Pratap Chatterjee
01.03.2012 | 14:55 3

Manche nennen es Informationen

Stratfor Die jüngste Wikileaks-Veröffentlichung enthüllt, wie private Unternehmen CIA spielen. Erstaunlich ist die miese Qualität des Materials, mit dem Stratfor viel Geld macht

Was kosten schlechte Geheimdienstinformationen? Das Hacker-Kollektiv Anonymous ist vor kurzem in den Besitz von fünf Millionen E-Mails des texanischen Unternehmens Stratfor gelangt, das sich selbst als „globalen Anbieter von Informationen“ bezeichnet. Sie werden seit vergangenem Montag schubweise von der Whistleblowing-Website Wikileaks veröffentlicht.

Das Bemerkenswerteste an dieser jüngsten Enthüllung besteht ist nicht die Tatsache, dass der militärisch-industrielle Komplex Bürger, Aktivisten und Unruhestifter ausspioniert, sondern die extrem schlechte Qualität der „Informationen“, die Stratfor an den höchst bietenden verkauft. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen wie Dow Chemical, Lockheed Martin, Northrop Grumman und Raytheon ebenso wie Ministerien der US-Regierung, darunter das Department of Homeland Security, die Defense Intelligence Agency und die Marines.

Die Analysten, die für Stratfor den Nahen Osten beobachten, scheinen besonders schlecht für diese Aufgabe qualifiziert zu sein. Journalisten zufolge, die die Dokumente gesichtet haben, können sie keine andere Qualifikation vorweisen als ein Semester im Ausland studiert zu haben. „Sie haben Google Translater benutzt, um Artikel aus al-Akhbar zu lesen!“, sagt dazu Jamal Ghosn, Mitherausgeber des libanesischen Blattes ungläubig. „Das ist ein sicherer Weg, um gut recherchierte Informationen in der Übersetzung verloren gehen zu lassen.“

Mehr Informationen bedeuten mehr Geld

Mike Bonnano von den Yes Men, einer international agierenden Spaßguerilla-Gruppe, deren Mitglieder sich als Unternehmensführer und Regierungschefs verkleiden, um auf Umweltvergehen und soziale Missstände aufmerksam zu machen, war erstaunt darüber, dass seine Gruppe von Stratfor beobachtet worden war. Das Unternehmen hat anscheinend sogar Geld mit dem Verkauf einer Liste verdient, auf der nichts weiter stand als Bonnanos öffentliche Auftritte.

„Wenn sie ihren Kunden gegenüber davon reden, hört es sich natürlich nach mehr an, damit mehr Geld damit verdient werden kann“, äußerte sich der Yes Man, nachdem Wikileaks ihm das Material über ihn zukommen ließ und er es sich ansehen konnte. „Wir reden hier nicht von guten Informationen, sondern von viel Information, denn mehr Informationen bedeutet mehr Geld. Das heißt aber nicht, dass sie besonders durchdacht wären.“

Bonnano gibt ein anderes Beispiel: Stratfor soll in einem Memo an Dow Chemical einen öffentlichen Blogeintrag über eine umweltfreundliche Waschmaschine weitergeleitet haben. Sie wurde von Aktivisten verwendet, die gegen die Katastrophe im Werk von Union Carbide im indischen Bhopal protestierten, bei der durch den Austritt von Giftgas 2.259 Menschen unmittelbar und schätzungsweise 25.000 in den darauffolgenden Jahren gestorben waren.

Journalisten und Aktivisten im Visier

Stratfor ist nicht das erste Unternehmen, das beim Verkauf von irrelevanten oder fehlerhaften „Informationen“ an Regierungsbehörden und multinationale Konzerne erwischt wurde. Der damalige CEO von Gary Federal (einer im kalifornischen Sacramento ansässigen Firma, die ähnliche Dienste anbietet), Aaron Barr, brüstete sich 2010 damit, Informationen über Anonymous könne er problemlos aus den sozialen Medien filtern. Anfang Februar 2011 wurde die Seite des Unternehmens dann gehackt, um zu zeigen, dass sie äußerst fehlerhafte Informationen über Wikileaks verkaufte.

Noch beunruhigender aber ist, dass aus dem, was über HBGary Federal bekannt wurde, hervorgeht, dass Stratfor auch versuchte, seine Dienstleistungen über die Sammlung von Informationen hinaus auf das aktive Vorgehen gegen Journalisten und Aktivisten auszuweiten und damit Geld zu machen. Die Dokumente belegen, dass sie der Bank of America Angriffe auf den Anwalt und Autoren Glenn Greenwald, der auf Salon.com bloggt, anboten  und der US-Handelskammer Angriffe auf den in Washington DC ansässigen Thinktank Center for American Progress (CAP) (um für Transparenz zu sorgen: Der Autor dieses Texts übt Beratertätigkeiten für CAP aus). Dafür, dass die Bank of America oder die US-Handelskammer auf diese mutmaßlichen Angebote reagiert haben, gibt es keine Belege.

Stratfor hat aktiv Aktivisten-Gruppen nachgespürt, die sich gegen den Chemiekonzern Union Carbide engagieren. Unter ihnen Bhopal Medical Appeal, eine kleinen, im englischen Brighton ansässigen Non-profit-Organisation, die 2009 zusammen mit den Yes Men vor dem Dow Chemical Büro im britischen Staines eine Protestaktion durchführte. Die nun veröffentlichten E-Mails deuten darauf hin, dass Dow an diesem Tag seine Büros schloss, um der Konfrontation mit den Protestierenden aus dem Weg zu gehen, nachdem das Unternehmen von Strafor einen Bericht erhalten hatte.

„Warum schnüffelt ein Unternehmen wie Strafor bei uns herum?“, fragt Colin Toogood von Bhopal Medical Appeal. „Das lässt einen wirklich an deren Intelligenz zweifeln. Wie viel das wohl kostet? Wäre es keine bessere PR, die Sache in Bhopal in Ordnung zu bringen?“

Schweizer Konten und Prepaid Kreditkarten

Julian Assange zufolge legen die E-Mails darüber hinaus offen, dass Stratfor „ein weltweites Netz von Informanten unterhält, die über Schweizer Bankkonten und mit Prepaid Kreditkarten bezahlt wurden – zu ihnen gehörten Regierungsangestellte Botschaftsangehörige und Journalisten rund um den Globus.“ Dies sei „korrupt oder korrumpierend, da es sich bei Stratfor um einen privaten Nachrichtendienst handelt, der für Regierungen und Privatkunden arbeitet.“

Assange behauptet, Stratfor versuche darüber hinaus direkt von den Informationen zu profitieren, indem es sich mit dem früheren Goldman-Sachs-Geschäftsführer Shea Morenz an einem Hedgefonds beteiligt. Er weist auf ein Dokument des Stratfor-CEO George Friedman von August 2011 hin, das mit dem Vermerk „WEDER ZUR SCHRIFTLICHEN NOCH ZUR MÜNDLICHEN WEITERGABE BESTIMMT“ gekennzeichnet sei und in dem es stehen soll:

„StratCap wird unsere Strafor-Informationen und Analysen nutzen, um eine Reihe geopolitischer Instrumente zu vertreiben, insbesondere Staatsanleihen, Währungen und dergleichen.“

Die Behauptung, Stratfor kaufe Informationen von Insidern und versuche, von deren Analyse zu profitieren, könnte auch die Aufmerksamkeit von Regulierungsbehörden wie der Securities and Exchange Commission erregen, die über die Wall Street wacht. Bei Stratfor ist man diesbezüglich bereits beunruhigt. In einem von Wikileaks veröffentlichten Memo vom August 2011 schrieb Friedman an seine Angestellten:

„Wir beauftragen eine Anwaltskanzlei damit, für Stratfor in Bezug auf den Foreign Corrupt Practices Act eine Strategie zu entwickeln. Ich habe nicht vor, mich dafür an den Pranger stellen zu lassen und will auch nicht, dass sonst jemand das tut.“

Nichts zugeben, leugnen, kontern

Das Unternehmen weigert sich, Fragen zu den E-Mails zu beantworten. Stattdessen hat es eine kurze Erklärung veröffentlicht, in der es heißt:

„Einige der E-Mails könnten gefälscht oder abgeändert worden sein, damit sie Ungenauigkeiten enthalten; andere sind möglicherweise echt. Wir werden uns nicht darum kümmern und auch nicht Stellung zu ihrem Inhalt beziehen. Nachdem unser Eigentum entwendet wurde, wollen wir nicht ein zweites Mal zum Opfer werden, indem wir Fragen beantworten.“

Assange weist gerissen darauf hin, dass sich dies mit einem Memo von Stratfors Vize-Nachrichtenchef, Fred Bratons, deckt, in dem er eine inoffizielle Regel einräumt:

„Nichts zugeben, alles leugnen und mit eigenen Anschuldigungen kontern.“

Statfor ist Teil einer großen Branche. In dem neuen Buch Top Secret America, weisen die Washington-Post-Autoren Dana Priest und William Arkin nach, dass es tausende sogenannter Nachrichten-Analysten gibt, die gleichermaßen fragwürdige Informationen an die Regierung weitergeben.

Solche Informationen sind selbstverständlich von Natur aus geheim und oft von Regierungsbestimmungen geschützt. Nichts weniger als eine Untersuchung durch den Kongress wäre erforderlich, Nachforschungen im diesem geheimdienstlich-industriellen Kartell anzustellen, um nicht nur die Qualität der Informationen, sondern auch die Art und Weise zu beurteilen, wie sie beschafft wurden und ob sie dem öffentlichen Interesse dienen oder das genaue Gegenteil der Fall ist. Das heißt, solange diese Arbeit nicht von Anonymous oder Wikileaks zuerst erledigt wird.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (3)

Rosa Sconto 01.03.2012 | 17:58

Der Autor dieses Artikels weiss wovon er spricht, weil er seit Jahren über die krummen Geschäfte vieler Firmen schreibt. Pratap Chatterjee ist Senior Editor bei CorpWatch einer Webseite die Unternehmen zur Verantwortung mahnt. Dieses Stratfor schwappte etwa 2000 aus dem Morass der sogenannten "Sicherheits-Analysten" Gangs. Eigentlich eine lächerliche Laberbande, die sich als so eine Art Intelli-Network verstanden wissen wollte aber es ist denen eben gelungen genügend Ahnungslose zu finden die bereit waren für deren Stuss auch noch zu bezahlen.

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Ehemaliger Nutzer 02.03.2012 | 12:12

Erinnert mich an den deutschen "Verfassungsschutz", der ja auch kaum Informationen hat und dann auch noch die falschen.
Und solche Stümpervereine bzw. -organe bekommen auch noch eine Menge an Geld für ihre Arbeit. Und keiner fragt nach wie und wo sie schnüffeln. Da kann aus Information schnell eine Lachnummer werden.