Mit dem Präsidenten spielt man nicht

Iran Ironie kommt in autoritären Staaten selten gut an. So auch im Iran, wo eine Zeitschrift eingestellt wurde, die Ahmadinedjads Beziehung zu einem Berater auf die Schippe nahm

Das Bild sieht aus wie eine persische Miniatur aus dem 16. Jahrhundert. Auf der rechten Seite sitzt ein Mann und belehrt seine pflichtbewusst vor ihm knienden Gefährtem, die seinem Serom lauschen.

Doch irgendetwas stimmt nicht. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass alle Personen als heute lebende Iraner erkennbar sind. So ist der weise Mann tatsächlich niemand anderes als Mahmud Ahmadinedjads Vertrauter Esfandiar Rahim Maschaei. Und – in eindeutig satirischer Darstellung der politischen Führung des Landes – ist es Maschaei, der den Präsidenten zu seinen gehorsamen Anhängern zählt und nicht anders herum.

Das Bild erschien vor einem Monat auf dem Titel des iranischen Magazins Shahrvand-e-Emrooz. Die iranische Regierung scheint daran aber keinen Gefallen gefunden zu haben - jedenfalls gehen die meisten davon aus, dass sie hinter der erzwungenen Einstellung des Blattes Anfang September steckt.

Von Korruption bis Hexerei ist alles dabei

Shahrvand-e-Emrooz war schon einmal eingestellt worden – zusammen mir anderen Titeln nach den auf die Wahlen 2009 folgenden Unruhen – durfte aber seit kurzem wieder erscheinen. Am 5. September nun wurde sie zusammen mit der Publikation Roozegar erneut eingestellt.

Die Fotomontage spielt auf die Besorgnis iranischer Konservativer über den zunehmenden politischen Einflusses Maschaeis an. Die Unterstützer des Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei glauben, Maschaei, dessen Tochter mit dem Sohn des Präsidenten verheiratet ist, versuche die Macht des Klerus im Iran zu untergraben.

Die Gegner Maschaeis, der sich für mehr kulturelle Offenheit ausspricht, behaupten, der Präsident befinde sich unter dessen „Bann“ und unterstellen seinem Team alles nur Erdenkliche - von Korruption bis Hexerei. In den vergangenen Monaten sind mehrere enge Verbündete Maschaeis, sowie einige hochrangige Berater des Präsidenten verhaftet worden.

Schielt der Präsident auf die Zeit nach Khamenei?

Die unverbrüchliche Unterstützung, die Maschaei von Ahmadinedjad erfährt, hat das konservative Lager erzürnt und den Präsidenten selbst den Rückhalt Khameneis gekostet. In den zurückliegenden sechs Monaten hat sich zwischen Khameini und dem Präsidenten ein Machtkampf entwickelt, der in den Augen vieler auf den Einfluss Maschaeis zurückzuführen ist.

Analysten meinen, Ahmadinedjad habe Maschaei als seinen Nachfolger für die in zwei Jahren anstehenden Präsidentschaftswahlen aufgebaut. Das er das werden könnte, scheint inzwischen unwahrscheinlich. Außerdem wird angenommen, dass Khamenei beschlossen hat, sich mit Ahmadinedjad zu arrangieren, anstatt eine Fehde über Maschaei heraufzubeschwören, um so Unruhen während der Wahlen zu vermeiden. Die iranische Opposition glaubt, Ahmedinedjad versuche mit seiner Hinwendung zu Maschaei und dessen relativ liberaler Sichtweise Wähler zu gewinnen und sich den Erhalt seiner schwindenden Macht zu sichern. Analysten zufolge schielen der Präsident und seine Gefolgschaft schon auf die Zeit nach Khameneis Tod.

In jüngster Zeit hat die Regierung in Teheran den Zeitungen der Opposition mehr Spielraum gewährt, wohl um sie im Vorfeld der Parlamentswahlen zu besänftigen. Shahrvand-e-Emrooz und Roozegar sind beim Ausloten dessen, wie viel Kritik an der Regierung möglich ist, offenbar aber zu weit gegangen.

Im Iran sitzen mit die meisten Journalisten in Haft

Auf eingangs erwähnter Zeichnung sitzt Maschaei, der allem Anschein nach Kleidung aus der Zeit der Safawiden-Dynastie tragt, in der Nähe von Ahmadinedjads gutaussehend dargestelltem Vize Hamid Baghai. Unter iranischen Bloggern ist auch die Beziehung zwischen Ahmedinedjad und Maschaei – die als sehr liebevoll gilt - schon Anlass für manche Witzelei gewesen.

Die Zeitung Roozegar ist vermutlich eingestellt worden, weil sie ein Interview mit dem iranischen Politikanalysten Morad Saghafi veröffentlicht hatte, in dem dieser auch auf die Unruhen nach den Wahlen 2009 zu sprechen kam.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen hat die Schließung von Pressetiteln und die anhaltende Inhaftierung iranischer Journalisten und Blogger daraufhin scharf verurteilt. „Trotz einiger versöhnlicher Gesten gehen die iranischen Behörden weiterhin hart gegen Medien und Journalisten vor und haben gestern die Wochenzeitung Shahrvand e-Emrooz und die Tageszeitung Roozegar geschlossen“, ließ die Organisation verlauten.

Nach Aussage des Committee to Protect Journalists (Komitee zum Schutz von Journalisten) gehört der Iran weiterhin zu den Ländern, in denen die meisten Journalisten weltweit im Gefängnis sitzen.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

15:05 12.09.2011
Geschrieben von

Saeed Kamali Dehghan | The Guardian

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The Guardian

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