„Mein Leben ist explodiert“

Porträt Kewin Kwan gelang mit „Crazy Rich Asians“ ein riesiger Erfolg. Beim Nachfolger war Hollywood skeptisch
„Mein Leben ist explodiert“
Kewin Kwan kennt die Welt der Neureichen aus nächster Nähe

Foto: Sanja Bucko/Everett Collection/Imago Images

Leicht ist es nicht, Kevin Kwan – eigentlich ein Meister der Tollerei – mit der dunklen und grüblerischen Persönlichkeit in Einklang zu bringen, die er als seinen eigentlichen Charakter beschreibt: „Ich bin ein sehr melancholischer, ernster Mensch.“ Strikt zwischen dem parodistischen Glamour seiner Blockbuster-Romane und dem „sehr angespannten, stark Introvertierten“ zu unterscheiden, als den er sich im echten Leben sieht, ist ihm wichtig. Das wird schnell deutlich im Videotelefonat, bei dem er am Küchentisch sitzt und die hellen Lichter von Los Angeles durch die Lamellen blitzen. „Für meine Freunde war es eine echte Überraschung, dass ich ein Buch wie Crazy Rich Asians geschrieben habe“, erzählt er. „Weil das nicht meine natürliche Stimme ist. Beim Schreiben ist die eigentlich sehr chirurgisch, sehr präzise, sehr minimalistisch, sehr vernichtend.“

Auflage von 3.000, das war’s

Kwan stammt aus altem Geldadel in Singapur. Sein Urgroßvater war Gründungsdirektor der ältesten Bank des Landes, sein Großvater der erste westlich ausgebildete Augenarzt, von der britischen Königin geadelt. Kwan hat die Welt, in der seine Romane spielen und die er satirisch beschreibt, aus nächster Nähe erlebt – die Neureichen, die internationalen Jetsetter*innen, die Exzesse der Ultrareichen und die Verherrlichung von Sparsamkeit durch die Oberschicht. „Ich bin in einem Haus aufgewachsen, das in meinen Augen am Verfallen war. Alles war alt und leicht ramponiert ... Als Kind konnte ich das nicht verstehen ... In dem Alter will man neue und glänzende Dinge, aber ich lebte in einem Schlafzimmer voller antiker Möbel! Familien mit altem Geld sind sehr stolz auf ihre angeschlagenen Keramikschüsseln. Das hat irgendwie Charme, vermute ich. Auch das ist versnobt, nur andersherum.“

Als er elf war, zog die Familie in die USA, nach Texas. Später machte Kwan dort seinen Uni-Abschluss in Kreativem Schreiben an der Universität in Houston und ging dann nach New York, um an der Kunsthochschule zu studieren. In seinem ersten Arbeitssommer hospitierte er bei zwei verschiedenen Zeitschriften und war dem Wohlwollen eines exzentrischen Vermieters ausgeliefert, der ihn „von einem winzigen Raum neben dem Heizungsraum“ in dessen eigene Wohnung holte. „Er gab mir sein Schlafzimmer, aber die Türknaufe waren ausgebaut und das Badezimmer konnte man nicht verriegeln. Ich schlief also jede Nacht in seinem enorm großen Bett und schob die Kommode vor die Tür, damit er nicht hereinkommen konnte“, kichert Kwan. „Es ist eine so typische Manhattan-Geschichte, aber ich war 22, und es waren verrückte Zeiten. Am Ende fand er ein neues Apartment für mich, das wunderschön war. Besser als alles, was ich erwarten konnte.“

Kwan blieb die nächsten 20 Jahre und lebte in einem Altbau in Greenwich Village mit Bob Dylan und Joan Baez als Nachbarn. Still und leise schleuste er sich in die Bohème und die Kreise der weißen Elite ein und verbrachte die Sommer in den legendären Hamptons, Enklaven an der Südseite von Long Island, wo die Wohlhabenden Urlaub machen. Dadurch lernte er die „Welt des alten New Yorker Establishments“ kennen, die „der alten Garde in Singapur sehr ähnlich“ sei. „Das war immer mein Traum gewesen. In der Highschool las ich alle Beat-Musikmagazine und ich wünschte mir, im Caffe Reggio zu sein. Ich wollte in gewisser Weise die Welt der 1950er und 1960er Jahre in New York wirklich erleben.“

Und so machte sich Kwan Notizen. Er sammelte Geschichten und Erfahrungen, Charaktere und Anekdoten über ein sagenhaftes Leben und die undurchdringlichen gesellschaftlichen Verhaltensregeln der Superreichen. Am Ende webte er daraus ein Buch, das die ostasiatische Elite liebevoll parodierte. Was dann folgte, hätte er sich nie ausgemalt. „Ich hatte realistische Vorstellungen vom Verlagsgeschäft, weil ich in meinem anderen Leben Verlagsberater war“, erklärte er. „Die meisten Bücher, an denen ich beteiligt war, hatten eine Auflage von 3.000, wir feierten vielleicht eine kleine Party, tranken ein bisschen Sekt mit Freunden, bekamen mit etwas Glück eine kurze Rezension irgendwo, und das war es.“

Reise-Pornographie

Kwan leitete seine eigene Design-Agentur, als sein Erstling Crazy Rich Asians 2013 ein Hit wurde und sich sein Leben für immer veränderte. „Es war komplett verrückt. Mit den Worten einer Freundin, der Künstlerin Judy Chicago: Ich hatte das Gefühl, mein Leben explodiert, und ich bin heute noch dabei, es wieder zusammenzufügen. Ich sprang auf die Achterbahn auf; und die vergangenen sieben Jahre waren extrem turbulent.“ Schnell folgten zwei weitere Bücher und zahlreiche Angebote von Fernsehsendern. Der Film kam heraus (siehe Kasten unten). Kwan zog – natürlich – in eine wunderschön eingerichtete spanische Villa in Hollywood. Gemeinsam mit einem Autorenteam schrieb er die Sitcom Emperor of Malibu. Vergangenes Jahr dann nahm er sich eine Auszeit von der Serie und verwirklichte das lang gehegte Vorhaben, eine Hommage an E. M. Forsters Roman A Room With A View zu schreiben.

Dazu arbeitete Kwan täglich von 8.30 bis 13 Uhr, gefolgt von einer Pause für Mittagessen und E-Mails, um sich dann zwischen 16 und 20 Uhr wieder ans Schreiben zu setzen. Ursprünglich als Novelle geplant, war sein neuester Roman Sex and Vanity innerhalb von vier Monaten fertig. „Es war eine Flucht. Ich wollte etwas Leichtes schreiben, ohne das ganze Gepäck, das auf der Trilogie lastete – einfach einen witzigen, trivialen Sommerroman, den man am Strand liest.“

Sex and Vanity punktet in allen diesen Kategorien. Die erste Hälfte, die auf Capri spielt, ist voller Sonnenschein und sexueller Spannung. Mit seinen Hinweisen auf bekannte und weniger bekannte Sehenswürdigkeiten der Insel, Orte zum Essen, Übernachten und Trinken, liest sich der Roman wie Reise-Pornographie. Und dann ist da die Geschichte von Lucie Tang Churchill, einer ethnisch gemischten New Yorker Prinzessin aus der Upper East Side, die bei einer extrem extravaganten Hochzeit zu Gast ist. Angesichts der beschriebenen Ehrfurcht vor Luxusmarken und höflichem Verhalten ist Kwan wieder bemüht, dass – trotz Ähnlichkeiten – nicht sein Leben beschrieben wird. „Ich hatte das Glück, in den vergangenen zehn Jahren fast jedes Jahr im Sommer auf Capri sein. Aber mein Capri ist eine sehr viel einfachere, ländlichere Version dessen, was man im Roman findet. Manche Dinge sind geschehen, merkwürdige Geschichten, die ich für mein Buch gesammelt habe. Aber es ist Fantasie.“

Für Kwan war es enorm befriedigend, die Universalität seiner Geschichten bewiesen zu sehen. Aber der erforderliche Kraftakt war vielleicht größer als notwendig: „Meine Bücher waren internationale Bestseller, in fast 40 Sprachen übersetzt. Da war es fast ein Affront, als Hollywood fragte: ‚Wird dieser Film überspringen? Werden außer Asiaten auch andere Leute ihn sehen wollen?’ Ich antwortete: J. K. Rowling hat ein breites Publikum angesprochen. Sie schrieb Bücher, die auf der ganzen Welt massiv erfolgreich waren. Was ist anders an mir? Warum sehen Sie darin ein viel größeres Risiko?“ Die Diskussion illustriert die derzeit in der Verlagswelt vorherrschenden Ängste. Das Versagen bei der Unterstützung nicht weißer Autor*innen wurde vor einigen Wochen über den Hashtag #publishingpaidme öffentlich gemacht. Um auf die offensichtliche, mit der ethnischen Zugehörigkeit verknüpfte Ungleichheit hinzuweisen, veröffentlichten Autoren die Höhe der Vorauszahlungen, die Verlage ihnen zugestehen. Es ergab sich ein düsteres Bild: Weiße Autor*innen erhielten im Schnitt deutlich höhere Vorschüsse.

„Das war nun wirklich keine Überraschung!“ Kwan lacht. „Ich hatte mehr Glück als die meisten. Ich kann nicht sagen, dass mich meine Verleger schlecht behandelt haben. Aber die Erfahrung mit der TV-Show ist ein Beispiel dafür, dass wir uns im Vergleich dazu, was passieren müsste, bevor weitere solcher Sendungen gemacht werden können, derzeit noch im Basislager beim Erklimmen eines sehr bescheidenen Berges befinden.“ Dennoch ist Kwan überzeugt, dass „ich als Amerikaner mit asiatischen Wurzeln sehr viele Vorteile hatte, die die Schwarzen in diesem Land nicht haben. Das war mir immer bewusst.“

Die Abrechnung zum Thema Rassismus nach dem Mord an George Floyd bei einer Polizeifestnahme hält Kwan für lange überfällig. „Es ist eine fantastische Sache, die wir da miterleben. Es gibt sehr viele schwierige Gespräche, die zu diesem Thema geführt werden müssen. Ich habe das bereits mit vielen in Asien lebenden Asiaten getan, die mich besorgt anrufen. Sie finden die Situation – das Plündern und die Unruhen – schrecklich. Und ich erkläre, dass es nicht schrecklich ist. Es ist an der Zeit. Ich unterstütze es voll und ganz. In manchen Ländern fühlen sich die Menschen tendenziell mit einer herrschenden Ordnung wohl. Ich dagegen mag, wenn es chaotisch wird. Und das hier, jetzt? Das musste passieren.“ Kwan macht sich keine illusionäre Hoffnung auf einen schnellen Wandel – „es werden kleine Schritte sein“. Aber er ist sicher, dass sich dieses Mal die Stimmung auf den Straßen und im öffentlichen Diskurs anders anfühlt. „Ein Damm ist gebrochen. Der systematische Rassismus, der in diesem Land herrscht, wird jetzt realistisch betrachtet.“

Kwan führt weiter Gespräche, am Telefon mit seiner Familie oder auf der Terrasse mit Freunden. Der Lockdown wegen Corona war die längste Zeit, die er in den vergangenen Jahren gezwungen war, zu Hause zu bleiben. Dabei nimmt er die soziale Distanzierung sehr ernst und sagt, er habe keine Eile, in eines der Restaurants zu stürmen, die jetzt wieder zu öffnen beginnen. Es liegt sowieso viel Arbeit an. Die Promotion des Buches, TV-Jobs und ein Stapel ungelesener Bücher warten auf ihn.

Millionenschwer und langweilig

Auch wenn er darauf besteht, dass sein eigenes Leben unaufgeregt und „langweilig“ sei – Kevin Kwan ist ein kommerzielles Phänomen. Als Autor der internationalen Bestseller-Trilogie, mit derzeit weltweit mehr als 1,5 Millionen verkauften Ausgaben, stand sein Stern schon hoch am Himmel, als 2018 die Filmadaption von Crazy Rich Asians (der deutsche Titel lautet kurz Crazy Rich) in die Kinos kam. Der Druck, einen Film mit einer ausschließlich ostasiatischen Besetzung zu machen, war enorm. Seit Amy Tans Töchter des Himmels rund 25 Jahre zuvor hatte es nichts dergleichen gegeben. „Wir spürten die Riesenverantwortung, nicht zu versagen“, erzählt Kwan. „Das Gefühl war: Wenn dieser Film floppt, wird in den nächsten fünfzig Jahren kein weiterer asiatischer Film gemacht.“

Hollywood pumpte 30 Millionen US-Dollar (26,7 Millionen Euro) in das Projekt: Heraus kam die kommerziell erfolgreichste romantische Komödie seit mehr als einem Jahrzehnt, die an den Kinokassen weltweit erstaunliche 212,3 Millionen Euro einspielte. Der Film ist nicht nur wegen seines Erfolgs bemerkenswert. Es handelt sich gleichzeitig um einen von ganz wenigen Hollywood-Filmen, deren Besetzung ausschließlich aus nichtweißen Schauspielern besteht. Nicht aus Hollywood, aber unter ähnlichen Bedingungen erfolgreich war zuletzt nur die schwarze Komödie Parasite im Jahr 2019.

Nosheen Iqbal ist Reporterin für die zum Guardian gehörige britische Sonntagszeitung The Observer

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 05.08.2020
Geschrieben von

Nosheen Iqbal | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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