Man schämt sich

Ungarn Viktor Orbàn will, dass wir alle weiß, heterosexuell und christlich sind. Dabei ist unsere Vergangenheit von Multikulturalität und Migration geprägt, schreibt Kata Karáth
Man schämt sich
Am 8. April stehen in Ungarn Wahlen an. Die Stimmung im Land ist durch einen weißen Nationalismus vergiftet

Foto: Adam Berry/Getty Images

Zurzeit bin ich nicht besonders gerne Ungarin. In den vergangenen Jahren habe ich zunehmend das Gefühl, dass meine Nationalität etwas von einer fiesen Hautkrankheit hat, die ich am liebsten abschrubben würde. Im Ausland verstecke ich meinen Akzent und bezeichne mich als „Weltbürgerin“.Ich habe geschworen, niemals mit einem Ungarn zusammen zu sein, und mich auch sonst nicht fest in meinem Heimatland niederzulassen. Ich hasse das Bild, das ein Großteil der Welt mittlerweile von den Ungarn hat: intolerant und mit einer Sehnsucht nach Autoritarismus. Es ist noch gar nicht lange her, da wurden wir in den internationalen Medien praktisch gar nicht erwähnt. Jetzt sind wir das bevorzugte Beispiel für den Illiberalismus in Europa.

Aber am schlimmsten finde ich eigentlich, wie die ungarische Regierung zu definieren versucht, wie „echte“ Ungarn sein sollten. Die Aktivistin und Bloggerin Orsolya Lehotai, mit der ich seit der Oberschule befreundet bin, hat es so formuliert: Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbàn versucht, uns – der jüngeren Generation – eine Vision aufzudrücken, in der ungarisch sein heißt, „weiß, heterosexuell, christlich oder zumindest nicht-moslemisch“ zu sein. Orsolya sagt gerne, sie komme zwar aus Ungarn, sei aber nicht ungarisch, weil die Bedeutung des Wortes in Beschlag genommen worden ist. Seit einiger Zeit halte ich es genauso.

Es ist absurd, dass die Regierung mit dem weißen Nationalismus flirtet, aber gleichzeitig unsere ungarisch-asiatischen Wurzeln feiert, um unsere ethnische Einzigartigkeit zu demonstrieren. „Wenn wir nach Brüssel gehen, haben wir dort keine Verwandten. Aber kommen wir nach Kasachstan, gibt es Leute, die uns nahe stehen“, sagte Orbàn 2015 bei einem Besuch in Zentralasien.

Die Regierung unterstützt zudem mit fast 970.000 Euro das Kurultáj-Festival, das jeden Sommer in Bugac stattfindet, um eine „Stammesversammlung der hunnisch-türkischen Nationen“ zu feiern, mit Teilnehmern aus 27 ethnischen Gruppen.

Es heißt, die Ungarn kommen ursprünglich aus einem Gebiet östlich des Uralgebirges, also von hinter der Trennungslinie zwischen Europa und Asien. Über den genauen Ort unserer Wurzeln streiten die Experten noch, aber die meisten sind sich einig, dass wir irgendwoher aus Zentralasien stammen. Unsere Vorfahren waren Nomaden, die große Territorien durchquerten, im Sattel sitzend rückwärts Pfeile abschossen und Schamanismus praktizierten. Gegen Ende des neunten Jahrhunderts schließlich ließen wir uns im Karpatenbecken in Mitteleuropa nieder.

Was die Ungarn Honfoglalás oder die Eroberung des Heimatlandes nennen, war vor allem ein von Migration geprägter Prozess. Das ist angesichts Orbáns fanatischer Anti-Einwanderungs-Rhetorik kein kleines Paradox. Vor kurzem sagte er in einer Rede: „Wir wollen kein von Vielfalt geprägtes Land sein, wir wollen so sein wie vor 1.100 Jahren.“

Die Beziehungen meines Landes zur EU sind mittlerweile gefährlich angespannt. Studien zeigen, dass die Mehrheit der Ungarn Vertrauen in die EU hat. Trotzdem stellt uns Orbán als Mitteleuropäer dar, die von Brüssel bedroht werden. Er wirft der EU vor, unsere Region zu einem „Ziel für Migranten“ zu machen. Er tut so, als wenn wir im Alleingang die Macht hätten zu definieren, was europäisch ist und was nicht.

Die Komplexitäten, die Identität bestimmen, wurde mir vor kurzem noch einmal bewusster, als ich Norbert Kulcsar traf, der als Manager in einem Geschäft für Agrarbedarf in der kleinen Stadt Kiskunmajsa im Südosten Ungarns arbeitet. Seine Art des ungarischen Patriotismus verweist enthusiastisch auf eine asiatische Vergangenheit, die lange her ist. Seine Frau Bulgana ist Mongolin. Ihr Zuhause ist mit Objekten dekoriert, in denen sich die Kulturen vermischen: handgefertigte Lederköcher; eine Plakette, in die Pferde eingraviert sind; auf einem T-Shirt, das Norbert gerne trägt, ist die Landkarte von „Großungarn“ mit dem Gebiet von vor dem ersten Weltkrieg aufgedruckt. „Für die Leute im Westen gehören die Ungarn zum Osten“, erklärt er, „aber im Osten sind wir Westler.“ Als regelmäßiger Besucher des Kurultáj-Festivals sagt Norbert, er wäre nicht überrascht, wenn sich Teile seines Stammbaums bis in die Mongolei zurückverfolgen ließen.

Wie wir uns definieren, ist wohl etwas, das sich ständig weiterentwickelt. Tatsächlich ist Ungarn eine von Vielfalt geprägte Nation. Sicherlich haben die meisten von uns ein Cocktail aus deutschen, slawischen, türkischen und anderen eurasischen Kulturen in uns. Viele unserer heiligsten Traditionen – wie der Busó-Karneval zur Feier des Winterendes oder der auf ungarisch Kürtőskalács genannte Baumstriezel, ein Kuchen aus süßem Hefeteig, der traditionell über offener Feuerstelle gebacken wird- haben wir von Völkern geerbt, mit denen wir in unserer Geschichte interagiert haben. Genau wie während unserer Migration aus Asien nach Europa bilden heute verschiedene Kulturen, Menschen und Sprachen einen Schmelztiegel, dessen Existenz die Regierung aber schlicht leugnet.

Am 8. April stehen in Ungarn Wahlen an. Die Politik im Land ist durch Manipulationen an der Definition unserer Identität vergiftet. Unsere Vergangenheit ist multikulturell geprägt sowie von Migration über weite Strecken und der Mischung von Menschen, die mit den aufeinanderfolgenden Reichen kamen. Im 19. und 20. Jahrhundert entwurzelten sich zahlreiche Ungarn selbst, um anderswo in Europa oder in Amerika ein besseres Leben zu suchen. Nichts davon hat die ungarische Regierung davon abgehalten, 2015 einen Stacheldrahtzaun zu errichten, um Asylsuchende aufzuhalten, oder im ganzen Land riesige Reklametafeln aufzustellen, die verkünden, wie „echte und gute“ ungarische Bürger sein sollten. Der Rest wird als „Verräter“ dargestellt.

Extremer Nationalismus basiert auf Ausgrenzung und Panikmache. Er macht Ungarn nicht nur zu einem Paria in Europa, er verschreckt auch den progressiven Teil der jüngeren Generation. Viele sind versucht, einfach ihre Koffer zu packen und das Land zu verlassen. Mehrere Studien zeigen, dass mehr als 370.000 junge Ungarn in den kommenden Jahren emigrieren wollen.

Die meisten jungen Ungarn haben ein positives Bild von der EU, nicht die paranoide Vision, die uns von der Regierungspropaganda präsentiert wird. Viele von uns haben es satt, dass unser derzeitiges Regime uns als schikanierte Nation darstellt, die dem europäischen „System“ trotzen muss.

Junge Leute müssen sich mehr in der Politik engagieren, damit nicht andere alle Entscheidungen für sie treffen. Sie sollten sich auch bewusst werden, wie Menschenrechte und Demokratie – nicht nur Jobchancen und Freizügigkeit – tief damit verknüpft sind, dass Ungarn Teil der EU ist. Nach der Öffnung der Grenzen in Europa 1989 begrüßte die Generation unserer Eltern die Möglichkeiten, die die Veränderungen brachten. Jetzt beobachten wir, wie wieder Mauern errichtet werden. Ich weigere mich zu glauben, dass es das ist, was uns ausmacht. Eines Tages werden wir anerkennen, dass wir selbst eine Mischung aus angesammelten Identitäten sind. Wir werden aus der Wagenburgmentalität ausbrechen und Unterschiede akzeptieren. Dann können wir wieder stolz darauf sein, ungarisch zu sein.

Kata Karáth arbeitet als freie Journalistin in Ungarn

Übersetzung: Carola Torti
06:00 28.03.2018
Geschrieben von

Kata Karáth | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 08/2020

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