Mehr als man sieht

Person des Jahres Das Time-Magazin hat "den Demonstranten" zur Person des Jahres 2011 gewählt. Aber wie bildet man eine disparate, vielköpfige Bewegung ab? Und was wird dabei ausgeblendet?

Das amerikanische Time-Magazine hat in diesem Jahr keinen Prominenten, Künstler oder Politiker zur Person des Jahres gewählt, sondern den anonymen Vertreter einer weltweiten Bewegung: den Demonstranten. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass Time eine Gruppe statt eines Individuums ausgewählt hat: 2003 war es "Der amerikanische Soldat", 2005 "Die barmherzigen Samariter" (Bono, Bill und Melinda Gates) und 2006 "Du" ( als Reaktion auf die Ausbreitung partizipativer Websites)

Bei der diesjährigen Wahl sei es Time-Redakteur Rick Stengel zufolge um die Stärkung der Vorstellung gegangen, "dass individuelles Handeln auf kollektiver Ebene zu gewaltigen Veränderungen führen kann“. Dieses Kollektiv hat sich im vergangenen Jahr wie ein Waldbrand ausgebreitet. Jeder Protest, jede Revolte und jede Besetzung führte zu neuen Erhebungen gegen staatliche Unterdrückung, Klassengegensätze und Polizeigewalt. "Vom arabischen Frühling bis nach Athen, von Occupy Wall Street bis nach Moskau ist das Wort Demonstrant in Zeitungen und im Internet öfter aufgetaucht als jemals zuvor in der Geschichte", schreibt Stengel.

Aber wie kann dieses Kollektivsubjekt repräsentiert werden, wie kann man der weltweiten Empörung ein Gesicht verleihen? Medien und Staat fällt es gleichermaßen schwer, ihr Bedürfnis nach charismatischen Führungsfiguren, die man feiern (und bestrafen) kann, aufzugeben, insbesondere wenn es um Protestbewegungen geht. Die Anonymität und Führerlosigkeit – um nicht zu sagen Strukturlosigkeit – vieler internationaler Proteste sind Indikatoren ihrer Stärke und ihres Massencharakters.

Shepard Fairey ist mit seinem "Hope"-Poster für Barack Obama bekannt geworden. Seine Illustration des internationalen Demonstranten für den Titel der Time-Ausgabe offenbart einige der Schwierigkeiten, den Charakters der jüngsten Proteste darzustellen. Auf den ersten Blick erscheint die Frau wie eine Mischung mehrerer Demonstrantinnen – eine Wollmütze und ein Halstuch gegen Tränengas, das zur Hälfte ein weibliches Gesicht bedeckt. Diese Frau könnte genauso gut in Ägypten demonstrieren wie in New York.

"Es geht nicht um mich"

Die LA Times hat darauf hingewiesen, dass Fairey seiner Illustration das Foto der Occupy LA-Teilnehmerin Sarah Mason zugrunde gelegt hat, die eine Wollmütze und einen Schal mit der roten Aufschrift "99%" trug. Als man ihr sagte, dass ihr Bild für das Cover verwendet worden war, gab Mason die dem Charakter der Bewegung nach erwartbare Antwort: "Es geht nicht um mich."

Während wir den Demonstranten feiern, wer auch immer er oder sie sein mag, täten wir allerdings gut daran, einen Blick hinter das Wohlfühl-Bild des sanktionierten Ungehorsams zu werfen. Es ist im Laufe dieses Jahres schon oft darauf hingewiesen worden, dass mit den verschiedenen Protesten sehr unterschiedlich umgegangen wird: Während die europäischen und amerikanischen Staatschefs gerne bereit sind, die "demokratisierenden" Dimensionen des arabischen Frühlings zu begrüßen, sieht dies ganz anders aus, wenn die Proteste nicht mehr ganz so weit entfernt stattfinden – womöglich sogar im eigenen Land.

Polizei und Justiz zögern keine Minute, wenn es darum geht, protestierende Studenten oder Menschen zu verfolgen, die gegen Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen auf die Straße gehen, an den britischen August-Unruhen beteiligt waren oder anderweitig die bestehende Ordnung gestört haben. Und einige Proteste erhalten selbst dann kaum die Aufmerksamkeit der Medien, wenn es zu vielen Verhaftungen gekommen ist. Nehmen Sie nur die Londoner Demonstrationen gegen die umstrittenen Wahlergebnisse in der Demokratischen Republik Kongo.

Geschlagen, eingesperrt, getötet

Hinter dem bereinigten Bild des exemplarischen Demonstranten stehen wirkliche Menschen, die von Polizisten und Soldaten geschlagen werden, eingesperrt, mit Tränengas beschossen, gefoltert, getötet. Die Paradoxie des Protests besteht darin, dass jede Demonstration, die nichts verändert, ebenso gut alles verändern könnte. Es ist aber äußerst unwahrscheinlich, dass diejenigen, die am meisten zu verlieren haben, kampflos das Feld räumen werden.

In der Zwischenzeit sollten Gruppen, die sich für die Rechte von Demonstranten einsetzen, Demonstrationen überwachen und diejenigen unterstützen, die von der Polizei verhaftet oder verletzt wurden. Über jedem "ideellen" Gesamtdemonstranten schwebt das Damoklesschwert staatlicher Vergeltung. Und hinter jedem gefeierten Protest stehen viele andere Proteste, die ignoriert und totgeschwiegen werden.

Übersetzung: Holger Hutt

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14:44 20.12.2011
Geschrieben von

Nina Power | The Guardian

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