Monetäre Pistolen durchladen!

Börsenpanik Wenn die Finanzmärkte wie im Augenblick in heftige Turbulenzen geraten, liegt ein Hauch von 2007 und 2008 in der Luft. Genau genommen, mehr als nur ein Hauch

Es riecht wieder einmal nach Panik, wenn die Aktienkurse drastisch fallen, die Renditen für Anleihen in Spanien und Italien steigen und die Suche nach einem sicheren Hafen den Goldpreis auf ein neues Rekordniveau hebt. Der 4. August 2011 ruft ungute Erinnerungen wach. 97 Jahre zuvor hatte Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt, aufgrund der folgenden Finanzturbulenzen eröffnete die britischen Börse, die Ende Juli 1914 geschlossen worden war, erst Anfang 1915 wieder. Selbst in der Zeit unmittelbar nach dem Attentat von Sarajewo, als die Großmächte die Diplomatie aufgaben und sich auf den Krieg vorbereiteten, waren die Bewegungen auf den Finanzmärkten nicht so brutal wie jetzt Anfang August 2011.

Vor nicht ganz so langer Zeit, vor vier Jahren nämlich, führte die Ankündigung der französischen Bank BNP Paribas, zeitweilig drei Hedge-Fonds auszusetzen, die auf US-Subprime-Hypothekenschulden spezialisiert waren, zu finanziellen Lähmungserscheinungen. Es stellte sich heraus – die Banken hatten unklug Kredite vergeben und toxische Derivate angehäuft, die für fallende Immobilienpreise in den USA anfällig waren. Außerdem hatten sie zu wenig für schlechtere Zeiten beiseite gelegt. Am 9. August 2007 brach der Sturm dann los.

Elektronische Geldschöpfung

Oberflächlich betrachtet sind die Banken heute in besserer Verfassung, als sie es waren, da mit Northern Rock das erste britische Hypotheken-Institut einen Ansturm der Kunden auf die Kasse erlebte. Die Banken wurden gezwungen, Kapitalreserven aufzubauen und einen höheren Anteil ihrer Anlagen in liquider Form zu halten – in Finanzinstrumenten wie Staatsanleihen etwa, die schnell zu Bargeld gemacht werden können. Zudem haben die Finanzregulatoren die Banken gründlich unter die Lupe genommen, um die Nachlässigkeit vor der Krise wettzumachen, als die Überwachung viel zu lasch ausfiel. Die britische Financial Services Authority, die Europäische Bankenaufsicht und die US-Notenbank wissen, wo ihre jeweiligen Institute die Leichen vergraben haben. Theoretisch zumindest. So verweist denn eine schwindende Gruppe von Optimisten auf die Unterschiede zur Lage vor vier Jahren. Viele Unternehmen, vor allem die größeren, stehen finanziell gesehen besser da, nachdem sie aggressiv Kosten gesenkt haben.

Aufstrebende Länder wie Russland oder China verzeichnen starkes Wachstum und könnten der restlichen Welt als Lokomotive dienen. Im Westen sind die Zinssätze niedrig und die Haushaltsdefizite hoch: Die politischen Akteure haben die Pedale durchgedrückt, um ihre Ökonomien in Gang zu bringen. Doch die verfolgte makroökonomische Politik ist ein zweischneidiges Schwert. Die politischen Entscheidungsträger, die 2007/08 mit als notwendig erachteten Maßnahmen aufwarteten, um eine Implosion des globalen Bankensystems zu verhindern, waren die Helden der Krise Nr. 1. Sollte es aber in den kommenden Wochen zum Crash Nr. 2 kommen, wären die Möglichkeiten der Politik begrenzt. Die Zinssätze sind bereits ganz unten, während die Liebäugelei mit Keynsianischen Fiskalmaßnahmen kaum wieder aufleben wird. Ein Analyst meinte am 4. August, es sei nicht unbedingt zu erkennen, dass die monetären und fiskalen Pistolen voll geladen seien. Das Chaos an den Börsen entfacht Spekulationen, die Federal Reserve werde mittels des als mengenmäßige Lockerung (quantitave easing) bekannten Prozesses mit einer dritten Dosis elektronischer Geldschöpfung reagieren.

Nicht, dass die zwei Billionen Dollar, die von der US-Zentralbank bereits in die Weltwirtschaft gepumpt wurden, großartig viel gebracht hätten – davon abgesehen, dass die Spekulanten weitere Jetons in die Hand bekamen und die Lebensmittel- und Energiepreise weltweit stiegen. Im Winter 2008/09 wurde ein kolossaler Stimulus bereitgestellt, die Ergebnisse waren allerdings sehr enttäuschend. Billiges Geld und große Haushaltslöcher haben gewiss eine zweite Große Depression abgewendet, die vor drei Jahren, als keine Bank sicher zu sein schien und Fabriken still lagen, eine reale Aussicht darstellte. Zu dem normalen Zurückschnappen nach einer Rezession wie in der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Wirtschaftsanreize aber nicht geführt. Vielmehr folgte auf die tiefste Rezession seit den dreißiger Jahren die schwächlichste Erholung.

Eine Heidenangst

In Großbritannien konnte selbst der niedrigste offizielle Zinssatz seit der Gründung der Bank of England 1694 die schuldenbeladenen Konsumenten nicht überzeugen, sich noch mehr Kreditlasten aufzuladen. Wie in Amerika wird in den privaten Haushalten der Gürtel enger geschnallt, da die Löhne nicht mit den Preisen gestiegen sind. Der Abschwung 2008 war eine andere Art Rezession. Dadurch verursacht, dass Banken und Einzelpersonen sich weit mehr Geld liehen, als gut für sie war, und nicht dadurch, dass Zentralbanken als Antwort auf eine höhere Inflation die Zinssätze anhoben. Auch die Erholung kommt anders daher – schwach, stotternd und immer vom Abbruch bedroht.

Insofern unterscheidet sich die jetzige Stimmung recht deutlich vom August 2007. Damals verbrachten die Geldgeber und die Politiker die ersten sechs Monate nach dem Ausbruch der Krise in einem Zustand der Verleugnung, stets in der Erwartung, es werde bald wieder alles beim Alten sein. Sie begriffen erst beim Crash von Lehman Brothers im September 2008 ein. Die Finanzmärkte wurden davon vollkommen nichtsahnend getroffen. In dieser Woche allerdings standen die USA kurz davor, ihre Schulden nicht mehr bezahlen zu können. Außerdem begann der Deal des jüngsten EU-Gipfels zum Schutz der europäischen Einheitswährung nur zwei Wochen, nachdem er beschlossen wurde, auseinander zu fallen. Und zu allem Überfluss tröpfeln unablässig pessimistische Wirtschaftsnachrichten herein.

Aktienmärkte neigen dazu, Veränderung im Voraus zu bedenken. Die Kurse steigen am Tiefpunkt des Zyklus in der Annahme, dass sich die ökonomischen Bedingungen verbessern, und sie fallen, wenn eine Wendung zum Schlechteren in Aussicht steht – wie jetzt. Nicht nur, weil das Wachstum überall abzuflauen scheint, sondern vor allem wegen der Sorge um die Solvenz von Nationalstaaten – Griechenland, Portugal, Irland, Italien, Spanien, selbst die USA sind gemeint. 2007 war es der einzige Trost der Märkte, dass eine Bankenkrise noch nie zu einer Staatsschuldenkrise geworden war. Inzwischen ist das passiert und die Märkte haben dementsprechend eine Heidenangst.

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15:30 05.08.2011
Geschrieben von

Larry Elliott | The Guardian

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The Guardian

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