistols sich aufgelöst hatten, erkundete ihr ehemaliger Manager den Geist des Punk in der Musik Südafrikas - es entstand "Soweto"




Die Geschichte der Sex Pistols hatte viele Irrungen und Wirrungen, aber eine der erstaunlichsten bestand darin, wie Malcolm McLaren († 8. April 2010) sich in den frühen Achtzigern als Künstler neu erfand. Nachdem er aus allem hinausgedrängt worden war, was mit den Sex Pistols zu tun hatte, arbeitete er als Manager und Berater mit Bow Wow Wow, Adam Ant und Boy George zusammen. Doch auch hier kam es zu Reibereien und als die Karriere der beiden letztgenannten steil nach oben ging, war McLaren nicht mehr beteiligt.

Viel von der Bitterkeit, die dem Ende der Sex Pistols anhaftete, hatte mit dm Streit um die Autorenschaft zu tun: Der Film The Great Rock’n’Roll Swindle war nichts anderes als McLarens Versuch, die ganze Geschichte aus seiner Perspektive zu erzählen – dass er alles initiiert und geplant habe. Es war der alte, klassische Streit zwischen Manager und Künstler, den zwangsläufig immer nur der Künstler gewinnen kann, und sei es nur, weil er im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht.

McLaren handelte also folgerichtig und erfand sich als Künstler neu. „Als Manager fühlte ich mich wie ein Söldner, und das brachte mich in eine Position, mit der ich nichts zu tun haben wollte“, sagte McLaren mir 1983. „Daher zog ich es schließlich vor, auszusteigen. Meine eigene Inspiration drohte in der Arbeit mit Bow Wow Wow und Boy George verloren zu gehen. Damals fehlte mir noch das Selbstvertrauen. Vielleicht habe ich mich in meiner Moderatorenrolle nie als Künstler begriffen.“

McLaren tat sich mit dem Produzenten der Stunde, Trevor Horn, zusammen, der gerade mit ABC enorm erfolgreich war, ging auf kulturelle Pilgerfahrt und machte sich in Harlem, der südlichen Bronx und Südafrika auf die Suche nach dem Geist des Punk Rock. Die erste Single, die er veröffentlichte, war der B-Boy-Klassiker "Buffalo Girls", der Ende 1982 Platz 10 der Charts erreichte. McLaren zog damit auf Anhieb mit der höchsten Chart-Position gleich, die bis dahin von jemanden erreicht worden war, der mit den Sex Pistols zu tun gehabt hatte.

Buffalo Girls passte genau in die in Großbritannien aufkommende Elektro- und HipHop-Phase und trug maßgeblich zur Beliebheit des Genres bei. Das darauf folgende Soweto stellte einen weiteren Durchbruch dar. Das Lied machte viele im Westen zum ersten Mal mit afrikanischer Popmusik im Allgemeinen und den 70er Jahre Sound des Mbaqanga (Zulu für Maisbrot) im Besonderen bekannt – eine schnelle Tanzmusik mit südafrikanischen Wurzeln, die aber insbesondere Gastarbeiter ansprach.

Südafrikanische Musiker

Soweto ist ein gewaltiger Song. Beginnend mit einem Gitarren-Lick geht er schnell in die klassische Mbaqanga-Mischung aus Country-Geige, elastischen-pulsierenden Basslines, losem Schlagzeugeinsatz und tiefen, percussiven Gesängen über. Dann setzt McLaren ein. Da er nie die schönste Singstimme hatte, kommt es ihm sehr entgegen, dass Trevor Horn ihm die Rolle des wahnsinnigen Zeremonienmeisters zuweist, der den Hörer dazu aufruft, seine Sorgen zu vergessen, auszugehen und die Nacht durchzutanzen.

McLaren und Horn arbeiteten während ihres Aufenthalts mit schwarzen südafrikanischen Musikern zusammen und nahmen mit ihnen vier Lieder auf, was zu Apartheid-Zeiten eine Seltenheit darstellte. Die aus Soweto stammenden Mahotella Queens wirkten bei dem Stück mit und Soweto wurde direkt von dem berüchtigten Township inspiriert, das dem Song seinen Namen gab. „Das Lied handelt von der Straße nach Soweto. Diese Menschen waren wie das Lied: Quietschvergnügt und optimistisch, trotz der schrecklichen Umstände“, sagte der Produzent später gegenüber Paul Rambaldi.

McLaren war für sein Desinteresse an der Musik berüchtigt, was unter anderem zur Folge hatte, dass Glen Matlock bei den Sex Pistols durch Sid Vicious ersetzt wurde. Dieses Mal aber war etwas anders: „Ich bin ein Punk-Rocker“, sagte er mir. „Das ist lediglich eine Frage der Evolution. Ich kann zwischen dem, was ich jetzt tue und dem, was ich damals getan habe, eigentlich keinen Unterschied erkennen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich ein großes Interesse für die Musik entwickelt habe. Hierin besteht der wahre Unterschied.“

Das kann man in dem von dem südafrikanischen Regisseur Ian Gabriel gedrehten Video auch sehen. McLaren legt bei diesem vor Überschwang strotzenden Song eine seiner besten Performances hin. Im erlesensten Anzug aus Vivienne Westwoods Nostalgia-of-Mud-Kollektion fügt er sich mit großen Augen in das Bild der tanzenden und singenden Einheimischen ein – nicht als einer von ihnen, aber als ein ihnen wohlgesonnener Besucher und Außenstehender, der von dem fröhlichen Geist und der Anmut dieser Musik ergriffen wird.

Trotz seiner ungewöhnlichen Rhythmen kratzte Soweto gleich nach seiner Veröffentlichung die Top 40. Die unvermeidliche Debatte drehte sich dieses Mal um Plagiatsvorwürfe: Die ursprünglichen Credits lauteten auf McLaren/Horn. Die Sache konnte aber schließlich geklärt werden. Der Song weckte großes Interesse und führte zu Samplern wie The Indestructible Beat of Soweto oder Duck Food, auf dem die Originale zu hören waren, die McLaren für die Platte Duck Rock, auf der sich auch der Song Soweto findet, als Vorlage benutzt hatte.

Einen Großteil seines Lebens war Malcolm McLaren eine unablässig arbeitende Ideenfabrik. Viele seiner Vorhersagen sind noch heute gültig oder erfüllen sich erst jetzt. Abgesehen davon, dass es sich um einen wunderbar fröhlichen, energetischen und befreienden Song handelt, war Soweto seiner Zeit um drei Jahrzehnte voraus. In den vergangenen Jahren gab es eine neue Welle von Compilations, die die Archive der afrikanischen Popmusik plündern, und eine neue Generation von Rockbands wie Vampire Weekend, Yeasayer , die aus eben dieser tiefen Quelle schöpfen.


Übersetzung: Holger Hutt

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16:00 27.04.2010
Geschrieben von

Jon Savage | The Guardian

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