Nach dem Schlachten

Porträt Christian Slater hat sich freiwillig gemeldet, die Toten im Irak einzusammeln. Denn für Marines gilt: "Keiner wird zurückgelassen." Das hat ihn fast den Verstand gekostet
Neal Hirschfeld | Ausgabe 23/2014 2

Von all den Toten, die sie geborgen haben, ist der erste ihm immer noch am besten in Erinnerung. Der Officer hatte seine Einheit im Bunker zusammengerufen, um die Leiche eines 19-Jährigen erkennungsdienstlich zu behandeln, den ein Schrapnell am Kopf getroffen hatte. Das war keine Übung mehr. Das hier war echt. Sie waren im Irak, mitten im sunnitischen Dreieck – und vor ihnen lag ein im Einsatz getöteter Marine.

Der Officer sprach in väterlichem Ton: „Ich habe einen Flug für ihn. Ihr habt vier Stunden. Macht es in Ruhe, lasst euch Zeit.“ Einer von ihnen öffnete den Leichensack und entfernte den Helm des Toten. Die anderen standen da wie versteinert.

„Halt ihn hoch“, befahl Corporal Dan Cotnoir, der durch seinen zivilen Job als Bestattungsunternehmer den anderen gegenüber im Vorteil war. „Ich will sehen, ob er eine Identifikationsmarke trägt oder Ausschusswunden aufweist.“ Also zog sich Christian Slater Gummihandschuhe an, stellte sich neben die Leiche, packte die Schulterriemen der schusssicheren Weste des Marine und zog den Torso nach oben.

Slater war 21 Jahre alt, er hatte noch nie eine Leiche aus der Nähe gesehen. Jetzt berührte er eine, und sie trug auch noch die gleiche Uniform wie er. Dann passierte es, ein spritzendes Geräusch, gefolgt von einem Platschen. „Shit“, sagte Cotnoir leise.

Slater fragte: „Ist gerade das passiert, was ich vermute?“

„Ja“, sagte Cotnoir. „Genau das.“

Der Helm war das Einzige gewesen, was alles zusammengehalten hatte. Weil der Oberkörper des Toten ihm die Sicht versperrte, konnte Slater nicht sehen, wie der Inhalt des Schädels herausfiel. Die anderen sahen es. Sie stürzten zur Tür und übergaben sich draußen in den heißen Sand.

Papier, Bonbons, Sonnenbrille

„Lass es uns zu Ende bringen“, sagte Corporal Cotnoir schließlich. Zusammen entfernten er und Slater die schusssichere Weste, öffneten das Hemd, schnitten Ärmel und Hosenbeine auf. Aus den Taschen des Toten holte Slater einen Stift, Papier, Kieselsteine, Bonbons, eine winzige Flasche Tabasco, Kompressen und eine Sonnenbrille.

Als jemand den Namen des toten Marine aussprach, schrie Cotnoir ihn an: „Nenn ihn verdammt noch mal nicht bei seinem Namen, sondern nur bei seinem Rang.“ Man hatte sie davor gewarnt, die Toten zu sehr als Menschen zu behandeln, sich Familienbilder anzusehen oder Briefe zu lesen. Man riet ihnen sogar davon ab, sich die Gesichter anzusehen.

Als die Untersuchung abgeschlossen war, wurden der Leichensack und die Habseligkeiten des Toten in einen silbernen Sarg gelegt und dieser in eine Flagge eingeschlagen. Anschließend sprach der Militärgeistliche ein Gebet, in dem er den Namen des Toten und seiner Angehörigen nannte. Der Officer zog ihn danach beiseite und erklärten ihm, dass eine derartige Personalisierung einer Folter für die Überlebenden gleichkomme.

Auf dem Flugfeld wurde der Sarg in ein Transportflugzeug geladen, um nach Hause geflogen zu werden. Auf der Rückfahrt vom Flughafen sagte Slater sich: „Du hast deinen Job erledigt. Er geht nach Hause. Du lebst noch. Aber das ist erst der Anfang.“ Das war im Jahr 2003.

Als er vom Flughafen zurückkommt, laufen die anderen vor dem Bunker herum und starren in die Weite. Ein gerade einmal 17-Jähriger weint. Der Officer bietet ihm eine Versetzung an. Doch dann wäre ihre Einheit unterbesetzt. Als er dem Jungen verspricht, er müsse nur den Papierkram erledigen, lässt der sich überreden zu bleiben. Die anderen ermutigt der Officer, Dampf abzulassen. Reden kann helfen, vorausgesetzt, sie tun es nur untereinander. Andere Marines sind bereits genervt von „den Typen vom Leichenwagen“.

In dieser Nacht geht Slater in den Fitnessraum, um zu pumpen, bis ihm davon schlecht wird – um seinen Körper besonders hart zu bestrafen. Auf seinem linken Bizeps trägt er heute noch ein Tattoo mit dem Emblem des Marine Corps: Globus, Anker, Adler und der Wahlspruch Semper Fidelis, immer treu. Mit seinen breiten Schultern, seinem rasierten Schädel und seinem einschüchternden Blick wirkt er wie der Prototyp eines eisenharten, zu allem entschlossenen Soldaten. Ein Kämpfer, der dachte, er sei stark genug für den Krieg – und dem der alltägliche Horror doch fast den Verstand raubte.

Nach der Highschool geht Slater mit 17 zunächst direkt aufs College. Zwei Jahre später entscheidet er sich, sich zu verpflichten. Er überlegt, zur Navy zu gehen, wählt dann aber die Marines. „Ich wusste, dass das Marine Corps mich an meine Grenzen bringen würde – und das tat es.“

Bei seinem ersten Irak-Einsatz im Februar 2003 dient Slater in der für Atom-, Bio- und Chemiewaffen zuständigen Einheit und sucht nach den angeblichen Massenvernichtungswaffen. Eines Tages kippt der Panzer, in dem er gerade fährt, um und ihm wird ein 100-Kilo-Werkzeugkasten in den Rücken geschleudert. Nachdem man ihn aus dem Panzer gezogen hat, übergibt er sich auf die Schuhe eines Offiziers und wird ohnmächtig. Als man ihn mit seiner Wirbelsäulenverletzung nach Hause schicken will, weigert er sich aber. „Ich wollte nicht der erste sein, der wegen einer Verletzung nach Hause geschickt wird, die nicht vom Feind verursacht wurde.“ Ende 2003 meldet er sich zu der neu zusammengestellten Einheit, die sich um die Leichen kümmert.

In der Unterwelt

Im Schnelldurchgang werden sie trainiert: In einem Unterrichtsraum sehen sie sich Videos an, die nach Selbstmordanschlägen und Flugzeugabstürzen gemacht wurden. Sie bergen im Gelände Tischtennisbälle und Stücke rohen Fleisches, markieren die Stellen mit Miniaturflaggen. Sie üben die Abnahme von Fingerabdrücken und suchen sich gegenseitig nach Narben und Tätowierungen ab. Die Ausbildung beschränkt sich auf das Notwendigste. Aber zwei Dinge behält Slater im Gedächtnis: Erstens, dass die Rückbringung ihrer Toten die ehrenvollste Aufgabe überhaupt ist. „No Marine Left Behind“ – „Kein Marine wird zurückgelassen.“ Der Anspruch bezieht sich auch auf einzelne Körperteile, und jemand muss den Job ja machen.

Das Zweite, was Slater nicht vergisst, ist die Warnung seiner Ausbilderin: „Nichts von dem, was wir euch erzählen, kann euch auf das vorbereiten, was draußen im Feld auf euch wartet. Absolut gar nichts.“ In den folgenden acht Monaten werden sich ihre Worte als prophetisch erweisen. Schon bald fliegt ein gepanzerter Truppentransporter in die Luft. „Er fuhr über eine Bombe, die aus zwei riesigen Granaten zusammengebastelt wurde“, erinnert sich Slater. Aus Angst, die Aufständischen könnten zurückkehren, um zu sehen, wie wirkungsvoll ihre Bombe gewesen ist, wollen die Marines schnell die Verletzten bergen. Doch die Männer, die in dem Transporter waren – 13 verwundete Marines, vier Crewmitglieder –, sind in „menschliches Konfetti“ verwandelt. „Ich habe Körperteile von 17 Menschen eingesammelt“, erzählt Slater. „Geschmolzene Hautfetzen, Gesichter, ein Hintern, ein Penis, Hände.“

Als der Officer und der Corporal einen Körper anheben, bricht er in der Mitte auseinander, die Eingeweide entleeren sich auf ihre Schuhe. Schwarzer Humor ist für viele das einzige Mittel, damit umzugehen. „Erinnere mich dran, dass ich mich übergebe, wenn wir im Bunker sind“, sagt der Officer.

Mit all dem Sterben, mit all den Toten um ihn herum nimmt Slaters Psyche nach und nach immer größeren Schaden. Eines Nachts stößt er an seine Grenzen. Ein Mann mit verheerenden Verletzungen an Kopf und Körper wird zur Untersuchung in den Bunker gebracht. Sie beginnen, ihm die Fingerabdrücke abzunehmen. Plötzlich bemerkt einer, dass sich die Brust des Mannes noch bewegt. „Wir drehten völlig durch.“ Slater rennt los, um einen Arzt zu holen. Auf dem Weg muss er an all die anderen denken, die sie schon geborgen und behandelt haben. „Dein Gehirn fängt an, dich zu verarschen“, erzählt er. „Vielleicht hast du schon zuvor jemanden in einen Sarg gelegt, der noch lebte?“

Als er mit dem Arzt zurückkehrt, sagt dieser ruhig und entschieden: „Der Mann ist hirntot. In den letzten Stunden hat er geatmet und wieder einen Puls bekommen. Aber er wird es niemals nach Hause schaffen. Wartet nur ab.“ Die Worte des Arztes machen die Marines wütend. Wenn er atmet, muss man doch alles unternehmen, ihn zu retten! Slater selbst will ihn reanimieren, wird aber mit den anderen zurück in die Zelte geschickt, um dort abzuwarten. Als der Soldat nach drei Stunden stirbt, ist das ein Wendepunkt. „Bis dahin hatten wir es geschafft, uns ein wenig Menschlichkeit zu bewahren“, sagt Slater. „Doch der Schmerz, den wir verspürten, als man uns sagte, wir sollten nicht versuchen, ihn zu retten, war extrem. Ich begann mich zu fragen, ob ich überhaupt noch da war oder selbst schon tot. Ich kam zu dem Schluss, dass das ebenso gut sein könnte.“

Das Gefühl, in einer Art Unterwelt mit lebenden Toten zu vegetieren, verstärkt sich bei den Marines, als sie anfangen, Gespenster zu sehen. Nachts hören sie, wie die Hintertür aufgeht, dann Schritte, gefolgt von dem schnappenden Geräusch, wie wenn jemand ein Gewehr entsichert. Als sie nachsehen, ist da: nichts.

Für Slater bleiben die Geister aber nur zu real. Seine Einheit muss zwei Monate länger im Irak bleiben, als man ihnen ursprünglich zugesagt hatte. Als sie zurückkehren, haben sie 182 amerikanische Soldaten sowie Dutzende Aufständische und Zivilisten erkennungsdienstlich behandelt und für die Beerdigung vorbereitet. Irgendwann will er selbst nur noch tot sein: Als Slater das erste Mal versucht, sich das Leben zu nehmen, besäuft er sich und nimmt Tabletten. Das zweite Mal versucht er, sich mit seinem Gürtel zu erhängen.

Zurück in den Staaten empfindet er die Gespräche mit seiner Familie zunehmend als Qual. Entweder sie behandeln ihn wie ein Kind („Du bist doch immer noch mein kleiner Bruder!“) oder sie drängen ihn, das Erlebte zu vergessen. Aber wie sollte er das? Jedes Mal, wenn er auf die Straße geht, hat er das Gefühl, die Gesichter der Toten starrten ihn an. Er zieht sich zurück, ist abwesend. Er kann 72 Stunden wach bleiben, um im Anschluss 72 Stunden zu schlafen. „Als wäre er noch im Dienst gewesen und müsste Wache halten“, sagt seine Mutter.

Weil seine Rückenschmerzen immer wiederkommen, unterzieht er sich einer OP. Er trinkt schwer und wird abhängig von Antidepressiva. Eine posttraumatische Belastungsstörung wird diagnostiziert, und man schickt ihn zur Therapie nach Ohio, Kentucky und Maryland – nicht immer mit seinem Einverständnis. 2008 wird er aus medizinischen Gründen aus der Armee entlassen. Danach fühlt er sich nutzlos und leer. Und die Flashbacks, die Albträume und das Schuldgefühl, überlebt zu haben, bleiben.

2012 gibt das Pentagon bekannt, dass sich mehr US-Soldaten das Leben genommen haben als im Irakkrieg gefallen sind.Slater zieht nach Oregon. Nach der sengenden Sonne des Irak schätzt er die kühle Luft der Pazifikküste. Selbst den Regen empfindet er als angenehm. Er kauft sich zwei französische Bulldoggen und zieht ihre Jungen auf. Dass lebendige Wesen auf ihn angewiesen sind, gibt ihm wieder Selbstwertgefühl zurück. Um sich zu beruhigen, besorgt er sich eine ärztliche Genehmigung, Marihuana zu rauchen. Und er findet auch einen neuen Therapeuten – der erste, der ihm helfen kann.

Heute ist er 31 und studiert wieder. Und er weiß die kleinen Fortschritte zu schätzen. „Ich arbeite an meinem Abschluss. Und ich versuche nicht mehr, mich umzubringen“, sagt er. Doch die Toten begleiten ihn weiter.

Neal Hirschfeld ist ein amerikanischer Journalist und Drehbuchschreiber

 

Der Krieg im Kopf

Nach Schätzungen leiden mindestens 15 Prozent der US-Soldaten, die aus dem Irak oder Afghanistan zurückgekehrt sind, an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Betroffenen berichten von Sinneseindrücken, die sie nicht mehr aus ihrem Kopf bekommen – und von dem Gefühl, bestimmte Situationen immer wieder zu erleben. Oft kommen Wahnvorstellungen hinzu. Zudem klagen PTBS-Patienten über Schlaflosigkeit, Wutanfälle und Depressionen. Unbehandelt endet die Belastungsstörung oft tödlich. Nach Angaben des Kriegsveteranen-Ministeriums von 2011 töten sich in den USA im Schnitt jeden Tag 18 Veteranen selbst.
Ein Problem bei der psychischen Behandlung ist zum einen die hohe Zahl der Betroffenen, zum anderen suchen viele erst spät Hilfe – wenn sie sich bereits in einer psychisch extrem schlechten Verfassung befinden. Die Soldaten befürchten, dass die Frage nach psychischer Hilfe ihrer Karriere schaden könnte oder dass sie ausgemustert werden. Hinzu kommt, dass sie die gesamte Ausbildung hindurch auf Härte und das Ignorieren von Schmerzen trainiert wurden. Probleme einzugestehen, fällt ihnen daher besonders schwer. jap

 

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 18.06.2014
Geschrieben von

Neal Hirschfeld | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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