McDonald's in Russland: Der Geschmack vom Ende des Kalten Krieges

Fast-Food Vor 32 Jahren eröffnete der erste McDonald's in Moskau. Genau wie beim Einzug der Fast-Food-Kette in Russland geht es bei ihrem Rückzug um mehr als um Burger
McDonald's ist mehr als Burger – und in Russland inzwischen geschlossen
McDonald's ist mehr als Burger – und in Russland inzwischen geschlossen

Foto: Afp vie Getty Images

Als vor 32 Jahren der erste McDonald's in Moskau aufmachte, war die Schlange der draußen wartenden Russen hunderte Meter lang. Diese Woche standen wieder viele an, für ein letztes Happy Meal und ein Scheibchen Geschichte, als bekannt wurde, dass der Fast-Food-Gigantseine Restaurants zumacht.

Die Schließung der 850 McDonald's-Filialen im ganzen Land soll nur vorübergehend sein, aber nichts an dem Krieg in der Ukraine und der daraus resultierenden Abwanderung westlicher Unternehmen deutet darauf hin, dass die Kluft in absehbarer Zeit zu überwinden ist.

Genau wie bei seinem Einzug in Russland geht es bei McDonald’s Rückzug um mehr als um Burger. Die goldenen Bögen der Geschichte, die einst vorwärts zu drängen schienen, haben ein Kehrtwende gemacht und drohen, Russland in die Vergangenheit zurückzudrängen.

Eine urbane Verbraucherkultur, die auf Visa und Mastercard, Ikea, Nike, Apple, Zara und Netflix aufbaute, hat sich innerhalb weniger Tage in Luft aufgelöst. „Man hat einfach das mulmige Gefühl, dass es keine Rückkehr in die 1990er, sondern in die 1970er Jahre ist, als man keinen Zugang zu diesen Dingen hatte und isoliert vom Rest der Welt lebte“, erklärte die Außenpolitik- und Russlandexpertin Angela Stent, Professorin an der US-Universität Georgetown.

McDonald's schmeckt nach Freiheit

Die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte wurde von vielen verschiedenen Kräften innerhalb und außerhalb Russlands angetrieben, von wirtschaftlichen und politischen und nicht zuletzt sehr persönlichen Kräften: den Ambitionen, Ängsten und Impulsen Wladimir Putins.

Bei der Eröffnung des ersten McDonald’s in Russland gab es die Sowjetunion noch. „Wir wussten nicht, was Fastfood war“, beschreibt der Fotograf Mitja Kuchelewitsch seine Erinnerung im Guardian. „Wir dachten, es schmeckt wahrscheinlich nach Freiheit und wir wollten es probieren.”

Für viele Leute schmeckte es nach dem Ende des Kalten Krieges, wenn nicht dem Ende der Geschichte. Aber während die Russen Kapitalismus konsumieren wollten, waren sie von Anfang an vorsichtig, dass er sie nicht vereinnahmen würde. „Viele Leute verstanden das falsch: Russen wollten keine Amerikaner sein und sie wollten auch nicht wie Amerika sein, sondern sie wollten die gleichen Sachen haben: die Jeans, die Zigaretten, den Kaugummi, die Burger“, erklärte Fiona Hill, die Ende der 1980er als Austauschstudentin in Russland, später Geheimdienstanalystin zu Russland und leitende Direktorin für Europa und Russland im Weißen Haus war.

Vom Kommunismus in die Marktwirtschaft

Die russische Rockgruppe Nautilus Pompilius hatte damals einen Hit mit dem Titel "Goodbye America", dessen Text diese Skepsis widerspiegelt. Dass man „so lange gelehrt wurde, deine verbotenen Früchte zu lieben", heißt es da, aber feststellen muss, dass „deine zerrissenen Jeans zu klein für mich geworden sind.“

Die Flitterwochen mit der Westorientierung waren von kurzer Dauer. Der abrupte Übergang vom Kommunismus zu einer Marktwirtschaft, geführt von einer liberalen Regierung mit westlichen Beratern war ein Desaster, das Oligarchen, Gesetzlosigkeit und Armut produzierte.

Als Putin 2000 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, erhofften die Russen sich von ihm, dass er wieder Ordnung herstellen würde. Aber selbst da hatte der frühere KGB-Offizier noch das Ziel, Russland zu einer starken Marktwirtschaft zu machen, wenn auch unter autoritärer Regierungsführung. „Putin sagte: ,Ich bringe euch Brot und Spiele. Ich bringe euch Big Macs, Ikea und Reality-TV, wie es alle anderen haben. Dafür überlasst ihr mir die Politik und die nationale Sicherheit, und alles wird großartig‘“, erklärte Hill, Co-Autorin einer Biographie des russischen Präsidenten.

Vor dem deutschen Bundestag sprach Putin 2001 davon, dass beide Nationen „ein gemeinsames europäisches Zuhause aufbauen“. „Was die europäische Integration angeht“, sagte er, „unterstützen wir diese Prozesse nicht nur, sondern blicken mit Hoffnung darauf.“

Der Westen als Vorbild steht zur Debatte

Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg wetteiferte Russland darum, eine der größten Industriemächte der Welt zu werden. Gleichzeitig leistete Putins Regierung den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 logistische Hilfe in Afghanistan.

Doch in den folgenden Jahren setzte Desillusionierung ein und das hatte mehrere Ursachen gleichzeitig. Putin versuchte, einer modernen Wirtschaft zu verordnen, sich weniger abhängig von Öl und Gas zu machen. Das scheiterte zum großen Teil daran, dass er nicht bereit war, die starke zentrale Kontrolle aufzugeben. Zudem wurden kleinere Unternehmen nicht vor den Oligarchen geschützt. Und dann ließ der globale Finanzcrash von 2007/8 Zweifel aufkommen, ob der Westen überhaupt ein Modell hat, dem es sich zu folgen lohnt. „Als die Finanzkrise zuschlug, dachten die Russen: So schlau sind diese Leute offenbar nicht“, erklärte Hill. „Sie haben gerade nicht nur ihre eigene Wirtschaft, sondern auch die Weltwirtschaft völlig aus dem Ruder gebracht.“

Zur gleichen Zeit begannen Putin und sein engerer Kreis, die Nato als ein offensives Bündnis und eine Bedrohung zu betrachten. Als 1999 Nato-Flugzeuge Russlands Verbündeten Jugoslawien bombardierten, war das in Moskaus Augen kein Verteidigungsakt, da kein Nato-Mitglied angegriffen worden war.

Russlands Einfluss schwindet

2002 traten die USA unter US-Präsident George Bush einseitig vom ABM-Vertrag mit Russland zurück, der die Begrenzung von Raketenabwehrsystemen zum Inhalt hatte. Das verstärkte die Zweifel an den Motiven der USA. Zudem war der Kreml davon überzeugt, dass die Rosenrevolution in Georgien 2003 und die Orangene Revolution in der Ukraine ein Jahr danach von westlicher Seite inszeniert wurden. Jedenfalls schwächten die Revolutionen Moskaus Einfluss in der ehemaligen Sowjetunion weiter.

Die Überzeugung, dass es sich um westliche Komplotts gehandelt habe, wurde durch die Nato-Entscheidung während ihres Gipfels in Bukarest 2008 verstärkt, die Tür für die Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens zu öffnen.

„Putin dachte, die USA werde Russland im Gegenzug für seine Zusammenarbeit in Afghanistan als Großmacht mit einem Recht auf einen Einflussbereich im postsowjetischen Raum anerkennen. Stattdessen bekam er den Rücktritt aus dem ABM-Vertrag, die Farbrevolutionen und den Irakkrieg“, zählte Stent auf. „Ich glaube bis 2007 war er durch seine Erfahrungen mit dem Westen gründlich angefressen. Und das war auch der Zeitpunkt, an dem er anfing, diese territorialen Pläne zu verfolgen.“

Die von der Nato angeführte Intervention in Libyen im Jahr 2011 verstärkte Russlands Abstieg in die Isolation dann drastisch. Moskau hatte das Gefühl, getäuscht worden zu sein, als es für eine UN-Resolution stimmte, die „alle notwendigen Maßnahmen“ zum Schutz libyscher Zivilisten abgesegnet hatte, ein Schritt, den die USA und ihre europäischen Verbündeten sehr weit als Mandat für einen Regimewandel interpretierten. Putin soll sich wiederholt Videomaterial von der Ermordung des lybischen Staatschefs Muammar Gaddafi durch einen rachedurstigen Mob angesehen haben.

Demütigung folgt auf Demütigung

Putins Weg, die Bedeutung Russlands aus einer Position der Schwäche zurückzufordern, war bisher, globale Normen zu zerreißen, indem er Überläufer in Großbritannien mit Hilfe von radioaktiven Substanzen und Nervenkampfstoffen töten ließ und 2014 kurzerhand die Krim-Halbinsel annektierte. Die darauf folgenden Sanktionen führten dazu, dass Putins Russland sich noch weiter in sich zurückzog.

„Laut Leuten, die die Gespräche Putins mit seinen Mitarbeitern in den vergangenen zwei Jahren kennen, hat der Präsident alles Interesse an der Gegenwart verloren“, schrieb der russische Journalist Mikhail Zygar, Autor von All the Kremlin’s Men: Inside the Court of Vladimir Putin, in der New York Times. „Die Wirtschaft, soziale Fragen, die Corona-Pandemie, das alles nervt ihn... In seiner Vorstellung befindet sich Putin in einer einzigartigen historischen Situation, in der er endlich die vorherigen Jahre der Demütigung abstreifen kann.”

Das Versagen, die Ukraine mit der von ihm erwarteten Leichtigkeit zu erobern, ist eine weitere Demütigung, auf die Putin mit noch größerer Gewalt zu reagieren scheint, so dass kein Ende des mörderischen Kreislaufs in Sicht ist. McDonald's Schließung und alles, was das bedeutet, scheint nur ein kleiner Teil der Lawine zu sein, die durch Russlands Abstieg ausgelöst wurde.

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Julian Borger | The Guardian

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