Mit Goya spielt man doch

Museumsbesuch Passen Kinder und Kunst nicht zusammen? Viele Eltern haben den Eindruck, mit ihrem Nachwuchs in Museen nicht willkommen zu sein. Dabei kann man von Kindern viel lernen

Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn man ein Kleinkind in eine Kunstausstellung mitnimmt? In der Tate Modern musste einer Zweijährigen Anfang des Jahres Erste Hilfe geleistet werden, nachdem sie die Ausstellung Bodyspacemotionsthings des Künstlers Robert Morris besucht hatte, die unter anderem Wippen und Drahtseile enthielt. In der Regel sorgen sich Eltern und Museumsangestellte aber eher darum, welches Sicherheitsrisiko die Kinder für die Kunst darstellen. Kinder fassen Dinge gerne an, sie sind oft unbeholfen und neigen zu unkontrollierten Bewegungen.

„Bei uns gab es des Öfteren Unfälle, an denen Bleistifte beteiligt waren“, erzählt Toby Watley, Direktor der städtischen Museen und Kunstgalerien in Birmingham. „Die Kinder zeigen mit dem Filz-Stift auf ein Bild, das nicht hinter Glas ist, und schon berührt er die Leinwand und hinterlässt einen Punkt. Zum Glück haben wir gute Restauratoren im Haus.“ Dass es überhaupt zu solchen Zwischenfällen kommt, liegt ironischer Weise jedoch daran, dass die Museen selbst die Kinder seit neuestem dazu einladen, mit Buntstiften bewaffnet ihren Bildern so nahe zu kommen.

Die Museen haben in den letzten Jahren enorme Summen in pädagogische Begleitprogramme investiert, in einigen Fällen durchaus mit Erfolg. Die Anzahl der Familien, die in Manchester das Kunstmuseum besuchen, ist in den letzten vier Jahren von 32.000 auf 77.000 gestiegen. Selbst Sammlungen, deren Attraktivität für Familien auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist, wie etwa die Wallace and Dulwich Picture Gallery in London, die vor allem alte Meister ausstellt, haben inzwischen einen Familientag. Obwohl die Eltern diese Angebote begeistert annehmen, vor allem, da sie meist umsonst sind, beschleicht manche bei solchen Besuchen letztlich dennoch das Gefühl, anderen unangenehm im Weg zu stehen.

Familienfreie Räume

Sara Holdsworth, die Leiterin der Museumspädagogik in Manchester, räumt ein, dass erwachsene Besucher „nicht immer Lust auf hunderte von Kindern haben, die wild herumrennen“. Aber sie sagt auch: „Nur weil in der Eingangshalle 35 Kinderwagen parken, muss das nicht heißen, dass die Kinder das ganze Museum belagern. Meistens sind die Angestellten da schneller in Panik als die Besucher.“ Natürlich gebe es ab und an Beschwerden. „Da braucht man dann Angestellte, die auf Zack sind, und sagen: 'Waren Sie schon in einem der entlegeneren Flügel? Schauen Sie doch mal zu den Goya-Radierungen. Der Raum ist bestimmt familienfrei.'"

Das Problem, so Toby Watley, seien die temporären Ausstellungen „zu denen die Leute mit bestimmten Erwartungen kommen und für die sie meist mehr bezahlen. Wenn sich dann etwas zwischen sie und ihr besonderes Erlebnis stellt, sind sie schneller verärgert.“

Die Journalistin Dea Birkett hat 2003 einen Preis für familienfreundliche Museen ausgelobt, nachdem sie aus der Royal Gallery geworfen wurde, weil ihr Sohn eine Statue als "Monster" angeschrieen hatte. Seither habe sich vieles zum Guten verbessert, meint Birkett. Aber sie traut dem Frieden nicht. Sie glaubt, dass die Museen Veranstaltungen anbieten, die speziell auf Familien zugeschnitten sind, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie ansonsten viel zu wenig für sie tun. Die Realität sehe immer noch so aus, dass Kinder und Jugendliche in den Galerien regelmäßig zurechtgewiesen werden. Die Galerien seien zu unflexibel und es gebe zu viele Regeln für alles: „Sie lieben Schulklassen und Jugendgruppen, aber sie hassen es, wenn Kinder unangemeldet kommen.“


Den Leitern der Kunstgalerien ist bewusst, dass sie sich den Familien langsamer geöffnet haben als die Museen. Wenn sie nach einer Erklärung suchen, fällt häufig das Wort „elitär“. „Lange war man der Meinung, dass die Museen, mit ihren Dinosauriern und Mumien, für Familien gut geeignet seien“, meint Sara Holdsworth. „Die Galerien hingegen gehörten den Kennern und den vornehmen Leuten.“ Heute setzen die Galerien die Familien auf ihre Agenda, um die elitäre Aura aufzulockern. Sie haben, wie viele öffentliche Einrichtungen vor ihnen, erkannt, dass sich ein breiteres Publikum am besten durch Angebote für Kinder gewinnen lässt.

Gillian Wolfe, die seit 25 Jahren die museumspädagogische Abteilung der Dulwich Picture Gallery leitet, verweist stolz auf den Fall eines jugendlichen Straftäters, der an einem ihrer Angebote teilnahm und lernte, einen Gainsborough von einem Poussin zu unterscheiden. Das ultimative Ziel von Projekten wie ihrem, sagt Wolfe, sei die „soziale Mobilität“. Es ist beinahe unmöglich, in der Museumswelt jemanden zu finden, der auch nur ein böses Wort über schwer beladene Buggys, Kekskrümel oder mürrische Teenager verlieren will.

Philip Athill, der in London die Galerie Abbott und Holder betreibt und für die Satirezeitschrift The Oldieschreibt, weist darauf hin, dass die längeren Öffnungszeiten ganz automatisch eine kinderfreie Zone schaffen. „Kinder sollten dann längst im Bett sein. Ich liebe die Abende, sie sind herrlich. Ich habe mir vor kurzem an einem Freitagabend die aktuelle Ausstellung The Sacred Made Real in der National Gallery angesehen. Draußen war es dunkel, es regnete in Strömen. Es ist die beste Zeit für einen Besuch, man ist angenehm erschöpft und fühlt alles sehr intensiv. Vielleicht sollte man einfach sonntags einen großen Bogen um die Tate machen.“

Als ich die Angestellten in der National Gallery darauf anspreche, dass man Kindern vom Besuch der Ausstellung The Sacred Made Real mit ihren grauenvollen Kreuzigungs- und Enthauptungsszenen und der Darstellung eines liegenden Jesus, dem das Blut zwischen die Zehen läuft, wohl besser abraten sollte und meine Überraschung darüber äußerte, dass es am Eingang keine dementsprechende Warnung gib, wurde mir erklärt, man habe entschieden, dass es hier keiner großen Worte bedürfe, da das Plakat zur Ausstellung selbsterklärend sei. Und überhaupt seinen die Katholiken – darunter auch die spanische Grundschule – ganz wild darauf, mit ihren kleinen Kindern hierher zu kommen.

Man weiß nie, was Kinder fasziniert

Toby Watley, der selbst zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren hat, meint, man könne nie voraussehen, was sie letztlich faszinieren wird: „Man denkt, sie würden sich auf alles stürzen, das Knöpfe hat, die man drücken kann oder sonst irgendwie beweglich ist. Aber als ich letztens mit meiner Vierjährigen in der Kunstgalerie war, stand sie ebenso lange vor einem großen Gemälde, auf dem das Meer abgebildet war, wie vor den interaktiven Ausstellungsstücken. Die schiere Größe einiger Gemälde, die wir hier haben, ist für kleine Besucher ziemlich überwältigend, insbesondere, wenn sie dramatische Szenen darstellen. Es geht darum, dass sie Erfahrungen und Erinnerungen mitnehmen. Etwas, worüber sie später reden können, weil es interessant und lebendig und neu für sie war.“

Emily Pringle, die zu den Kuratorinnen der Tate gehört und Mutter zweier Kinder im Alter von neun und elf Jahren ist, hat festgestellt, dass junge Besucher sich auf zeitgenössische Werke, die viele ältere Besucher zu kompliziert finden, leichter einlassen können. „Gerade die Tate Modern versprüht durch ihre Architektur einen Hauch von Abenteuer. Viele Kinder empfinden das Gebäude als befreiend. Sie sind medienerfahrener als ich, deshalb fällt es ihnen sehr leicht, sich auf Video-Kunst und Installationen einzulassen. Sie beschäftigen sich sowohl auf einer formalen Ebene – 'Wie wurde das hergestellt?' – als auch auf einer konzeptuellen Ebene mit ihnen. Ich erinnere mich daran, wie ich sie hierher brachte, um ihnen The Crack von Doris Salcedo zu zeigen. Ihre erste Frage war: 'Was macht das hier?' Und schon hat man einen Zugang zu dem Werk. Mit Kindern Kunst anzuschauen, stellt viel drängender die Frage: 'Was ist denn eigentlich die Idee dahinter?'"

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:00 06.12.2009
Geschrieben von

Susanna Rustin, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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