Mit Flugzeugträgern Paroli bieten

China Das Land modernisiert derzeit seine Marine – und das nicht nur wegen des Konflikts um Taiwan. Es hat auch geostrategische Gründe
Mit Flugzeugträgern Paroli bieten
China könnte den Zugang zum Indischen Ozean und zum Pazifik verlieren

Foto: Wang Zhao/AFP/Getty Images

In den Werften von Schanghai nimmt der Ausbau der chinesischen Marine Gestalt an: Wie Satellitenfotos zeigen, wird dort an einem 315 Meter langen Flugzeugträger gearbeitet, es wäre der vierte für die größte Militärflotte und den leistungsfähigsten Schiffsbau der Welt. Das Schiff des Typs 003 ist mit der Ford-Klasse vergleichbar, jener Kategorie, zu der die modernsten Flugzeugträger der US-Marine gehören. Es ist mit einem elektromagnetischen Katapult zum Starten von Kampfjets ausgerüstet und flexibel einsetzbar.

Chinas Flugzeugträger, dazu 27 Lenkwaffenzerstörer und 60 Fregatten, stehen für den Versuch, die US-Marine im westlichen Pazifik zurückzudrängen. Nach Möglichkeit bis hin zu der Inselkette, die sich südlich von Japan zwischen Taiwan und den Philippinen bis hin zum Südchinesischen Meer erstreckt. Um das zu verhindern, hat sich die Biden-Administration bekanntlich vor gut einem Monat entschlossen, das weit entfernte Australien und den Verbündeten Großbritannien in einen regionalen Militärpakt, in die Allianz „Aukus“, einzureihen.

„In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat China seine Kapazitäten so weit ausgebaut, dass es die Handlungsfreiheit der USA im westlichen Pazifik einschränken kann“, meint Sidharth Kaushal, Asien-Experte beim Royal United Services Institute (RUSI) in London. „Es begann mit Schiffsabwehrraketen mit großer Reichweite, dazu baute China seine Marine aus, um einem geostrategischen Dilemma zu begegnen.“ Es besteht darin, dass die USA und ihre Alliierten im Konfliktfall den Zugang vom Südchinesischen Meer zum Indischen Ozean und zum Pazifik für chinesische Schiffe versperren können. Handelsrouten wären unter Umständen schnell gekappt. Das amerikanische Stützpunktsystem in der Region, von Diego Garcia über Singapur bis Okinawa (s. Karte), bietet dafür ideale Voraussetzungen. Von dort können Schiffseinheiten in Marsch gesetzt und Bomberflotten gestartet werden. Chinas Sicherheitszone vor seiner Küste wäre in diesem Fall unverzichtbar dafür, gegnerische Schiffe zu blockieren. Dazu braucht es maritime Durchschlagskraft, moderne Luft- und Nuklearstreitkräfte, die eine abschreckende Wirkung haben. So wie Chinas mit Kernwaffen bestückte Unterseeboote, die jetzt schon eine Gewähr dafür bieten, dass beide Großmächte eines vermeiden wollen: die thermonukleare Konfrontation.

Kriegsschiff-Parität bis 2049

Seit dem Zweiten Weltkrieg sind die USA vorherrschende Seemacht im westlichen Pazifik und sehen sich als Garant der Sicherheit Japans, Südkoreas und besonders Taiwans. Doch das Bestreben von Chinas Präsident Xi Jinping, bis 2035 eine Militärflotte von Weltklasse aufzubauen, ändert das Kräfteverhältnis fortwährend. Chinas Marine verfügt laut Pentagon inzwischen über gut 350 Kriegsschiffe – die USA über 293, die aber im Gegensatz zu den chinesischen Einheiten weltweit im Einsatz sind. Da die Volksrepublik zu ihrem 100. Jahrestag 2049 die strategische Parität mit den USA erreicht haben will, gilt ein Aufstocken auf 400 Einheiten bis 2025 als unerlässlich. Angesichts dieser Absichten sollte die Stationierung des britischen Flugzeugträgers „Queen Elizabeth“ im Pazifik bereits im Sommer offenbar ein Zeichen setzen, zumal der Begleittross von acht Kriegsschiffen, darunter ein US-Zerstörer, beachtlich schien. Die „Queen Elizabeth“ nahm bereits an mehreren multinationalen Übungen teil, die eindeutig gegen Peking gerichtet waren, darunter Manöver mit Streitkräften der USA, Australiens, Frankreichs, Japans, Neuseelands und Südkoreas. Für den Auf- und Abmarsch ging es wie selbstverständlich durch das Südchinesische Meer. Parallel dazu kam der Aukus-Vertrag ins Spiel, der Australien künftig eine nuklear betriebene U-Boot-Technologie ermöglicht. Sie erlaubt lange Unterwasser-Missionen und streckt Operationen im Südchinesischen Meer auf zwei Monate. Allerdings werden solche Unterwasserschiffe erst ab 2040 einsatzbereit sein, es sei denn, die australische Marine kann zuvor US-Bestände leihen.

Taiwan-Agenda

1949

Separatstaat Die Kuomintang-Armee unter General Chiang Kai-shek (1887 – 1975) unterliegt im Machtkampf mit den Streitkräften Mao Zedongs und flieht auf die Insel Taiwan, die zum offiziellen Territoriumder Republik China erklärt wird. Auf dem Festland wird die Volksrepublik China gegründet. Taiwan vertritt China zunächst allein bei den Vereinten Nationen, im UN-Sicherheitsrat und schließt 1954 einen Verteidigungspakt mit den USA.

1971

Statusverlust Nach dem Austausch von Botschaftern zwischen den USA und der VR China wird Taiwan international erkennbar marginalisiert, verliert den Status, allein Nachfolgestaat der Republik China zu sein, den UN-Sitz und 1979 auch die diplomatische Anerkennung durch die USA. Diese erklären sich allerdings mit dem Taiwan Relations Act zur Schutzmacht. Gegenwärtig unterhalten noch 14 Staaten offizielle Beziehungen mit Taipeh.

1989

Demokratisierung Innere Reformen führen zum Verzicht auf die Einparteienherrschaft und zum Mehrparteiensystem mit den Blöcken um die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) links und die Kuomintang-Partei (KMT) rechts. Ab Mitte der 1990er Jahre wird der Präsident direkt gewählt, und ab 2014 wird die „Sonnenblumen-Bewegung“ zum außerparlamentarischen Korrektiv. Beim Demokratie-Index liegt Taiwan 2020 unter den asiatischen Staaten auf Platz 1.

2000

Fünf Nein Um die Beziehungen mit Peking zu entspannen, verkündet Präsident Chen Shui-bian (DPP) die „Politik der fünf Nein“. Danach werde man sich nicht für unabhängig erklären, keinen neuen Staatsnamen annehmen, das Verhältnis zu Festland-China nicht als „zwischenstaatlich“ bezeichnen, kein Referendum über den eigenen Status abhalten und keine Änderung bei den Prinzipien für eine nationale Wiedervereinigung vornehmen.

2016

Zwei-Chinas-Politik Unter Präsidentin Tsai Ing-wen (DPP) hat sich das Verhältnis zwischen Peking und Taipeh permanent verschlechtert, seit sich Tsai gleich nach Amtsantritt 2016 vom „1992er Konsens“ distanzierte. Den hatten Politiker Taiwans und Chinas 1992 informell ausgehandelt. Seine Formel: Es gibt nur „ein China“, aber verschiedene Vorstellungen, wie dieses China aussehen soll. Tsai setzt auf „zwei Chinas“, ohne das ausdrücklich zu sagen.

Unterdessen baue China alle 15 Monate ein neues Atom-U-Boot, sagt Mathieu Duchâtel von der französischen Denkfabrik Institut Montaigne in Paris, sei jedoch bei der Schiffsgröße, bei Technologie und Kampferfahrung im Rückstand. Außerdem wisse man um Schätzungen des US-Kongresses, wonach die US-Marine mit 330.000 Soldaten über bedeutend mehr Einsatzkräfte verfüge als China mit 250.000. Dessen U-Boote würden ohnehin als zu laut gelten und seien sofort geortet worden, als sie der „Queen Elizabeth“folgten. Chris Parry, pensionierter Admiral der britischen Royal Navy, resümiert: „China hat viel Stahl, die Möglichkeiten und die Expertise für den Schiffsbau, ebenso wie gute Waffen, die es von Russland übernommen hat. Die Frage wird sein, ob sie auch genug ausgebildete Soldaten haben. Und wenn es die gibt – können sie kämpfen?“

Steht eine Probe aufs Exempel bevor? Was Taiwan angeht, das 110 Seemeilen (180 Kilometer) vom chinesischen Festland entfernt liegt, wird immer wieder ausgetestet, wie weit man gehen kann. Es gibt regelmäßig Manöver, bei denen chinesische Kampfjets den taiwanesischen Luftraum durchqueren. Sidharth Kaushal bezweifelt, dass China genügend Amphibienfahrzeuge für eine erfolgreiche Invasion besitzt, überdies fehle es an Marineinfanterie. Die entscheidende Frage aber sei, wie die USA zum Schutz Taiwans agieren und wie die chinesische Antwort ausfallen würde, sollte es den Ernstfall geben. Über das Eskalationspotenzial einer solchen Konfrontation müsse man sich im Klaren sein.

Die Spannungen waren zuletzt so heftig, dass General Mark Milley als Chef des US-Generalstabs Mitte Oktober seinen chinesischen Amtskollegen General Li Zuocheng anrief, um ihm zu versichern, dass die Militärübungen gerade kein Vorspiel zu einem Krieg seien. Der US-Geheimdienst war zu dem Schluss gekommen, dass Peking einen plötzlichen Angriff fürchtete und präventiv handeln könnte.

Zur letzten schweren Krise kam es 1996 vor taiwanesischen Wahlen, als US-Präsident Clinton zwei Flugzeugträger in die Nähe der Insel schickte, nachdem die Volksbefreiungsarmee mehrere Raketen abgefeuert hatte, die ins Meer stürzten.

Dabei ist völlig offen, wie weit die USA im Kriegsfall überhaupt an Taiwan herankämen. „Eine Machtentfaltung mit konzentrierten Kräften wäre kaum möglich, ohne signifikante Verluste zu riskieren“, vermerkt Mathieu Duchâtel vom Institut Montaigne. Viel wahrscheinlicher sei, dass die US-Marine in Richtung der Philippinen zurückgedrängt werde und aus größerer Entfernung reagieren müsse.

China zeigt militärische Präsenz auf Inseln, die zur Paracel-und-Spratly-Inselgruppe zählen, um die Ost-West-Handelsrouten im Südchinesischen Meer zu kontrollieren, was im Konfliktfall besonders Länder wie Japan zu spüren bekämen. „Japan ist für den Import von 80 Prozent seines Öls auf dem Seeweg angewiesen“, so Kaushal. „Und momentan sind weder die USA noch China bereit, die Aufrüstung ihrer Marine zu stoppen. Man darf dabei die emotionale Dimension nicht unterschätzen. Das Nationalbewusstsein ist in China eine mächtige Kraft, die Politiker dazu bringt, bei Territorialkonflikten eine harte Linie zu fahren.“

Dan Sabbagh schreibt im Guardian zu Sicherheitsthemen

Übersetzung: Carola Torti

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 10.11.2021
Geschrieben von

Dan Sabbagh | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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