Nach der Bettenschlacht

Liebe statt Sex Tracey Emin hat wie keine andere zeitgenössische Künstlerin in ihrer Arbeit ihr Sexleben thematisiert. Jetzt ist sie in den Wechseljahren – und alles vorbei?
Nach der Bettenschlacht
"Vielleicht weiß ich nicht, was Liebe ist": Tracey Emin denkt mit 48 etwas anders als früher

Foto: Ben Stansall/ AFP/ Gety Images

Anspruchsvolle, egoistische Künstlerin sucht intelligenten Mann mit Sinn für Humor. Sex muss nicht sein, denn sie befindet sich in den Wechseljahren und verspürt kein Verlangen mehr, möchte aber mit ihm lachen und zusammen sein.

So könnte heute eine Kontaktanzeige von Tracey Emin aussehen – jener Emin, die wie keine andere zeitgenössische Künstlerin ihr Privat- und Sexualleben zum Thema ihrer Werke gemacht hat. Sie stellte ein Bett mit benutzten Kondomen und blutverschmierter Unterwäsche ins Museum. Oder bestickte ein Zelt mit den Namen all jener, mit denen sie Sex gehabt hatte. Jetzt sagt sie: "Ich will Liebe, ich möchte mein Leben mit jemandem teilen."

Emin ist 48 – und dass das Älterwerden kein Spaß ist, daran lässt sie keine Zweifel aufkommen. "Ich bin jetzt schon länger in den Wechseljahren. Es ist ein Alptraum, es ist schrecklich. Und dabei passt das Klagen gar nicht zu mir."

Während wir uns unterhalten, beendet sie die letzten Vorbereitungen zu einer Ausstellung, die sie als eine der wichtigsten ihrer Karriere betrachtetet, weil sie in ihrer Heimatstadt, im südenglischen Margate, stattfindet. Die Werke sind fast alle neu. Sie erkunden Themen wie Liebe und Erotik, markieren aber den Abschied von der alten Emin – der wilden Frau, die sich ständig betrank und Sex hatte. Ihre "animalische Begierde" sei von ihr gewichen, sagt sie.

"Die Leute reden nicht darüber, aber seit meiner Menopause fühle ich mich, als sei ich fast schon tot. Man muss deshalb seinen Verstand stärker benutzen, man muss mehr lesen, neue Dinge entdecken – um sich selbst wachzurütteln, sonst baut man immer weiter ab."

2008 erzählte sie in einem Interview, sie wolle als Kinderlose gern Kinder adoptieren – eine Idee, über die sie heute selbst lachen muss. "Ich habe Freunde, die Kinder adoptiert haben. Sie mussten ihr Leben radikal ändern, ihre Wohnungen, ihre Kleidung – alles nur, um bei dem Adoptionsagenturen durchzukommen. Ich werde nichts ändern."

Sie sei sich auch nicht sicher, ob sie überhaupt eine gute Mutter gewesen wäre. "„Ich wäre wohl eher eine Freundin als eine Mutter gewesen. Ich bin zu selbstsüchtig. Bestimmt sind viele andere Frauen auch selbstsüchtig und kriegen trotzdem Kinder, aber ich will das einem kleinen Wesen nicht zumuten. Wer hätte nicht gern etwas Süßes, Kleines zum Anziehen? Aber das ist nicht der wirkliche Grund, Kinder zu haben. Die meisten wollen eigentlich ein kleines Ebenbild ihrer selbst. Ich will so etwas nicht."

Sie sieht sich auch als Role-Model für Frauen, die in einer vergleichbaren Lebenslage sind. "Ich werde nie Kinder haben. Ich werde nie Großmutter sein und wahrscheinlich auch nie heiraten. Ich bin jetzt fast 50, und es passiert einfach nicht."

Geschichten statt Sex

Wir sehen uns in der Ausstellung blaue Zeichnungen an, auf den sie mit einem Freund im Bett liegt, der ihr Geschichten von Daphne du Maurier vorliest. "Es war so kuschelig. Kein Sex, nur eine richtig gute Geschichte." Plötzlich scheint sie jedoch niedergeschlagen. "Ich dachte, ich hätte Liebe erfahren. Jetzt bin ich fast 50 und frage mich, ob das wirklich stimmt. Vielleicht weiß ich nicht, was Liebe ist. Habe ich sie vielleicht mit einer Form von Gier, Leidenschaft oder sonst etwas verwechselt?"

Am nächsten kam sie Liebe in einer fünfjährigen Beziehung mit einem Künstlerkollegen, das ging vor zehn Jahren auseinander. 2010 trennte sie sich von ihrem letzten festen Freund. Heute sei die engste Beziehung, die sie habe, die zu ihrer Katze Docket. "Wenn man einen wirklich guten Freund hat, der einem aus einem Buch vorliest, während man im Bett liegt, und es ist wirklich kuschelig, dann kann auch das Liebe sein. Ich habe noch nie diese Form absolut platonischer Liebe erfahren. Die Liebe, die ich erfahren habe, war immer eine Art Deal, und jetzt, da ich älter werde, wird mir klar, dass es auch anders geht."

Emins Aufstieg zum Superstar begann, als sie 1993 mit ihrer Künstlerkollegin Sarah Lucas im Londoner Stadtteil Bethnal Green die Ladeninstallation The Shop eröffnete und Aschenbecher mit dem Konterfei Damien Hirsts verkaufte, der gerade erst selbst zu Ruhm gekommen war. Für Aufsehen sorgte sie dann mit Arbeiten wie dem Zelt. Charles Saatchie kaufte das Werk, das 1997 an der Londoner Royal Academy gezeigt wurde. Im selben Jahr hatte Emin auch einen denkwürdigen Auftritt in einer Talkshow, in der sie völlig betrunken war. Zwei Jahre später schaffte sie es mit ihrem schmutzigen Bett dann auf die Shortlist des Turner-Preises und in die Ausstellung der Nominierten. Ihr Erfolg hielt – im Gegensatz zu dem vieler anderer – an. Sie vertrat Großbritannien 2007 bei der Biennale in Venedig und wurde vergangenes Jahr, als zweite Frau überhaupt, zur Professorin für Zeichnen an die Royal Academy gewählt.

Die Ausstellung in Margate soll auch zu der dringend notwendigen Erneuerung der krisengeschüttelten Stadt beitragen. Emin unterstützt die Bemühungen ihrer Heimat schon seit Längerem und war damit eine nahe liegende Wahl für die große Schau im olympischen Jahr, das mit einem landesweiten Kunstprogramm begleitet wird. Es ist eine große Sache für Emin. Sie hat den Einwohnern Margates sogar einen Brief geschrieben, in dem sie aufruft, die Schau zu besuchen: "Ich bin bei jeder neuen Ausstellung ängstlich, bei dieser besonders. Ich habe mich während der Vorbereitungen zerrissen und war permanent aufgekratzt."

Eine Matratze mit Ast

Es gibt auch in dieser Ausstellung ein Bett. Besser gesagt: eine Matratze vom britischen Einrichtungshaus Heals, die an einschlägigen Stellen Gebrauchsspuren aufweist und auf der Emin symbolisch einen abgestorbenen Ast arrangiert hat. Die Matratze wurde von 2000 bis 2003 tatsächlich benutzt, die Installation trägt den Titel Dead Sea. Wie sind die Gebrauchsspuren zustande gekommen? "Ich werde jetzt nicht die schmutzigen Details erläutern, aber das ist alles auf natürlichem Wege passiert. Es war aber nicht allein mein Werk."

Die Installation habe auch damit zu tun, "dass es nun vorbei ist". Sie redet wieder über Sex. "Vorbei! Das erklärt es sehr gut. Es war da, aber jetzt ist es weg."

Emin ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen ihrer Generation, sie ist reich und hat Häuser in London und Südfrankreich, wo sie vier Monate im Jahr verbringt. Trotzdem tut sie sich schwer, einen Mann zu finden. "Ich glaube nicht, dass beruflicher Erfolg einer Frau dabei hilft", sagt sie. "Jede Frau, die in dem, was sie tut, zu den Besten gehört, wird Ihnen sagen, dass das auf Männer nicht gerade anziehend wirkt."

Ihre Freunde hätten die Versuche aufgegeben, sie zu verkuppeln. "Wenn sie mir einen Mann für ein Date vorschlagen, frage ich sie: 'Würdest du dem Typen einen blasen?' Nein, also erwarte das dann bitte auch nicht von mir."

Die alte Emin blitzt auf – schonungslos, konfrontativ, die Frau, die alle mal gern haben können. Dann kehrt sie aber sofort wieder zu ihrer neuen, softeren Rolle zurück. "Oft erzeugen meine Ausstellungen bei den Besuchern ein eher schlechtes Gefühl", sagt sie. "Ich fände es aber gut, wenn sie sich besser fühlten, wenn sie gehen."

Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt

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12:00 12.06.2012
Geschrieben von

Mark Brown | The Guardian

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The Guardian

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