Nichts für die Ewigkeit

Turner Prize Schon wieder ein Mann: Mit einem Fresko aus Blattgold gewinnt Richard Wright gewinnt den Turner-Preis. Er schafft Werke für den Augenblick

Er sei „geschockt, überrascht und sprachlos“, sagte der Gewinner des renommiertesten britischen Kunstpreises, den er für sein feinteiliges und unverschämt schönes Fresko aus Blattgold verliehen bekam. Der in Glasgow lebende Richard Wright (49) bekam den mit 25.000 Pfund Sterling dotierten Turner-Preis in der Tate Modern am Sonntagabend von der britischen Hofdichterin Carol Ann Duffy verliehen.

Wright trug bei der Preisverleihung eine eng anliegende Hose aus kariertem Schottenstoff. Er zeigte sich überrascht und berührt von der Reaktion jener Ausstellungsbesucher, die „vielleicht erwartet hatten, etwas Schreckliches zu sehen zu bekommen“.

„Eben diese positive Reaktion hatte ich mir erhofft. Mir geht es nicht in erster Linie um den Gewinn des Preises.“ Aber wie jeder andere habe auch er Rechnungen zu bezahlen. Und hierauf werde er nun auch das Preisgeld verwenden.

Für das unbetitelte Wandbild für die Turner-Ausstellung griff Wright auf die filigranen Techniken der Freskenmaler der Renaissance zurück, zeichnete eine Vorlage auf Papier und übertrug diese dann in einer, wie er selbst sagte „unglaublich mittelalterlichen Art und Weise“ auf die Wand. Er stach Löcher in die Vorlage und rieb Kalk hindurch, um so den „Schatten einer Arbeit“ an die Wand zu bekommen. Dann wurde die Zeichnung mit Klebstoff bestrichen und mit Blattgold ausgelegt.

Nichts bleibt

Trotz der großen Mühe, die auf die Arbeit verwendet wurde, wird das Bild zu Ende der Ausstellung am dritten Januar mit weißer Dispersionsfarbe übermalt werden und damit für immer verloren gehen. Das macht Wright bei seinen Wandgemälden immer so. Keines von ihnen soll die Umstände überdauern, unter denen sie in Auftrag gegeben wurden. „Mich interessiert die Zerbrechlichkeit des Augenblicks, in dem man etwas tut, deshalb hebe ich ihn hervor. Wenn man eine Arbeit sieht, von der man weiß, dass sie nicht bleiben wird, dann verleiht das dem Augenblick ihrer Existenz mehr Gewicht.“ Als ich ihn danach frage, was er bei der Zerstörung seiner Arbeiten empfinde, antwortet er: „Manchmal ist es das Gefühl, etwas zu verlieren, manchmal bin ich aber auch erleichtert.“

Wright begann seine Karriere mit figurativen Gemälden auf Leinwand, wechselte dann aber zu abstrakten Wandgemälden und zerstörte alles, was er zuvor auf Leinwand gemalt hatte. „Meine Gemälde waren Schrott. Ich hatte das Gefühl, die Dinge, die mich beeinflusst hatten, stammten aus einer anderen Zeit. Ich wollte etwas schaffen, das Teil dieser Welt ist.“ Den Entschluss, die Malerei aufzugeben, nennt er „befreiend“. „Man muss nicht mehr alle diese Dinge mit sich herumschleppen.“

Wright könnte als Gegenstück zu jenen Turner-Preis-Kandidaten angesehen werden, die auf dem Höhepunkt des Young-British-Artists-Booms für Schlagzeilen sorgten und Kontroversen provozierten. Da seine Arbeiten weder transportiert, noch ge- oder verkauft werden können, stehen sie per se schon immer außerhalb des Kunstmarktes. Jede von ihnen wird für eine ganz bestimmte Umgebung geschaffen.

Bei der Arbeit für die Turner-Ausstellung ließ er sich von einer Reise von Schottland nach London inspirieren, bei der er eine Nacht im Bus nach London verbrachte, einen Tag in der damaligen Tate Gallery ein einziges Gemälde betrachtete und dann wieder eine ganze Nacht lang nach Hause fuhr. Man kann in dem Fresko, das aus der Entfernung sehr abstrakt wirkt, wenn man es aus der Nähe betrachtet, daher durchaus Formen entdecken, die eine hervorbrechende Sonne oder Wolken andeuten, die an die Landschaften Turners oder auch die Aquarelle von William Blake erinnern, die an anderer Stelle ebenfalls in der Galerie zu sehen sind.

Dies war Wrights letzte Gelegenheit, den Turner-Preis zu gewinnen, denn er ist 49 und der Preis wird nur an Künstler verliehen, die ihr 50. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Der 1960 in London Geborene zog schon als Kind nach Schottland und studierte später dann an den Kunsthochschulen in Edinburgh und Glasgow. Für den Turner-Preis nominiert wurde er aufgrund einer Ausstellung bei der 55. Carnegie International in Pittsburgh sowie einer Show in der Ingleby Gallery in Edinburgh. Er konnte sich gegen drei andere Künstler durchsetzen, die für den Preis nominiert worden waren: Enrico David, die ebenfalls aus Glasgow stammende Lucy Skaer und Roger Hiorns.

Alle Nominierten erhalten eine Summe von 5.000 Pfund. Die diesjährigen Juroren waren Charles Esche, Direktor des Van-Abbemuseum in Eindhoven; die Fernsehmoderatorin Mariella Frostrup, die Direktorin der Folkstone Triennale Andrea Schlieker und Jonathan Jones, ein Kunstkritiker des Guardian. Den Vorsitz der Jury hatte Stephen Deuchar, der gegen Ende des Monats von seinem Job als Chef der Tate Britain zurücktreten wird.

Bei der Preisverleihung sagte Tate-Direktor Nicholas Serota, im gegenwärtigen wirtschaftlichen Klima stiege die Zahl der Museumsbesucher an und die Theater seinen voll. „In diesem Klima ist die Arbeit von Künstlern wichtiger denn je.“

Übersetzung: Holger Hutt

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16:30 08.12.2009
Geschrieben von

Charlotte Higgins, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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