Mein Wärter

Wiedersehen Zwei Wochen war der "Guardian"-Reporter ­während der libyschen Revolution in Haft. Nun trifft er seine Bewacher wieder. Es sind stolze Besiegte

Ich konnte mich noch daran erinnern, dass Hatem groß war, eine Brille trug und ein dickliches, freundliches Gesicht hatte, das zu seinem Beruf nicht zu passen schien. Aber ich war nicht darauf vorbereitet, dass er mich so warm empfangen würde – wie ein alter Freund. Die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus: „Wie geht es dir? Wie hast du mich gefunden? Was ist passiert, nachdem du weggebracht wurdest?“

In den ersten Tagen der libyschen Revolution war Hatem mein Wärter gewesen, in einem von Gaddafis berüchtigten Gefängnissen von Tripolis. Als wir uns das letzte Mal sahen, waren wir durch eine Eisentür getrennt. Wenn er das Essen durch die ­schmale Klappe schob, konnte ich nur sein Gesicht und seine Hände sehen. Noch wurde in den Bergen und in den Straßen der Küstenstädte gekämpft. Hatem war wütend und frustriert. Er beschimpfte die Aufständischen als „Ratten“, so wie Gaddafi.

„Was willst du von uns?“, fragte er mich jede Nacht, wenn er Kaffee trinkend vor meiner Zelle stand. Manchmal reichte er mir in einem Anflug von Großmut eine kleine Tasse durch die Luke. Aber die Zelle betrat er nie. „Wir lieben Gaddafi. Das alles ist die Schuld von euch Journalisten. Das ist eine Verschwörung der Nato und reaktionärer arabischer Länder.“

Monate später, Tripolis war inzwischen an die Aufständischen gefallen, machte ich mich auf, um Hatem zu suchen. Ich wollte ihn fragen, ob er wirklich geglaubt hatte, was er da gesagt hatte. Anhand seiner Person wollte ich die Geschichte der letzten Tage des Sicherheitsapparates erzählen und was heute mit ihm geschieht.

Die Stimmung in Tripolis war euphorisch. Auf dem Platz der Märtyrer veranstalteten die Autofahrer Hubkonzerte, Kinder schwangen Fahnen, Frauen schrien und feierliche Gewehrsalven entluden sich gen Himmel. Aber es gab auch Zeichen für das schwierige Verhältnis zwischen dem Alten und dem Neuen. Vor Ministerien und öffentlichen Gebäuden demonstrierten kleine Gruppen gegen Vertreter des alten Regimes. Ich saß in meinem Hotelzimmer und dachte darüber nach, wie ich Hatem finden konnte. Wie er aussah, wusste ich. Und, dass er in einem Gefängnis arbeitete. Mehr nicht. Wie sucht man in einer Stadt voller Sieger nach einem Besiegten?

Wir fuhren zu dem Gefängnis des Auslandsgeheimdienstes, in dem noch vor Monaten viele Journalisten festgehalten worden waren. Das Hauptgebäude sah aus wie ein totes Tier, dessen Rückgrat durch eine massive Bombe entzwei gebrochen worden war. Mit einer Wache der Regierung betrat ich eines der kleineren Nebengebäude. Das Innere war effizient in kleine Zellen aufgeteilt. Sie waren aber größer und heller, als meine Zelle es gewesen war. Wir gingen zu einem anderen Haus. Während meiner Haft waren mir stets die Augen verbunden worden, wenn ich in andere Gebäude gebracht wurde, aber ich hatte mir im Kopf einen Grundriss von dem Ort ausgemalt. Nur, so funktioniert Erinnerung nicht.

Die Erkenntnis kommt in Form eines Flashbacks: Ich hocke mit verbundenen Augen vor einer Wand auf dem Boden, drei Männer in Uniformen durchsuchen unsere Habseligkeiten. Der Raum riecht nach Reinigungsmittel. Ich kann einen Mann mit Mundschutz und Gummihandschuhen erkennen. Der brasilianische Journalist, der mit mir zusammen festgenommen worden war [Andrei Netto, er wurde ein paar Tage später entlassen, d. Red] wird abgeführt. Eine schwere Tür schlägt zu ...

Auf einmal wurde mir klar: Ich befand mich wieder in diesem Raum. Auf dem gefleckten grauen Teppich lagen ein paar umgeworfene Möbel. Das Gefühl des Schreckens, das ich vor ein paar Monaten an diesem Ort empfunden hatte, erfasste mich wieder.

Flashback: Drei gesichtslose Offiziere befragen mich stundenlang. „Entweder du erzählst uns, was wir wissen müssen, oder wir bringen dich zum Reden.“

Wir gingen weiter, einen langen, von Neonlicht erleuchteten Gang, große schwarze Türen an einer Seite. Dahinter befanden sich dunkle Zellen mit schmuddeligen Matratzen und zerbrochenen Toiletten. Die Geister der Wächter und Gefangenen hingen in der Luft. Hier also. Hier war es.

Ich betrat mehre Zellen und fragte mich, was aus den anderen Gefangenen geworden sein mochte: der Mann, der die ganze Nacht geschrien hatte, der Ägypter, der Tunesier, der Amerikaner. „Dieser Trakt hieß ‚der Markt‘“, erzählte mir später ein ehemaliger Offizier. „Es gab Läden mit Lebensmitteln und Kleidung für das Wachpersonal. Für Beamte, die über Wochen ohne Unterbrechung arbeiteten. Dann wurde es zu einem Gefängnis für besonders wertvolle Gefangene gemacht.“

„Wie sah es mit Folter aus?“, fragte ich ihn. „Manchmal sperrten sie die Insassen in Hundekäfige, nur um ihnen Angst einzujagen. Es kam auf den Wärter an. Manche scheuten keine Mühen, um einen Gefangenen zu quälen. Aber da, wo sie dich festhielten, war die Behandlung der reine Luxus, verglichen mit dem hinteren Gefängnis oder den Zellen bei den Hunden. Ausländer wurden nicht geschlagen, nur die Einheimischen haben sie gefoltert. Ich habe Beamte mit Stöcken gesehen, die aus Palmrohren gefertigt waren. Doch selbst ohne Schläge führten die Gefangenen ein elendes Leben: die dunklen, kleinen Kerker, die Angst, der Lärm der Hunde. Sie haben die Menschen in diesen dunklen Zellen terrorisiert. Man verliert seine Menschlichkeit und seine Würde.“

Abdul Razaq ist stark gealtert

Saleh ist auch ein Ex-Beamter des Geheimdienstes, der aber eine Zeit lang inhaftiert war, weil er Rebellen unterstützt hatte. Ich bat ihn um Hilfe, einige der Beamten ausfindig zu machen, die im „Markt“ gearbeitet hatten. Zwei Tage später gelang es uns, einen der Wärter zu treffen. Abdul Razaq hatte graues Haar, war schlank, mittelgroß und gutaussehend. Im Gefängnis hatte er immer gute Laune gehabt. Jetzt aber war er um Jahre gealtert. Unter seinen zuckenden Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet. Wir setzten uns vor sein Haus, ein flaches Ziegelgebäude an einem staubigen Weg. Er hatte Angst. Er wusste nicht, warum ich gekommen war und fürchtete irgendeine Form von Rache. Während er Tee einschenkte, hielt er auf einmal die Kanne in die Höhe. „Siehst du, es ist immer noch an mir, für deine Verpflegung zu sorgen“, sagte er. Es war ihm sichtlich peinlich, mit einem, der einmal zu seinen Gefangenen gehörte, Tee zu trinken.

„Als du da warst, war noch alles in Ordnung. Erst Mitte März füllten sich die Gefängnisse. Wir fingen damit an, fünf oder sechs Leute in die kleinen Zellen zu sperren. In die großen zwängten wir bis zu sechzig hinein. Die Flure waren ebenfalls voll. Es war schrecklich.“ – „Für dich oder für die Gefangenen?“, fragte ich halb im Spaß. „Für uns“, entgegnete er ernst und reichte mir die kleine Tasse. „Stell dir vor, wie es gestunken hat mit all diesen zusammengepferchten Menschen. Wir haben uns Masken aufgesetzt, bevor wir die Zellen betraten.“

„Als die Nato-Bombardements begannen, wusste ich, es war aus. Gegen die Nato kommen wir nicht an. Nach und nach liefen alle über. Dann kam ich mit dem Druck nicht mehr klar, ließ mich krankschreiben und blieb ab Juni zu Hause. Ich habe den Job nicht gemacht, um von der Nato bombardiert zu werden. Mitten in der Nacht wachte ich auf. Meine Frau fragte mich, was los ist. Ich sagte Bomben, Bomben. Sie sagt: Du träumst, schlaf wieder.“

Ich fragte ihn, ob er Hatem kannte, den Wärter, den ich suchte. Abdul Razaq nickte und ging zum Telefon. Zehn Minuten später war er da. Groß und selbstsicher. Mit einem Lächeln. Es war ein seltsamer Augenblick. Wir trafen uns wie alte Freunde. Aber kann ich wirklich einen Strich ziehen zwischen dem Menschen und seinem Beruf? Kann man sich mit dem Mann anfreunden, der einen eingesperrt hat?

Hatem erzählte, was in dem Gefängnis nach meiner Entlassung geschehen war. Er sprach fast zärtlich, als handle es sich um einen Ort voller schöner Erinnerungen. „Wir wussten, dass die Nato uns bombardieren würde, also brachten wir die meisten Gefangenen auf das Gelände eines Unternehmens. Wir selbst aber blieben im Hauptquartier. In den meisten Nächten konnte man das Geräusch der Raketen mit anschließender Explosion hören.“

Hatem wollte nicht kämpfen

„In einer Nacht hörten wir dann einen gewaltigen Knall, der Boden unter meinen Füßen bewegte sich, dann folgte eine weitere Explosion. Alles war voller Rauch und Staub, alle Türen aufgedrückt worden. Sie hatten unser Kommunikationszentrum getroffen – mit der ganzen Überwachungstechnik. Was glaubst du, wie wir dich gefunden haben?“, fragte er lächelnd.

„Wenn es nur die Nato gewesen wäre, hätten wir überleben können, aber das Land war voller Spione“, fügte er bitter hinzu. „Am Schluss liefen so viele über – nicht weil sie nicht mit dem Regime übereinstimmten oder nicht von ihm profitiert hätten, sondern einfach, weil sie wussten, es war vorbei.“ Hatem stand auf: „Was hast du vor? Lass uns durch die Stadt fahren.“

Wir fuhren in den schönsten Sonnenuntergang der Welt. Eine brennende, orange Scheibe versank im Meer. Jedes Mal, wenn wir einen Checkpoint passierten, beobachtete ich ein Gesicht, das sich ein demütiges Lächeln abrang. Das unbehagliche Lächeln eines Mannes, dem über Nacht die Autorität abhanden gekommen ist.

Leute wie Hatem werden in ganz Libyen verhaftet. Sie werden an Kontrollposten angehalten und aus den Autos gezogen, wenn sie ihre Ausweise vorzeigen. „Zurzeit ist es sehr gefährlich“, sagte er. „Man kann niemandem vertrauen. Das Gaddafi-Regime verhaftete Leute und niemand wusste, wo sie waren und wer sie verhaftet hat. Jetzt ist es dasselbe.“

Bei jedem kam der Punkt, an dem er wusste, die Tage des Regimes waren vorbei. Saleh wechselte im März die Seiten, Abdul Razaq verlor im Juni die Nerven. Und bei Hatem? „Ich bin nie desertiert. Ich habe bis zum 20. August gearbeitet [der Tag, an dem die Rebellen in Tripolis einmarschierten, d. Red]. Wegen der Kämpfe konnte ich dann aber nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich habe aber nicht gegen die Rebellen gekämpft. Das sind Libyer. Ich denke, dass sie sich irren, aber es ist nicht meine Aufgabe, auf der Straße gegen sie zu kämpfen.“

Die Sonne war nun zur Hälfte im Meer versunken. Wir fuhren an einem kleinen Spielplatz am Strand vorbei, er füllte sich mit Familien. Vor dem Platz der Märtyrer stauten sich hupende Autos vor einem Fahnenmeer.

„Die gleichen Leute, die auf Gaddafis Ein-Millionen-Marsch die grüne Fahne trugen, schwenken heute die Fahne der Revolution“, meinte Hatem. „Aber das geht in Ordnung. Man kann seine Meinung ändern.“ Was er aber nicht richtig findet, ist, dass eben diese Leute jetzt so tun, als hätten sie nichts mit dem Regime zu tun gehabt.

Zwei Tage später traf ich Hatem erneut. Wir setzten uns in ein altes Café im Hof eines italienischen Palazzos. Hatem bestellte zwei machyata [Latte Macchiatos, d. Red], dann fragte ich ihn, ob im Gefängnis gefoltert wurde.

„Hör mal, was erwartest du. Wir waren ein Geheimdienst. Wir brauchten Geständnisse. Aber alles hing von den Offizieren ab. Einige von ihnen genossen es, Leute unter Druck zu setzen. Anderen ging es tatsächlich nur um Informationen. Doch meist muss man Leute nicht foltern, um Informationen zu bekommen. Man besticht sie einfach.“

Und dann sagte Hatem: „Gaddafi trägt die Schuld an allem. Er hätte gleich gehen sollen. Seine Außenpolitik war super. Ich wusste, mir als Libyer kann im Ausland nichts passieren, das Regime wird uns verteidigen. Aber im Land war er eine Katastrophe. Seine Söhne plünderten alle ausländischen Investitionen und ließen das Land hungrig zurück. Als der Krieg ausbrach, hatten die Armen am meisten zu leiden.“

Ghaith Abdul-Ahad ist Reporter des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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09:00 15.01.2012
Geschrieben von

Ghaith Abdul-Ahad | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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