Mit dem Lunchpaket auf Stimmenfang

Gegenkandidaten Die Gegenkandidaten von Hamid Karsai wollen eine Stichwahl erzwingen. Das gilt besonders für den aussichtsreichsten Bewerber, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah

Tausende von Flaggen schwingenden Afghanen sind aus der für ihre Schönheit berühmten Stadt Bamiyan im Süden herbei geeilt, um ihren Helden zu sehen und zu feiern. Sie werden mit Staub in den Augen belohnt, als ein betagter russischer Helikopter mit Doktor Abdullah Abdullah an Bord auf einem zerfurchten Flugfeld landet. Unter den noch wirbelnden Rotoren geht der ehemalige Außenminister Afghanistans, der bei der Präsidentenwahl Amtsinhaber Hamid Karsai ernsthaft in Bedrängnis bringen will, auf die Menge zu, die ihn in dieser gottverlassenen Hochland-Region erwartet.

Die Menschen stehen dicht gedrängt an der einzigen befestigten Straße, die sie mit der Außenwelt verbindet, wenn im Winter die anderen Pisten unpassierbar sind. „Ich kam vor Jahren mit Karsai hierher, als er Übergangspräsident war“, ruft der Mediziner Abdullah seinem Auditorium zu. „Er versprach damals, es werde hier schon bald eine Asphaltstraße geben. Heute komme ich, und die Straße ist immer noch unbefestigt.“ Für die Hazara, die hier ansässige Volksgruppe, ist das ein höchst wunder Punkt. Die Missachtung durch von Paschtunen geführte Regierungen hat ihre Geschichte bis heute geprägt, auch erhielten sie nur einen Bruchteil der internationalen Hilfe, die seit 2001 in den von Aufständen gezeichneten Süden gelangt ist.

Kandidat Abdullah spricht aus, was sie alles wissen: Dieser Bezirk ist nach wie vor so arm, dass Hazara-Familien in Höhlen leben müssten, die in den selben Fels getrieben wurden, aus dem im sechsten Jahrhundert die riesigen Buddha-Statuen gehauen wurde, die 2001 dem religiösen Fanatismus der Taliban zum Opfer fielen.

Anschläge der Regierung?

Die administrative Inkompetenz der Zentralregierung halte die Menschen in Not und Depressionen – dieses Urteil fällt nicht nur Abdullah Abdullah bei seiner Wahlkampagne, man hört es nicht anders von Ashraf Ghani, einem ehemaligen Weltbank-Funktionär, der Karsai als Bewerber um das höchste Staatsamt ebenfalls Paroli bietet. Als Ghani vor seinem Auftritt in Herat von der Polizei gewarnt wird, in der Menge befänden sich Selbstmordattentäter, reagiert er ungerührt: Das sei ein taktisches Manöver seiner Rivalen, um seine Kampagne zu torpedieren. Doch es steht außer Zweifel, die Gewalt macht den Kandidaten zu schaffen, vor allem Abdullah Abdullah. Ein Meeting im östlichen Dschalalabad wird am 28. Juli beschossen und dabei der Fahrer seines Wagens getötet. Abdullah erklärt später, es müssten nicht Aufständische gewesen sein. „Die Leute verdächtigen nicht nur die Taliban, einige sprechen davon, Sicherheitskräfte der Regierung seien die Täter gewesen.“

Es gibt kaum Umfragen, an denen sich ablesen ließe, über welchen Rückhalt Karsai und seine beiden Konkurrenten verfügen. Der Eindruck, dass der Präsident an Boden verliert, ist dem Elan seiner Gegner zu danken, die mit ihren Kampagnen viel Zuspruch finden. Ghani wird zuweilen als guter Verwalter gelobt, dem aber das Charisma eines Politikers fehle. Bei einer donnernden Rede in Herat scheint er wild entschlossen, seine Kritiker vom Gegenteil zu überzeugen. Der 60-jährige promovierter Anthropologe, einst als Favorit für den Posten des UN-Generalsekretärs gehandelt, ruft zum Auftakt dreimal „Allahu Akbar!“, um dem Islam zu huldigen und dann eine Geschichte aus dem Koran über das Ende der Welt zu zitieren, mit dem zu rechnen sei, „wenn alle Staatsämter mit Inkompetenten besetzt“ seien. Viele Zuhörer meinen danach, Ghanis Versprechen, Arbeitsplätze zu schaffen, habe sie überzeugt. Andere machen kein Hehl daraus, wegen der kostenlosen Mahlzeit gekommen zu sein, die ein Kandidat spendieren muss, der Volksmassen anziehen will. Im eingangs beschriebenen Bamiyan werden die Lastwagen mit Lunchpaketen, die für Abdullahs Sympathisanten bestimmt sind, kurzerhand gestürmt.

Ihrer Rechte bewusst

Hamid Karsai kann sich darauf verlassen, dass ihn die Anführer vieler paschtunischer Stämme und Clans unterstützen. Bei den Hazara – sie gelten als Wechselwähler – hat sich der Präsident mit Karim Khalili und Mohammad Mohaqeq der beiden wichtigsten Regionalführer versichert. Die gängige Meinung, der Amtsinhaber sei nicht zu schlagen, pariert Ashraf Ghani, mit dem Argument, das würden Diplomaten prophezeien, die kaum je aus Kabul herauskämen. Und Abdullah meint, die Afghanen seien politisch gereift. „Wer hätte vor vier Jahren mit diesem Interesse an einem Ort wie Bamiyan gerechnet, in dem immer die ethnische Identität im Vordergrund stand? Das zeigt doch, dass sich die Menschen ihrer Rechte bewusst werden.“ Beide Bewerber könnten sich nach dem Votum vom 20. August vereinen, sollte Hamid Karsai im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit versagt bleiben und eine Stichwahl nötig werden.

Übersetzung: Julian Doepp

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12:10 19.08.2009
Geschrieben von

Jon Boone, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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