Nabila Ramdani
11.01.2011 | 16:45

Nichts mehr zu verlieren

Algerien Obwohl das Land seit 2000 über 600 Milliarden Dollar durch seine Öl- und Gas-Exporte eingenommen hat, leben ganze Landesteile und fast eine Generation in Armut

Wenn man sich die Gesichter der Demonstranten auf den Straßen der algerischen Städte ansieht, fällt ganz besonders auf, wie jung sie sind. Das Durchschnittsalter in diesem nordafrikanischen Land beträgt 27 Jahre, denn über 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 30. Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum überraschend, dass die Mehrheit derer, die gegen galoppierende Lebensmittelpreise und Massenarbeitslosigkeit auf die Straße geht, kaum dem Teenageralter entwachsen ist.

Viele von ihnen haben nur wenig persönliche Erinnerungen an den erbitterten Bürgerkrieg, der das Land über ein Jahrzehnt lang bis nach 2000 gespalten hat, geschweige denn an den Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht Frankreich, der 1962 mit der Unabhängigkeit endete. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass beide Kriege das Bewusstsein der jungen Demonstranten entscheidend beeinflussen. Als die französische Fremdherrschaft endete, taten die aufeinander folgenden algerischen Regierungen ihr Möglichstes, um eine von westlichem Einfluss freie algerische Identität zu formen. Nach 132 Jahren Fremdherrschaft wurde die absolute Unabhängigkeit als Devise ausgegeben und eine zwangsweise Arabisierung der Gesellschaft vollzogen, während sich ausländische Unternehmen und Investitionen zurückgewiesen sahen. Nur so, glaubte man, sei eine freie Nation möglich.

Der Gewalt ausgeliefert

Englisch als internationale Geschäftssprache wurde in Schulen und Universitäten ignoriert ebenso „ausländische“, moderne Fächer wie Handel und Marketing. Das Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus aus Übersee wurde im Bürgerkrieg islamischer Rebellen gegen eine gewählte Regierung sogar noch stärker, da jede der beiden Seiten ihre nationale Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen wollte, um die Sympathien der Bevölkerung zu erlangen. Dies führte dazu, dass Generationen mit der Gewalt aufwuchsen, ohne auf ein wirtschaftliches Know-How zurückgreifen zu können, um dieser Gewalt zu entfliehen. Die Regierungen unternahmen wenig, um eine vernünftige soziale Infrastruktur zu schaffen, die ein Fundament der Demokratie sein konnte.

„Algerien ist eines der Länder mit der weltweit jüngsten Bevölkerung, aber junge Algerier wie ich sind nicht fähig, in der modernen Welt zu bestehen“, sagte der 24-jähirge Lahcène Bouzinae. „Meiner Generation wurde beigebracht, stolze Algerier und Araber zu sein, aber nicht, wie man sich in der globalen Wirtschaft behauptet. Wenn unser eigenes abgeschottetes Wirtschaftssystem zusammenbricht, wie dies im Augenblick geschieht, haben wir keine Chance mehr. Das führt zu Frustration und Wut.“ 

Oder noch schlimmer

Als ich am Wochenende mit Bouziane in Algier sprach, führte Präsident Abdelaziz Bouteflika gerade Krisengespräche über den Preis von Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Speiseöl und Zucker, die sich im Dezember verdoppelt haben. Die Lage hat sich verschärft, seit vor Tagen der 18-jährige Azzedine Lebza zum ersten Todesopfer des Aufruhrs wurde. Es geschah in Ain Lahdjel, 250 Meilen südöstlich von Algier, als der Junge durch den Schuss eines Polizisten getroffen wurde. Noch am selben Tag folgte der 32-jährige Akriche Abdel-Fattah in Bou Smail.
Anstatt Ursachen der Wut zur Kenntnis zu nehmen, die die Menschen auf die Straße treibt, sucht Bouteflika nach einer schnellen Lösung der Krise, indem er Steuern und Importzölle kürzt. Angesichts des gescheiterten Bildungssystems, des Mangels an Arbeitsplätzen, an staatlicher Infrastruktur und an bezahlbarem Wohnraum sehen viele keinen Ausweg mehr.

Trotz der reichlichen Öl- und Gasvorräte des Landes – Algerien hat während Bouteflikas zwölfjähriger Amtszeit mehr als 600 Milliarden Dollar eingenommen – vergehen ganze Landesteile in Armut. Es gibt viele Slums am Rand großer Städte wie Algier. Deshalb versuchen jedes Jahr Tausende junger Leute das Land zu verlassen, die meisten besteigen kleine Fischerboote, um nach Spanien, Frankreich oder Italien zu gelangen. Dort hoffen sie darauf, arbeiten und Geld nachhause schicken zu können. So ist der Begriff „harragas“ entstanden, was wörtlich „die, die [Grenzen] niederbrennen“ bedeutet. Wenn sie in Europa ankommen, verbrennen die Flüchtlinge ihre Papiere, um ein neues Leben anzufangen. 

„Eltern sehen regelmäßig zu, wie ihre Kinder verschwinden“, sagte mir ein Universitätsprofessor. Sie verschwinden in die Schattenwirtschaft oder auf andere Kontinente oder noch schlimmer: sie ertrinken im Mittelmeer. Die blieben, begehren nun gegen den Staat auf, der sie völlig im Stich gelassen hat. Alles, was sie gelernt haben: die Gewalt ist überall!“

Nabila Ramdani ist eine in Paris geborene Journalistin, deren Eltern aus Algerien stammen, s. auch nabilaramdani.com

Übersetzung: Holger Hutt