Mit dem Rückspiegel in die Zukunft

US-AKWs Wie in Japan kalkuliert man auch in den USA mit Ereignissen der Vergangenheit, wenn es um die Sicherheitsbestimmungen von AKWs geht
Oyster Creek an der Barnegat Bay liegt 40 Meilen nördlich von Atlantic City und ist das älteste Atomkraftwerk des Landes
Oyster Creek an der Barnegat Bay liegt 40 Meilen nördlich von Atlantic City und ist das älteste Atomkraftwerk des Landes

Foto: Stan Honda/AFP/Getty Images

Hurricane Sandy hat viel Unheil angerichtet: die Küste von Jersey verwüstet und viele Städte überschwemmt. New York wurde frontal getroffen. Die U-Bahn lief voll und konnte in Teilen tagelang nicht benutzt werden. Es gibt aber auch positive Aspekte: Nämlich alles, was der Sturm nicht angerichtet hat. Anders als Hurricane Katrina 2005 in New Orleans hat Sandy nicht mehrere hundert Menschen getötet. Teilweise ist das den rechtzeitigen Evakuierungen und sonstigen Rettungsanstrengungen zu verdanken. Und glücklicherweise kam es auch nicht zu einer Havarie in einem der Atomkraftwerke der Region, obwohl eine solche Katastrophe durchaus möglich gewesen wäre.

Watchdog Groups wie die Union of Concerned Scientists (UCS) warnen, Amerikas Atomanlagen seien anfällig für eine ganze Reihe von Naturkatastrophen und Sabotageakten wie Cyber-Attacken. Die Bestimmungen der Bundesbehörden reichen nach Ansicht der Wissenschaftler nicht aus, um für alle diese möglichen Szenarien gewappnet zu sein. Eine Studie des Oak Ridge National Laboratory aus dem Jahr 2011 warnt davor, dass ein massiver Solarsturm in manchen Gegenden zu wochenlangen Unterbrechungen der Stromversorgung führen könne und zum Zusammenbruch der Kühlsysteme in AKWs.

Vergangenheit kein guter Maßstab

Dennoch schreiben die Behörden nicht vor, dass Atomkraftwerke sich gegen das Risiko von Solarstürmen absichern müssen. David Lochbaum, der Direktor des Atomsicherheitsprojektes der UCS, sagte mir in einem E-Mail-Interview, die amerikanische Atomaufsichtsbehörde (Nuclear Regulatory Commission, NRC) verwende bei der Vergabe ihrer Lizenzen den „Rückspiegel“. Mit anderen Worten: Sie blickt in die Vergangenheit, um die Zukunft zu beurteilen.

Vergangene Ereignisse seien aber nicht immer ein guter Maßstab, um zu bestimmen, was schlimmstenfalls passieren kann, so Lochbaum weiter. Er verweist auf Fukushima. Das Werk in Daichi lag hinter einer Ufermauer, die hoch genug war, um es gegen die Art von Überschwemmungen zu schützen, die man in Japan bis dahin gekannt hatte. Aber niemand hatte mit der Möglichkeit gerechnet, dass ein Monster-Tsunami die Mauer eindrücken könnte. Alle 13 Reserve-Generatoren des Reaktors brachen eine Stunde nach dem Erdbeben zusammen, als sie von dem Tsunami überschwemmt wurden. Dies führte dazu, dass das Kühlungssystem ausfiel. Lochbaum stellt infrage, ob ein Betrieb unter diesen Bedingungen vernünftig ist.

Hurricane Sandy liefere weitere Anhaltspunkte dafür, dass „eher früher als später“ Lösungen gefunden werden müssen, um Amerikas unangemessenes Regelsystem auszubessern.

Spiel mit dem Wasser

In einem Blog weist er darauf hin, dass die von Atomkraftwerken ausgehenden Risiken dadurch erhöht werden, dass die Anlagen immer in der Nähe eines Flusses, Sees oder Ozeans stehen, weil zur Reduzierung der großen Hitze, die bei der atomaren Stromerzeugung entsteht, große Wassermengen benötigt werden. Diese Kühlanalgen sind alles, was das Plutonium in den Reaktorkernen davon abhält, eine kritische Temperatur zu erreichen und abzuschmelzen, wie dies so ähnlich in Fukushima passiert ist.

Atomkraftwerke neben Gewässer zu bauen, birgt aber gewisse Risiken: Von der Verstopfung der Ansaugleitung durch Krebse und Muscheln (wie 1981 im Atomkraftwerk Pilgrim in Plymouth, Massachusets) bis hin zu Schäden durch einen Hurricane wie Sandy. Eine Anlage wurde während des jüngsten Sturms in Alarmbereitschaft versetzt, weil in der Wassererfassungsanlage Hochwasser herrschte. Oyster Creek an der Barnegat Bay liegt 40 Meilen nördlich von Atlantic City und ist das älteste Atomkraftwerk des Landes. Es wurde in der vergangenen Woche für Wartungsarbeiten von Netz genommen. Plutonium kann sich aber gefährlich überhitzen, unabhängig davon, ob eine Anlage aktiv Strom produziert oder nicht. Daher mussten 300 Mitarbeiter Montagnacht in Oyster Creek bleiben, um sicherzustellen, dass das gefährdete Kühlsystem weiterarbeitet.

Aber nicht nur an der Küste gelegene Atomkraftwerke sind durch Überschwemmungen gefährdet. 34 , ein Drittel aller US-amerikanischen Reaktoren, stehen an Flussufern mit stromaufwärts errichteten Dämmen. Einem vergangenen März von der NRC veröffentlichten Bericht zufolge sind viele dieser Anlagen nicht dafür konzipiert, den gewaltigen Wassermassen Stand zu halten, die ein Dammbruch im Katastrophenfall entfesseln würde. Zu Beginn des Monats war in der The Huffington Post zu lesen:

„Berechnungen des NRC zufolge … ist das Risiko, dass der Damm in der Nähe des AKW Oconee [das von Duke Energy in South Carolina betrieben wird] im Laufe der kommenden 22 Jahre einmal ausfällt, weit höher als die Wahrscheinlichkeit, dass ein durch ein Erdbeben ausgelöster Tsunami in Fukushima eine Kernschmelze verursacht.“

Diese alarmierenden Nachrichten wurden im öffentlichen Bericht des NRC dann aber unterdrückt und gelangten nur an die Öffentlichkeit, weil Hauptautor Richard H Perkins sie eigenmächtig an die Presse weitergab. Er sagte, seine Arbeit sei zensiert worden, weil aus ihr hervorgehe, dass das NRC sich im Besitz relevanter Informationen befindet, ohne ihnen entsprechende Taten folgen zu lassen.

In einem anderen Abschnitt des Berichts, in dem es um das AKW Fort Calhoun in Nebraska geht, haben die Redakteure des NRC Passsagen mit Informationen gestrichen, wonach ein Bruch der Dämme in Oahe oder Fort Randall zu einem Ansturm von Wassermassen führen könnte, den die Wasserschutzmauern der Anlage nicht gewachsen wären. Die Nuclear Regulatory Commission ist offenbar der Meinung, es sei besser, die Tatsachen über atomare Risiken zu vertuschen als die Probleme zu beheben.

Kritiker werfen dem NRC nicht nur vor, wichtige Informationen zurückzuhalten, sondern auch in vielen Fällen bereits beschlossene Bestimmungen nicht durchsetzen. David Lochbaum warnt:

„Ich bin zutiefst besorgt darüber, dass das NRC unsichere Reaktoren am Netz lässt. Der Nuclear Power Information Tracker der UCS verzeichnet 47 Reaktoren, von denen das NRC weiß, dass sie die Feuerschutzbestimmungen nicht erfüllen und 27, bei denen der Erdbebenschutz nicht den seismischen Gefahren entspricht, denen sie ausgesetzt sind. Diese bereits bestehenden Schwachstellen bedeuten, dass die amerikanische Öffentlichkeit mehr durch Glück als durch Geschick beschützt wird.“

Und wenn Supersturm Sandy und die zunehmende Häufigkeit anderer extremer Wetterereignisse in den vergangenen Jahren irgendetwas bedeuten, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieses Glück die Amerikaner irgendwann einmal verlässt.

Richard Schiffman schreibt zu Umweltthemen u.a. beim Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Richard Schiffman | The Guardian

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