Mein Land ist der Horror

Kapitalismus David Simon hat „The Wire“ erfunden. Nun ruft er dazu auf, unser System radikal zu verändern
David Simon | Ausgabe 50/2013 102

Heute gibt es überall zwei Amerikas, in der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik. Ich lebe in einem davon. In einer Gegend von Baltimore, die dem funktionierenden Amerika angehört: jenem Amerika, das mit seiner Wirtschaft verbunden ist und seinen Bewohnern eine Perspektive bieten kann. Kaum 20 Häuserblöcke entfernt liegt ein ganz anderes Land. Verblüffend, wie wenig wir trotz dieser Nähe miteinander zu tun haben. Um West Baltimore, East Baltimore oder Pimlico, die Teile meiner Stadt, die vom US-Leben, wie ich es kenne, völlig abgekoppelt sind, ist kein Stacheldraht gezogen. Aber es fühlt sich so an. Wir haben eine völlig unterschiedliche Zukunft, und ich glaube, das ist nicht nur in den USA der Fall, sondern in vielen Teilen der westlichen Welt. Mir scheint, wir haben die Tragödie fast schon perfekt gemacht, schneller als viele andere, vernünftigere Länder.

Meine gefährliche Idee nun hat mit diesem Mann zu tun, der Ende des 20. Jahrhunderts als Witzfigur am Straßenrand zurückgelassen wurde. Sein Name ist Karl Marx. Ich bin kein Marxist. Ich glaube nicht, dass der Marxismus ein Heilmittel gegen unser wirtschaftliches Leiden hat. Ich finde, Marx war als Diagnostiker besser. Er erkannte sehr gut, was im Kapitalismus falsch lief oder falsch laufen könnte, wenn man nichts dagegen tat. Wenn Sie Das Kapital oder irgendeine Zusammenfassung davon gelesen haben, wissen Sie, dass die Logik des klassischen Marxismus irgendwann zu solchem Unfug wie dem Dahinschwinden des Staats und dergleichen führen sollte. Aber sehr genau sah er, was schiefgeht, wenn das Kapital auf ganzer Linie siegt, wenn es alles bekommt, was es will.

Der Kapitalismus hat mit dem Ende des 20. Jahrhunderts den Marxismus weggefegt und wurde in allen Bereichen vorherrschend. Die Ironie liegt nun darin, dass das Einzige, was wirklich funktionieren könnte, keine reine Ideologie ist, sondern ein Gemisch aus Elementen beider Strömungen, fern jeder philosophischen oder parteilichen Perfektion: ein Pragmatismus, der die besten Teile des sozialistischen Denkens und des kapitalistischen Wirtschaftens vereinigt. Dass es nicht die eine Patentlösung gibt, um uns aus dem Schlamassel zu befreien, ist natürlich schwer zu akzeptieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der gesamte Westen das System der US-Wirtschaft übernommen, die sich nach ihrer Zügellosigkeit in den Kriegsjahren als das beste Produkt erwiesen hat. Sie zeigte ihre Kraft nicht nur im Krieg, sondern auch darin, wie mühelos sie massenhaften Wohlstand schaffen konnte. Sie verwandelte eine Arbeiterklasse, deren Lohn am Beginn des Jahrhunderts kaum für den Lebensunterhalt reichte, in eine Konsumentenschicht, die nicht nur genug Geld für alles hatte, was sie brauchte, sondern auch für jede Menge Quatsch, den sie nicht brauchte, aber haben wollte. Das war für alle der Antrieb.

Und wie haben wir das geschafft? Indem wir uns nicht auf eine Seite ziehen ließen. Das war der New Deal. Das waren die Argumente für Tarifverhandlungen und -löhne, und die Formel hieß: Keine Seite gewinnt ganz und gar. Weder bekommen die Arbeiter alles, was sie wollen, noch die Kapitalisten. Und nur in dieser Spannung, in diesem Ringen zwischen beiden Seiten kann der Kapitalismus funktionieren, kann er alle Gesellschaftsschichten einbeziehen.

Nichts als Gier

Die Gewerkschaften waren wichtig, ein Teil der Gleichung. Es kam nicht darauf an, ob sie immer gewannen oder immer verloren, nur darauf, dass sie manchmal gewannen – und dass sie für ihre Forderungen kämpfen mussten. Dafür, dass die Arbeiter mehr verdienten, als sie bekamen.

Von dieser Erkenntnis haben wir uns in den letzten Jahrzehnten abgekehrt und stattdessen an die Trickle-down-Theorie geglaubt, daran, dass die Märkte alles am besten wissen. Und heute haben wir einen Punkt erreicht, an dem in den USA der Libertarismus als ernstzunehmende Denkweise gilt. Das finde ich erschreckend, denn man sollte doch meinen, als wir gesehen haben, wie die Mauer fiel und die vormals stalinistischen Staaten sich auf die Reise in die Marktwirtschaft begaben, hätten wir gewusst, was funktioniert und was nicht. Stattdessen sind wir in etwas versunken, das man nur als Gier bezeichnen kann. Nichts als Gier.

Gesellschaften sind genau so, wie sie reden. Wenn jeder glaubt, etwas erreichen zu können, heißt das nicht, jeder bekommt dieselbe Menge. Es kann passieren, dass es Investoren gibt, die mehr als alle anderen einfahren. Das ist kein „Jedem das, was er braucht“, es ist kein Marxismus. Sondern nur, dass jeder das Gefühl hat: Wenn die Gesellschaft erfolgreich ist, dann bin ich es auch. Man lässt mich nicht zurück. Und es gibt heute im Westen keine einzige Gesellschaft, die das für ihre gesamte Bevölkerung aufrechterhält.

Mein Land ist der Horror. Die Familieneinkommen schrumpfen, Grundversorgung wird nicht mehr gewährleistet, etwa im Bildungssystem. Die Unterschicht wird mit einem angeblichen Krieg gegen gefährliche Drogen überzogen, der in Wahrheit ein Krieg gegen die Armen ist und uns zum größten Kerkerstaat der Menschheitsgeschichte gemacht hat – sowohl was die absolute Zahl der Häftlinge in amerikanischen Gefängnissen als auch was den Prozentsatz der Inhaftierten US-Amerikaner angeht. Kein Land auf der Welt sperrt so viele Leute ein wie wir.

Ich bin dafür, dass der Kapitalismus der Weg ist, auf dem wir im 21. Jahrhundert Wohlstand für alle erzielen. Der Streit darüber ist vorbei. Doch dass diese Idee nicht mit einem Gesellschaftsvertrag einhergehen soll, dass die Verteilung des Wohlstands nicht jeden Menschen in dieser Gesellschaft in gewissem Maß einbeziehen soll – das erstaunt mich sehr. Der Kapitalismus ist dabei, seinen Sieg durch eigenes Verschulden in seine Niederlage zu verwandeln. So endet diese Geschichte, wenn wir jetzt nicht die Richtung wechseln, wenn wir jetzt nicht Marx’ Diagnose beherzigen. Denn wir sehen, was geschieht, wenn das Kapital ganz und gar triumphiert, wenn es alles bekommt, was es will.

Darum ging es auch in The Wire im Wesentlichen: um Menschen, die nichts mehr wert sein sollten und nicht mehr gebraucht wurden, so wie 10 bis 15 Prozent der US-Bevölkerung diesem Wirtschaftssystem nicht brauchbar scheinen. Es ging darum, wie sie – ein besserer Begriff fällt mir nicht ein – zu versuchen, eine Existenzkrise zu meistern. In ihrer wirtschaftlichen Irrelevanz waren sie doch immer noch da, bevölkerten immer noch diesen Ort namens Baltimore und mussten irgendwie durchhalten.

Das ist der große Horror. Was tun wir mit all den Leuten, die wir marginalisiert haben? In gewisser Weise ist es interessant, dass es dabei anfangs nur um Hautfarbe ging, um die rassistischen Ängste der Leute, damals, als nur die schwarzen und braunen Menschen in den US-Großstädten von höheren Arbeitslosigkeits- und Abhängigkeitsraten betroffen waren und ausgegrenzt wurden, mit miesen Schulen, ohne Ausweg.

Unten im Tal

Interessant ist in gewisser Weise auch, wie diese jüngste Rezession mit einem Schulterzucken Leute aus der weißen Mittelschicht in dasselbe Boot warf, sodass auch sie nun Opfer des Drogenkriegs wurden – Beispiel Crystal Meth – und kein Darlehen mehr fürs College bekamen. So verloren die Menschen plötzlich ihren Glauben an das Wirtschaftssystem, an die Autorität der Wall Street und die Logik des Marktes. Und sie begriffen, es geht ja doch nicht bloß um Hautfarbe, es geht um etwas noch Beängstigenderes: um Klassen. Bist du auf dem Kamm der Welle oder unten im Tal?

Wie kann es wieder besser werden? 1932 wurde es besser, weil man die Karten neu mischte und es eine Logik gab, nach der niemand zurückgelassen werden sollte. Wir finden eine Lösung. Wir öffnen die Banken. In den Tiefen der Depression wurde ein Vertrag geschlossen zwischen Arbeit und Kapital, der den Leuten neue Hoffnung gab.

Entweder wir schaffen so etwas wieder, ehe die Verhältnisse zu schlimm werden. Oder wir machen weiter wie bisher. Bis aus dem Schlamassel heraus der Erste sich einen Pflasterstein nimmt. Denn wenn die Leute am Ende sind, bleibt ihnen immer noch ein Pflasterstein. Ich hoffe immer noch, wir entscheiden uns für Ersteres. Aber ich verliere den Glauben daran.

David Simons Serie The Wire wurde von 2002 bis 2008 in Baltimore gedreht und erhielt zahlreiche wichtige Fernsehpreise

 

Übersetzung: Michael Ebmeyer
06:00 23.12.2013
Geschrieben von

David Simon | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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