Manche lieben's eis

Frost Sollte man im Winter in Wasser steigen, dessen Temperatur um den Gefrierpunkt liegt? Unsere Autorin tut es – und verrät einige Tricks, etwa den Unterkühlungstest

Das Thermometer am Beckenrand zeigt ein Grad plus an, aber man versichert uns, dass die Temperatur nicht stimmt – das Wasser ist in Wirklichkeit 0,1 Grad kalt. Der Schnee brennt unter meinen Fußsohlen, während ich mit über 100 anderen darauf warte, mich in die Fluten zu stürzen. Als die Trillerpfeife das Startsignal gibt, tauche ich ganz langsam ein.

Mein gesamter Körper ist sofort taub. Ich stehe unter Schock, schnappe nach Luft. Nach fünf oder sechs Schwimmzügen sind meine Hände zu zwei knorrigen Klauen gefroren. Mein einziger Gedanke ist, dass ich die andere Seite erreichen muss. Als wir schnurstracks aus dem Wasser klettern, sind wir pink wie rote Beete. Und urplötzlich ist mir wahnsinnig warm, meine Finger kribbeln, als stünde ich unter Strom. Etwas schwindelig und grinsend ziehen wir uns schnell an. Wir stampfen mit den Füßen und nippen Rum.

Warum ich das getan habe? Alljährlich veranstaltet die britische Outdoor Swimming Society in einem Freibad im Londoner Stadtteil Parliament Hill diesen Sprung ins eiskalte Wasser für einen guten Zweck. Das Freiluft-Fieber hat mich bereits im Sommer gepackt – bis Anfang Oktober tauchte ich regelmäßig ins bis zu 13 Grad kalte Wasser des unbeheizten Freibades in Hampstead Heath. Dann dachte ich: Schluss für dieses Jahr. Warum ich mich trotzdem jetzt im Dezember dem Frost aussetze? Die Suche nach Abenteuer, meine Gesundheit – und Eitelkeit.

Gut für die Haut

Zahlreiche Anekdoten ranken sich um die Vorteile regelmäßigen Schwimmens im kalten Wasser: Glänzendere Haare, weniger Schnupfen, strahlende Haut, mehr Energie und ein knackigerer Po. Es soll das Immunsystem ankurbeln, Adrenalin und Endorphine freisetzen und so für einen natürlichen Rausch sorgen. Es verbessert die Durchblutung und schwemmt Gifte aus, wie bei einem Entzug – was zu einem grandiosen Hautbild führt. Man verbrennt dabei mehr Kalorien als wenn man in warmem Wasser schwimmt, und es soll den Testosteron- und Östrogenspiegel erhöhen, was zu einer besseren Libido führt.

Kann so etwas wirklich so gut tun? Nicht zwangsläufig, meint der Allgemeinmediziner und Guardian-Kolumnist Tom Smith. "Ob einem so ein plötzlicher Adrenalinstoß gut tut, hängt ganz davon ab, wie gesund man ist. Wer Herzprobleme hat, den kann es umbringen. Und es besteht die Gefahr, dass Sie gar nicht wissen, dass sie welche haben. Das Risiko ist allerdings recht gering." Er warnt jedoch davor, sich zu lange im Wasser aufzuhalten. "Nach drei oder vier Minuten arbeiten die Nerven in ihrer Haut nicht mehr, was dazu führt, dass sie nicht mehr spüren, wie kalt Ihnen ist, während Ihre Körpertemperatur abfällt – unter 35 oder 34 Grad sind sie unterkühlt. Danach müssen Sie sich ordentlich aufwärmen. Es bringt nichts, wenn Sie einfach ihre Kleider wieder anziehen – Sie brauchen mehr Wärme von außen. Eine heiße Dusche reicht aus."

Und was ist mit den Vorteilen? "Wenn Sie Ihr Immunsystem ankurbeln wollen, dann müssen Sie die Zahl ihrer weißen Blutkörperchen erhöhen – ich habe noch keine Beweise dafür gesehen, dass das in diesem Fall passiert. Und zwischen der allgemeinen Gesundheit und Erkältungen gibt es keinen Zusammenhang, denn die werden durch Viren verursacht. Wer regelmäßig in kaltem Wasser schwimmen geht, scheint allerdings recht glücklich zu sein. Und wer regelmäßig Sport treibt, neigt weniger zu Übergewicht – was die Libido verbessern kann."

Zwei Badekappen

Vor meinem Bad im eiskalten Becken ließ ich mich von der Schwimmlehrerin und Kaltwasser-Anhängerin Alex Davis beraten. "Wenn Sie schwimmen wollen, dann tragen Sie unbedingt einen Neoprenanzug und mindestens zwei Badekappen", sagte sie. "Wenn Sie auf den Kick durch das kalte Wasser aus sind, dann rate ich ihnen trotzdem, nicht ins Becken zu springen – das kann zu Herzstillstand führen. Waten Sie hinein und machen Sie zuerst ihre Hände nass – das hilft Ihnen, sich zu aklimatisieren. Tun sie das so lange, bis sie sich bereit fühlen." Davis schwimmt in der Regel etwa 15 Minuten – ohne Neoprenanzug. Das letzte Mal hatte das Wasser sieben Grad. "Ich warte, bis ich zu zittern beginne, dann gehe ich aus dem Wasser", so Davis. "Oder Sie versuchen es mit dem Unterkühlungs-Test: Führen Sie Ihren kleinen Finger und Ihren Daumen zusammen. Wenn Sie das nicht mehr können, dann sofort raus." Warum schwimmt Sie unter diesen Bedingungen? "Es ist eine Sucht. Sie fühlen sich den ganzen Tag frisch und prickelnd."

Bernadette Saglio schwimmt mehrmals die Woche im Freibad Heath. Sie hat klare Augen, eine reine Haut und lacht viel. Gerade ist sie durch das vier Grad kalte Wasser geschwommen. "Danach fühlt man sich voller Energie. Man ist entspannt, gleichzeitig fühlt man sich wie im Rausch", sagt sie. "Während des Schwimmens spüren Sie ein brennendes Gefühl auf der Haut, aber Sie können nicht sagen, ob Ihnen heiß oder kalt ist. Danach bekommt man richtig Farbe. Schwimmen im kalten Wasser fokussiert die Gedanken, das macht es zu einer aufmerksamen, meditativen Erfahrung. Es räumt einem den Kopf frei. Und ich bin nie erkältet."

"Lassen Sie sich bloß nicht von den Temperaturen um den Gefrierpunkt abhalten", sagt Gill Russell, die ebenfalls in ihrem Badeanzug bereit steht. "Temperaturen um den Gefrierpunkt sind besser als etwa sieben Grad, denn dann versucht ihr Gehirn nicht mehr, ihren Körper davon zu überzeugen, dass das Wasser in Ordnung ist. Wenn das Wasser so kalt ist, schaltet ihr Hirn sich ab."

Ich werde nächste Woche wieder am Start sein.

Der digitale Freitag

Mit Lust am guten Argument

Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Hannah Booth | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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