Menschen als Schutzschild

Afghanistan Im südöstlichen Bezirk Gizab sind die Taliban auf dem Sprung zur Macht. Nach dem ISAF-Abzug Ende 2014 wird sie kaum jemand aufhalten

Als sich die Menschen im Bezirk Gizab vor vier Jahren erhoben und lokale Taliban-Regenten vertrieben, priesen das die ISAF-Kommandeure in dieser Region als Zeichen der Zivilcourage und als Meilenstein eines jahrzehntelangen Krieges. Dieser Tage nun warnen die lokalen Führer von Gizab, ihr Bezirk in der zentralafghanischen Provinz Urusgan stehe kurz davor, an die Aufständischen zurückzufallen. Deren Offensive hat genau ein Jahr nach dem Rückzug der internationalen Truppen aus diesem Raum begonnen, zeitgleich mit der Schließung des größten britischen Stützpunktes in Helmand, einer anderen umkämpften Provinz im Süden.

Nach einem Monat intensiver Gefechte sind in Gizab mehr als 500 Familien aus ihren Häusern vertrieben. Die Taliban lassen den Einwohnern keine Wahl, als ihre Kombattanten mit Lebens- und Transportmitteln zu versorgen. Wer das verweigert und zur Regierung steht, wird bedroht. „Die Taliban benutzen Menschen als Schutzschild, sie schießen aus zivilen Gebäuden auf die Sicherheitskräfte und blockieren Straßen“, erzählt Haji Abdur Rab, Vorsitzender des Entwicklungsrates von Gizab.

Das in den obersten Winkel der Provinz Urusgan gezwängte Gizab liegt gut 100 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Tarin Kot. Bestenfalls führen unbefestigte Trassen dorthin, was den Transport von Waffen und Munition ebenso erschwert wie die Evakuierung Verletzter. Hinzu kommt, dass Afghanistans Nationalarmee (ANA) für Einsätze in Urusgan und den angrenzenden Provinzen bloß über drei Hubschrauber verfügt, die nicht immer voll einsatzfähig sind. Oberst Rasul Kandahari, Regionalkommandeur der in Urusgan stationierten 4. Brigade: „Mit den Helikoptern lässt sich kaum mehr anstellen, als Leichensäcke von den Schlachtfeldern zu bergen.“ Man warte auf mehr Unterstützung aus der Luft, bislang jedoch vermisse man so gut wie jede Reaktion aus Kabul auf die prekäre Lage in Gizab.

Dabei klaffen die Schätzungen über Opferzahlen weit auseinander. Während das Büro des Polizeichefs in Tarin Kot behauptet, es seien „lediglich ein paar Menschen getötet und ein paar mehr verwundet worden“, spricht Provinzgouverneur Amanullah Khan Timuri von bis zu 70 nichtzivilen Opfern, deren Zahl sich gleichmäßig auf beide Seiten verteile.

Ein westlicher, mit der Sicherheitslage in der Region vertrauter ISAF-Kommandeur, der aber nicht autorisiert ist, sich öffentlich zu dieser Angelegenheit zu äußern, bezeichnete Gizab als „unsichersten Bezirk Urusgans“. Über ein Drittel der Zusammenstöße, zu denen es 2014 in Gizab kam, gab es in den zurückliegenden vier Wochen.

Die Schlacht um Gizab irritiert westliche Militärführer, sie hatten große Hoffnungen in den Bezirk gesetzt. 2010 unterstützten dort amerikanische und australische Spezialkräfte eine Revolte gegen die Taliban. Seinerzeit war man ausdrücklich bemüht, einer Aufstandsbekämpfung von unten beizustehen. Die ISAF pries Gizab als Symptom einer lokalen Stabilisierungsoperation. Die Bevölkerung sollte sich bestärkt fühlen, den Taliban die Macht selbst abzuringen. „Gizab liefert ein hervorragendes Beispiel für die umliegenden Dörfer“, erklärte das ISAF-Oberkommando vor vier Jahren.

Unter anderem auf diese Strategie ging die Entstehung der Lokalen Afghanischen Polizei (ALP) zurück. Die ebenfalls 2010 gegründete ALP rekrutiert auf lokaler Basis und ermächtigt Afghanen, Sicherheitsverantwortung zu übernehmen und mit der Zentralregierung zu verbinden.

Das US-Militär ging davon aus, die Mehrheit der Afghanen werde sich gegen die Dschihadisten wenden, sobald sie begriffen habe, dass es sich bei den Regierungstruppen um die starke Seite handelt. Doch die Bewohner Gizabs warteten nach ihrer Revolte vergeblich darauf, dass die Regierung die Kontrolle übernahm, so Martine van Bijlert, Urusgan-Expertin vom Afghanistan Analysts Network. „Stattdessen hatte man bloß das Gefühl, dass eine Menge lokaler Kommandanten eine Menge Macht erhielten, was nichts besser machte.“ Korruption und eine harte Hand gegenüber der lokalen Bevölkerung blieben an der Tagesordnung. Wieder einmal zeigte sich, dass die ISAF-Truppen das flüchtige Wesen der afghanischen Politik unterschätzt hatten. „Tatsächlich mussten die ISAF-Militärs erkennen, mit Kommandanten zu kooperieren, die schnell die Seiten wechseln konnten“, erinnert sich Martine van Bijlert.

Als im September die Gewalt aufflammte und Aufständische aus der Nachbarprovinz Ghazni nach Gizab vorstießen, erwies sich der Kern der Anti-Taliban-Kombattanten als nicht resistent. Schon im Sommer hatte Berichten zufolge einer ihrer Anführer – ein ehemaliger Ladenbesitzer namens Lalay – den Bezirk Gizab verlassen, nachdem es zur Konfrontation mit Matiullah Khan, dem Polizeichef von Tarin Kot, gekommen war. Es hieß, Lalay solle versucht haben, den Polizeichef zu stürzen. Dieser – obschon ein Gegner der Aufständischen – reagierte, indem er sich hinter Lalays Rivalen, einen lokalen Taliban-Führer, stellte. Daraufhin ging Lalay nach Kandahar und nahm 400 ihm ergebene Kämpfer mit.

Dieser Machtkampf offenbarte nicht nur, wie schnell Loyalitäten wechseln können, sondern auch, wie groß das Misstrauen zwischen den Teilen der afghanischen Sicherheitskräfte ist. In Urusgan befehden sich die Nationalarmee, der Gouverneur und die Polizei seit Jahren. Was sie entzweit, ist die lukrative Teilhabe an den vom Ausland finanzierten Wiederaufbauprojekten oder am Drogenhandel, in den vor allem Polizisten involviert sein sollen.

Haji Abdullah Zafar, Bezirksgouverneur von Gizab, beurteilt die Lage gänzlich anders. Alle würden Seite an Seite stehen – egal ob es sich um Regierungssoldaten, Mitglieder des Geheimdienstes oder Polizisten handeln würde. Allerdings könne man mit der Zahl der Taliban-Kämpfer nicht mithalten, es gäbe das Verhältnis eins zu zwei. „Es wird an manchen Tagen gekämpft wie in einem Bürgerkrieg“, so Zafar.

Wie im Bürgerkrieg

Auch wenn derartige Schätzungen über das Potenzial der Aufständischen mit Vorsicht zu genießen sind, da sie von einem Gouverneur stammen, der will, dass sich die Regierung mehr exponiert, scheinen die Sicherheitskräfte von Gizab über Gebühr strapaziert. Teilweise gingen Versorgungsrouten vollständig verloren. Mancher Unterführer räumt ein, dass die Gotteskrieger zwischenzeitlich um die 80 Prozent der Region kontrollieren.

Weil es nicht gelang, Gizab fester an die Provinz- oder Nationalregierung zu binden, konnten die Taliban Gebiete wiedererobern, die bereits als sicher galten. Dieses Vorgehen zeigt deren Taktik – zwar werden gelegentlich zentrale Bezirksstädte angegriffen, doch handelt es sich um Ausnahmen. Operiert wird vorzugsweise in ländlichen Gebieten, um sich landesweite Bewegungsfreiheit zu sichern, bevor Ende des Jahres das ISAF-Hauptkontingent abzieht.

Schon lässt sich in Gizab ersehen, was passieren kann, wenn afghanische Streitkräfte sich selbst überlassen bleiben und nicht mehr über Unterstützung, besonders die aus der Luft, verfügen, an die sie sich in der Vergangenheit gewöhnt haben. In einigen Teilen Afghanistans stellen die Aufständischen schon jetzt auf die Probe, wie widerstandsfähig Regierungstruppen denn im Ernstfall sein können – was sie riskieren und wie sie geführt werden. Theoretisch müssten sich die Taliban bei diesen Vorstößen eine blutige Nase holen, fordern sie doch eine Armee heraus, die im Jahr mehr als sechs Milliarden Dollar kostet, was der afghanische Staatshaushalt nicht hergibt, sondern an ausländische Alimentierung gebunden ist. Tatsächlich steht dieser Koloss auf tönernen Füßen.

Nicht zum ersten Mal fühlen sich die Menschen in Gizab im Stich gelassen. Der Bezirk liegt an der Grenze zwischen dem von der Minderheit der Hazara bewohnten zentralen Hochland und dem Kernland der Paschtunen im Süden. 2004 löste Staatschef Hamid Karzai aus einem Teil der Provinz Urusgan den hazarischen Distrikt Daykundi heraus. Gizab sollte zunächst dazugehören, was einen Teil der paschtunischen Bevölkerung verärgerte, die sich daraufhin den Taliban als lokaler Autorität zuwandten. Zwei Jahre später ist Gizab wieder von der Provinz Urusgan aufgenommen. Solcherart administratives Wechselbad hat bei den Menschen den Eindruck erweckt, von der Kabuler Regierung ignoriert zu werden und auf sich allein gestellt zu sein. „Wir haben keine Gesandten im Zentralparlament oder im Provinzrat, die auf unsere Lage hinweisen könnten“, sagt Bezirksgouverneur Zafar. „Wenn uns Kabul nicht anhört, werden sich hier andere etablieren und so schnell nicht mehr weichen. Das scheint sicher.“

Sune Engel Rasmussen berichtet für den Guardian über den ISAF-Abzug,
Übersetzung: Zilla Hofman

06:00 17.12.2014
Geschrieben von

Sune Engel Rasmussen | The Guardian

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