„Nach oben offene Eskalationsskala“

Notstand Weltweit gibt es so viele Konflikte und Katastrophen wie lange nicht mehr. Die humanitären Organisationen sind überfordert
| Ausgabe 34/2014 1
Südsudan im Juli: Lebensmittelabwurf des Internationalen Roten Kreuzes
Südsudan im Juli: Lebensmittelabwurf des Internationalen Roten Kreuzes

Bild: Nichole Sobecki / AFP / Getty

Als der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan vor einiger Zeit über die Reaktionen auf die vielen, von Menschen verursachten Krisensituationen sprach, die gerade entbrannt waren oder vor sich hinschwelten, wirkte er erschöpft. „Manchmal hat man das Gefühl, die internationale Gemeinschaft – die Großmächte inbegriffen – kann sich nur auf eine Krise gleichzeitig konzentrieren. Erst waren es Syrien und der Südsudan, dann die Ukraine. Der Fokus auf Kiew und Moskau hat dann wiederum völlig verdrängt, was in Syrien und im Nordirak geschehen ist. Die einzige Krise, die etwas mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Dominanz der Ukraine abschwächen konnte, war im Frühsommer die Entführung nigerianischer Mädchen durch die Extremisten von Boko Haram.“

Das war vor drei Monaten: vor der Ebola-Epidemie, vor dem Aufmarsch der Glaubenskrieger der Organisation Islamischer Staat im Irak, vor dem Abschuss der malaysischen Boeing 777 über dem Donbass, vor Ausbruch eines erneuten Gaza-Kriegs. Auch vor einer akuten Ernährungskrise, die annähernd 15 Millionen Menschen in neun ostafrikanischen Staaten betrifft. Was Kofi Annan wohl dieser Tage dazu sagen würde?

Helen Clark, Leiterin des UNDP, des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, meint erschrocken, sie könne sich kaum an eine Zeit erinnern, „in der mehr brisante Krisen um einen Platz in den Schlagzeilen rangen oder Topdiplomaten wie US-Außenminister John Kerry oder UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon so viele Konflikte auf einmal durch Shuttle-Diplomatie zu bewältigen suchten“.

Doch nicht nur Politiker, auch Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen sehen sich von der aktuellen Situation herausgefordert. Für sie sind Anzahl, Dimension und Komplexität der Krisen, die eine von dramatischen Geschichten erschöpfte Öffentlichkeit erreichen, teils ebenfalls neu.

Südsudan, Syrien, Irak …

„Augenblicklich haben wir vier Hilfsappelle verbreitet, sie betreffen Syrien, den Gazastreifen, Südsudan und die Zentralafrikanische Republik. Das gab es noch nie, wenn man bedenkt, dass es in allen vier Fällen um Konfliktzonen geht, die zugleich Schlachtfelder sind“, sagt Dominique Shorten von der Organisation Save the Children. „Ein Hilfsaufruf nach einer Naturkatastrophe und daneben höchstens zwei Weltkonflikte – damit sind wir häufiger befasst. Aber vier oder fünf Krisengebiete mit einer nach oben offenen Eskalationsskala, das gab es selten zuvor.“ Da müsse man sorgsam abwägen, wie die Ressourcen eingesetzt würden. „Ein allein auf den Gazastreifen gerichteter Fokus zeigt zwar, dass durchaus Spendenbereitschaft vorhanden ist. Nur wirkt sich das sofort auf andere Krisenregionen aus, die leer ausgehen. Denn einige unserer für den Südsudan geplanten Hilfsaktionen sind zugunsten von Gaza entfallen. Das ist hart. Wir wissen schließlich, dass die Kinder vor Ort – ob in der Zentralafrikanischen Republik, in Nordkenia, in Somalia, im Südsudan oder im Irak – Hilfe brauchen. Die Frage ist nur, wie wir sie finanzieren sollen.“

Brendan Paddy, Pressechef des britischen Disasters Emergency Committee (DEC), würde den Sommer 2014 nicht unbedingt als beispiellos einstufen. Außergewöhnlich sei die Lage aber durchaus: „Ich bin jetzt seit ungefähr zehn Jahren für Rettungsaktionen in höchster Not zuständig und kann mich nicht erinnern, dass jemals in derart vielen Weltgegenden ein solch akuter Notstand herrschte.“

Das DEC, dessen Hilfsaufrufe in der Regel über einen Zeitraum von sechs Monaten laufen, forciert zu Normalzeiten durchschnittlich anderthalb Aktionen pro Jahr. 2014 gelten sie dem Gazastreifen und Syrien. Doch müsste man sich gleichermaßen um den Südsudan kümmern, wo nach jetzt acht Monaten Bürgerkrieg schätzungsweise zehntausend Menschen getötet und 1,5 Millionen vertrieben worden sind, während fünf Millionen dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

„Wir haben bereits offiziell erklärt, dass es längst einen Südsudan-Aufruf geben müsste. Größenordnung und Dauer des Konflikts rechtfertigen, dass etwas passieren muss“, so Brendan Paddy. „Unsere Mitarbeiter könnten dort unten sehr viel bewirken, vorausgesetzt, ihnen stehen die nötigen Ressourcen zur Verfügung. Aber die fehlen.“ Daher sei ein Hilfsaufruf für den Südsudan durch das DEC nicht unmittelbar zu erwarten. Zwei miteinander zusammenhängende Faktoren, von denen der Erfolg abhängt, seien nicht gegeben: Öffentliche Aufmerksamkeit und die unumgängliche Präsenz einer Krisenregion in den Medien. Paddy sagt: „Egal, ob sie durch bewaffnete Konflikte, inkompetente Regierungen oder Naturkatastrophen verursacht werden – es liegt in der Natur von Hungerkrisen, dass sie sich langsam entwickeln. Bis sie ihren extremsten Punkt erreichen und vielleicht sogar eine tödliche Gefahr erkannt wird, denken die Medien gar nicht daran, darüber Tage oder Wochen kontinuierlich zu berichten. Dies jedoch ist für uns eine unverzichtbare Vorbedingung, wenn wir Geld sammeln, um uns Hilfe kaufen zu können. Ohne mediale Orchestrierung reagiert niemand.“ Auch wenn das zynisch klinge, aber das DEC könne es sich selbst nicht leisten, Hilfsaktionen zu proklamieren, die kein Geld einbringen.

Nordkenia, Gaza, Somalia …

Marie-Noëlle Rodrigue, Einsatzleiterin bei Médecins Sans Frontières, fühlt sich an das Jahr 2011 erinnert. Damals hatte die Organisation die Nachwahlkrise und den Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste, den in Tunesien ausbrechenden Arabischen Frühling, eine achtmonatige Masernepidemie in der Demokratischen Republik Kongo und die Cholera auf Haiti. „Das war hart, aber nichts gegen die Probleme, mit denen uns heute die Ebola-Epidemie konfrontiert. Sie sind extrem spezifisch, es werden Fachleute benötigt, die Erfahrung im Umgang mit hämorrhagischem Fieber haben. Wir brauchen dringend Mitarbeiter im medizinischen und nichtmedizinischen Bereich und finden sie nicht, weil die Risiken zu hoch sind. Ebola, die Trümmerwüste in Gaza und das Flüchtlingselend in Kurdistan hindern uns leider, ein Engagement in der Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan aufrechtzuerhalten.“

Doch nicht alle befällt solcher Pessimismus. „Es ist viel los im Moment – aber beispiellos ist die Situation beim besten Willen nicht“, glaubt Jane Cocking von der britischen Hilfsorganisation Oxfam. „Vor drei Jahren hatten wir es fast mit mehr mittleren und teils großen Krisen zu tun als im Augenblick. Denken Sie an die Ernährungskrise am Horn von Afrika, die Millionen heimsuchte, die Kämpfe und Vertreibungen in der Demokratischen Republik Kongo, eine Flut in Pakistan und den drastischen Lebensmittelmangel im Jemen. Außerdem zeichneten sich die Anfänge des syrischen Bürgerkriegs ab.“

Dass so viele Notsituationen zusammenkämen, passiere immer wieder. „2005 zum Beispiel war das Jahr des Tsunamis in Südostasien, des Darfur-Konflikts und eines schweren Erdbebens in Pakistan. Der Unterschied zu heute ergibt sich aus den vielen Kriegen, die alles überlagern und kein Ende nehmen. Völlig zu Unrecht geraten deshalb Somalia oder Nordkenia, wo die Unterernährung in der erwachsenen Bevölkerung enorm hoch ist, in den Hintergrund. Erst falls es wieder zu Plünderungen und Pogromen kommt wie in Kenia Ende 2007, wachen alle auf. Wenn es zu spät ist. Aber das soll nicht etwa heißen, dass man wegen Nordkenia die Menschen in Gaza ihrem Schicksal überlässt.“

Allerdings müsse man sich darüber im Klaren sein, dass im Südsudan eine Hungersnot unausweichlich sei, weil dort der innere Frieden auf absehbare Zeit mutwillig zerstört worden sei. „Dieses Desaster wird Länder in der Umgebung wie Äthiopien, Uganda und Kenia nicht verschonen. Deshalb sind wir verzweifelt darum bemüht, die Regierungen in Europa und die Vereinten Nationen dafür zu sensibilisieren. Aber da es all diesen Staaten an geopolitischer Signifikanz fehlt, stehen wir so gut wie auf verlorenem Posten.“

Sam Jones ist Reporter des Guardian. Zurzeit beschäftigt sich Jones vor allem mit globalen Entwicklungen

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Sam Jones | The Guardian

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