„Möchten Sie einen Hirsch mitnehmen?“

Georgien In Georgien funktioniert zwar die demokratische Ablösung der Regierung. Mit dem Erhalt von Altbauten hapert es allerdings noch beträchtlich
„Möchten Sie einen Hirsch mitnehmen?“
Noch stehen zwei Drittel der Altstadt von Tiflis, aber moderne Glasbauten wie die Brücke über den Fluss Mtkvari verändern zunehmend das Stadtbild

Foto: Vano Shlamov/AFP/Getty Images

In seinem wunderbaren Buch Imperium beschreibt Ryszard Kapuściński unter anderem auch einen Besuch in Tiflis. Man schreibt das Jahr 1990 und die Georgier – wie andere Republiken der zerfallenden Sowjetunion – sterben nach Unabhängigkeit; auf der Rustaweli-Allee veranstalten Frauen Sit-ins. Neben den politischen Unruhen beschreibt Kapuściński auch den Zauber, den Tiflis Altstadt auf ihn ausübt: „Ein Viertel aus pastellfarbenen, mit Gittern, Veranden, Balkonen und Gärten geschmückten Häusern … das mancherorts bis heute einen Hauch seines früheren Zaubers bewahrt hat."

Als ich zwei Jahrzehnte – Anfang Oktober – später in Georgien ankomme, ereignet sich in dem kleinen post-sowjetischen Land wieder etwas Historisches. Eine von Milliardär Bidsina Iwanischwili geführte Koalition schlägt die regierende Partei von Präsident und Atlantiker Micheil Saakaschwili. Das hatte es noch nie gegeben: Zum ersten Mal in der Geschichte Georgiens kommt eine neue Regierung durch Wahlen und nicht durch Revolution oder Einflussnahme von außen ins Amt.

In der Altstadt von Tiflis zeichnet sich unterdessen jedoch eine Tragödie ab: Die Stadtverwaltung ist mit rasender Geschwindigkeit dabei, die von Kapuściński beschriebenen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert zu zerstören, die der Stadt ihren Charme verleihen. Es handelt sich hier um eine bunte Mischung architektonischer Stile wie russischer Klassik oder art nouveau. (Keins der Häuser hier wurde vor 1795 erbaut, als die Perser Tiflis niedergebrannt hatten.) Am bemerkenswertesten sind die aufwendig gearbeiteten Holzbalkone, die in die engen, mit Kopfsteinpflaster bedeckten Straßen hineinragen, verzierte Eingänge, Granatapfel- und Feigenbäume.

Ein Drittel der Altstadt ist bereits weg

Der britische Schriftsteller und Publizist Peter Nasmyth, der die meiste Zeit des Jahres in Tiflis lebt, sagt, ein Drittel der ursprünglichen Bausubstanz der Altstadt sei bereits verschwunden. Die Geschwindigkeit, mit der die Zerstörung voranschreite, habe seit 2007 zugenommen. „Die Häuser werden abgerissen und durch eine Disney-Version ihrer selbst ersetzt“, klagt er, während wir uns zu einem Rundgang durch die Altstadt aufmachen. „Das hier ist der asiatische Teil von Tiflis. Wir verlieren diese durchhängenden Holzbalkone. Sie reißen sie runter und bauen sie in einem völlig anderen Stil nach. Es bricht einem das Herz.“

Im Mai begann die Stadt mit dem Abriss eines der geschichtsträchtigsten Gebäude – dem "Lermontow-Haus" am Gudiaschwili-Platz – einer Enklave baufälliger, im Empirestil erbauter Herrenhäuser und schattiger Akazien. In der Wahlnacht esse ich hier im Retro-Café Pur Pur ein Stück Käsekuchen. Der russische Novellist soll in den 1820ern hier gelebt haben. Es kommt in seinem Meisterwerk Ein Held unserer Zeit vor. Einen kurzen Fußweg entfernt liegt der Freiheitsplatz. Hier feiern die Anhänger Iwanischwilis ihren Sieg auf einer Verkehrsinsel, auf der einst eine Lenin-Statue stand.

Das Haus ist nur noch eine leere Hülle. Eine Baufirma hat den exquisiten mehrseitigen Balkon abgerissen, Teile von Dach und Treppengeländer sind ebenfalls verschwunden. Anscheinend weiß niemand, was mit ihnen geschehen ist. Im Hof schwenkt ein junger Mann die Fahne von Iwanischwilis Partei „Georgischer Traum“. Den Sommer über hatten ein paar Denkmalschützer immer wieder gegen die Sanierung von Lermontows Haus protestiert. Sie bliesen in Trillerpfeifen und hielten Plakate hoch, auf denen stand: „Wenn ihr dieses Gebäude zerstört, zerstört ihr uns.“ Es hat nichts genutzt.

Auf dem benachbarten Puri- oder Brotplatz entdeckte ich einen Bagger. Die Ostseite wurde abgerissen, die neuen Gebäude sollen zwei Stockwerke höher werden. „Das hier waren einmal die schönsten kleinen Plätze von Tiflis. Die Fassaden waren großartig. Hier wird eine der interessantesten Städte Europas zerstört“, sagt Nasmyth. Für gewöhnlich werde ein Haus mit dem Bulldozer niedergewalzt, um dann durch einen Beton-Nachbau ersetzt zu werden, dessen Fassade mit Originalziegeln verkleidet wird. Die Besitzer verkaufen, ziehen aus und die Altstadt verliert zunehmend ihre Seele.

Glas und Stahl statt Holz und Ziegel

Georgiens Chefarchitekt Saakaschwili hat seine eigene Vision davon, wie Tiflis aussehen sollte. Seine Sprache sind Glas und Stahl. Überall schießen modernistische Gebäude wie Pilze aus dem Boden. Der Präsident wohnt in einem neoklassischen Palast mit einer durchsichtigen, eiförmigen Kuppel, gleich daneben befindet sich eine neue Konzerthalle. Tiflis verfügt darüber hinaus über ein pilzförmiges Justizgebäude, ein modernistischen Innenministerium und eine „Friedensbrücke“. Kritiker werfen dem Präsidenten vor, er verwende die gleiche unterkühlte Bildsprache wie Georgiens frühere sowjetische Unterdrücker.

Unterdessen hat Saakaschwili damit begonnen, die Ruine der aus dem elften Jahrhundert stammenden, von den Türken gesprengten Bagrati-Kathedrale im Westen Georgiens zu renovieren. „Es ist, als würde man Tintern Abbey mit neuen Wänden, einer Kuppel und einem Aufzug versehen“, sagt Nasmymth. Und um Georgiens größte Kirche, die Sweti Tschoweli-Kathedrale in der alten Hautstadt Mzcheta in der Nähe von Tiflis wurde ein Dorf im pseudobayrischen Stil errichtet. Die Unesco ist alarmiert und hat beide auf die Liste bedrohter Stätten gesetzt.

Iwanischwili wohnt in einer in den Bergen über Tiflis gelegenen Villa, die an die Domizile der Schurken in James Bond-Filmen erinnert. Sie wurde vom futuristischen japanischen Architekten Shin Takamatsu entworfen, besticht durch zwei turmartige Säulen und einen gigantischen Innenraum, der wirk, als hänge er mitten in der Luft. (Der Bereich dient als Café für 150 Gäste.) Gleich daneben befindet sich das Haus für das Personal des Milliardärs, das aussieht, wie ein auf dem Kopf stehendes außerirdisches Raumschiff, das gerade dabei ist, abzuheben.

Am Wahlabend führt Iwanischwili mich herum: Arbeiten von Henry Moore und anderen Bildhauern schmücken die Residenz, die einen Panorama-Blick auf Tiflis bietet, das im Tal unter uns glitzert, während sich hinter uns der Botanische Garten der Stadt befindet. Während er neben einer sanft sprudelnden Fontäne steht, spricht Iwanischwili liebevoll von Tieren – er hat einen Zoo mit Pinguinen, Lemuren und einem Zebra. „Möchten Sie vielleicht einen Hirsch mit nach Hause nehmen“, fragt er mich. Zwei Tage später stürzt der Wahlsieger Iwanischwili sich wegen der Zerstörung der georgischen Architektur auf Saakaschwili, dessen Mitarbeiter sich davon allerdings nicht beeindrucken lassen: „Jedes Mal, wenn wir etwas sanieren, sehen wir zuerst in den Archiven nach, sagt mir Batu Kutelia, der zu ihnen gehört, und fügt hinzu: „Haben Sie Iwanischwilis Palast gesehen?“

Übersetzung: Holger Hutt
09:55 25.10.2012
Geschrieben von

Luke Harding | The Guardian

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