Mayawati hat Appetit auf Wölfe

Indien Die Premierministerin des Bundesstaates Uttar Pradesh kommt aus einer einst als "unberührbar" stigmatisierten Kaste. Nun will sie die Regierung in Delhi führen

Für eine Frau, die aus den untersten Regionen der indischen Gesellschaft kommt, hat Kumari Mayawati einen äußerst kostspieligen Geschmack. Die „Königin“ der Dalits, der einst als „unberührbar“ stigmatisierten Kaste, liebt es, im Oberoi abzusteigen, einem der luxuriösesten Hotels von Delhi, in dessen Schönheitssalon sie sich regelmäßig verwöhnen lässt.

Auch unterhält diese Frau eine Flotte aus zwölf Flugzeugen und Helikoptern, darunter einen Beechcraft-Jet, der ihr bei Bedarf als fliegendes Büro oder fliegender Salon dient. Ihr geschätztes jährliches Einkommen beläuft sich auf umgerechnet acht Millionen Euro.

Kumari Mayawati lebt Welten von der Armut entfernt, in der sich bis heute das Dasein von 160 Millionen Dalits in Indien erschöpft. Aber anstatt ihr all den Luxus zu neiden, lieben sie die Unterprivilegierten dafür, dass sie sich Wohlstand gönnt und ihn auch zeigt. Behenji (Schwester) wird sie auf Kundgebungen gerufen, zu denen manchmal Hunderttausende strömen.

Hetzen gegen die Brahmanen

Sollten die in dieser Woche in ihre letzte Runde gehenden Kongresswahlen mit dem erwarteten Patt zwischen der Kongress- und der hindu-nationalistischen Bharatiya-Janata-Partei (BJP) enden, könnten die Stimmen der Dalits Mayawati genug Sitze bescheren, um den Part der Mehrheitsbeschafferin zu übernehmen. Oder aber, gewiss eine vage Option: Die Galionsfigur der Aufsteiger könnte jenen Posten beanspruchen, nach dem sie sich sehnt – den der Regierungschefin.

Bislang lässt sich nur darüber spekulieren, was sie damit anfangen würde. Als Premierministerin des bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaates Uttar Pradesh ist Mayawati eher für den Bau Millionen schwerer Statuen zu Ehren ihrer Bahujan-Samaj-Partei bekannt als für Bemühungen, das Leben der Ärmsten zu verändern.

Zu Beginn ihrer Karriere rief sie ihre Anhänger gern dazu auf, Angehörige der höheren Kasten mit Schuhen zu verprügeln. Später kannte sie keine Skrupel, mit den Brahmanen aus der Oberschicht Zweckbündnisse einzugehen, um Wahlsiege zu sichern. Sie zögerte ebenso wenig, Minderheiten wie Muslime und Sikhs zu umwerben. Doch faszinierte an ihr stets weniger dieses Gebaren als vielmehr der Umstand, dass jemand aus dem Abgrund der Dalits, die einst nur niedere Arbeiten verrichten durften, derart aufzusteigen vermochte. Noch vor Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Kumari Mayawati Das, so ihr voller Name, den sie freilich selten gebraucht, wurde 1956 in Delhi als Tochter eines Regierungsangestellten geboren, der zur Subkaste der Jatavs gehörte. Der Verhältnis zu ihrem Vater Prabhu war selten frei von Spannungen, so dass die Heranwachsende eher ihren Großvater Mangal Sen, der in der britischen Armee gedient hatte, als Vaterfigur empfand. Der hatte nach dem Tod seiner Frau nicht noch einmal geheiratet und darauf bestanden, seinen sechs Monate alten Sohn allein großzuziehen. Das scheint bei seiner Enkelin großen Eindruck hinterlassen zu haben, erzürnte sie doch der Wunsch des eigenen Vaters, eine zweite Ehe einzugehen, nachdem ihm seine erste Frau drei Töchter geboren hatte.

„Als Kind besuchte ich oft die Eltern meiner Mutter, die das Dorf Simrauli in Uttar Pradesh ihre Heimat nannten“, memorierte Mayawati zuweilen im Wahlkampf. „Eines Tages, als ich mit meinen Großeltern am Fluss spazieren ging, tauchte vor uns plötzlich ein Wolf auf. Die Erwachsenen versuchten, mich zurückzuhalten, indem sie mir sagten, ich müsse dem Tier fernbleiben, es würde mich sonst fressen. Doch statt Furcht zu haben, stellte ich mich dem Wolf entgegen und drohte ihm zum Entsetzen meiner Großeltern, ihn auffressen zu wollen, sollte er nicht verschwinden.“ Bei alldem muss man wissen, Mayawatis Familie war bitterarm. So arm, dass Mayawati ihren kleinen Bruder, der kurz nach seiner Geburt an einer schweren Lungenentzündung erkrankte, kilometerweit ins Hospital tragen musste, weil sich die Familie keinen Krankenwagen leisten konnte.

Jetzt folgt Delhi

Heute steht der Name Mayawati für Reichtum und Extravaganz. Ihre Geburtstage am 15. Januar sind rauschende Feste. In Lakh­nau, der Kapitale Uttar Pradeshs, hat sie die alljährliche Wiederkehr ihrer Geburt zum „Tag des Selbstrespekts“ erklärt. In diesem Jahr wog der zu diesem Anlass kredenzte Kuchen, eine Schwarzwälder Kirschtorte, angeblich 53 Kilo. Ein Hinweis darauf, dass die Gefeierte gerade ihr 53. Lebensjahr vollendet hatte.

Ungewöhnlich ist auch Mayawatis Privatleben. Sie ist unverheiratet, lebte aber viele Jahre mit dem Präsidenten ihrer Bahujan-Samaj-Partei, Kanshi Pam, zusammen, bis dieser Anfang 2006 im Alter von 72 Jahren starb. Die Beziehung nährte diverse Spekulationen, obwohl Mayawati stets betonte, Pam sei für sie wie ein älterer Bruder und der Mentor gewesen. Kanshi Ram selbst enthüllte in seinem letzten Interview, er habe sich von ihrer rauen Art angezogen gefühlt: „Mir gefiel, dass sie in ihren Reden nicht an saftigen Kraftausdrücken sparte.“ 1995 wurde Mayawati unter der Patronage Kanshi Rams im Alter von 39 Jahren jüngste Ministerpräsidentin von Uttar Pradesh. Doch die Regierung, die der damalige Premierminister Narasimha Rao als ein „Wunder der Demokratie“ beschrieb, hatte nur vier Monate Bestand.

Nun aber, bei den Kongresswahlen des Jahres 2009, bleibt nichts dem Zufall überlassen, die Auftritte Mayawatis werden mit absoluter Präzision von der Bahujan Volunteer Force (BVF) organisiert. Deren Mitglieder tragen blaue Uniformen, erinnern an paramilitärische Hundertschaften und sorgen dafür, dass die Menge der Ankunft ihrer Kandidatin stets entgegen fiebert. Ein großes Zelt mit Klimaanlage, Teppichen, Mobiliar, frischem Obst und Blumen steht immer bereit, sollte die Kandidatin eine Konferenz mit der Entourage für unumgänglich halten.

„Uttar Pradesh ist genommen, jetzt folgt Delhi“, pflegt sie ihrem Anhang zu versichern. Und warum nicht? Sollte die Bharatiya-Janata-Party nach der Wahl einer Koalition mit Mayawati näher treten, um die Kongresspartei auszumanövieren, könnte die Umworbene als Gegenleistung für ihren Beistand Anspruch auf das höchste Regierungsamt erheben. Die Geschäftswelt zeigt sich von dieser Aussicht alarmiert, das sei „desaströs“, heißt es. Niemand weiß, was unter einer solchen Premierministerin passieren könnte.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

05:00 07.05.2009
Geschrieben von

Gethin Chamberlain, The Guardian | The Guardian

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