Nieder mit dem Kunstrasen!

Astroturfer Im Netz tobt längst ein subtiler Cyberwar. Die Gewinner sind nicht die kleinen Leute, sondern Gutsherren und ihre Söldner

Vergangene Woche haben wir das Online-Pendant zu den englischen Enclosure Riots erlebt – jenen Protesten, mit denen sich die Bauern in der Frühphase des Kapitalismus die Privatisierung und Einfriedung des zuvor gemeinschaftlich genutzten Landes wehrten. Damals wurden Zäune eingerissen und Heuhaufen in Brand gesteckt – nun ist eine Hacker-Armee in die Hoheitsgebiete von Mastercard, Visa, Paypal und Amazon eingedrungen und hat dort die Zäune niedergerissen, weil diese Unternehmen versucht haben, Wikileaks vom Cyber-Gemeingut auszuschließen. Bei dieser Wikileaks-Prügelei scheinen die kleinen Leute die Oberhand zu haben. Doch es ist nicht die einzige Schlacht. Es tobt ein wesentlich umfassenderer Cyberwar, von dem man weit weniger hört. Und in den meisten Fällen gewinnen ihn die Gutsherren, mit Hilfe eines Söldnerheers.

Ich spreche hier nicht über die Bedrohungen, denen die Netzneutralität ausgesetzt ist oder die Gefahr, dass sich ein Zweiklassen-Internet entwickeln könnte – auch wenn beide real sind. Ich spreche über die tagtäglichen Versuche, Inhalte im Netz im Interesse des Staates und von Firmen zu kontrollieren und zu beeinflussen: Geld ist hier alles.

Die Waffe, derer sich sowohl Regierungen als auch Akteure aus der Wirtschaft bedienen, lautet Astroturfing. Eine Astroturf-Kampagne (engl. astroturf = dt. Kunstrasen) imitiert die spontane Mobilisierung einer Grasswurzelbewegung, obwohl sie in Wirklichkeit straff durchgeplant ist. Jeder, der zum Beispiel auf Mandarin ein kritisches Stück über die chinesische Regierung schreibt, wird vermutlich von vermeintlich gewöhnlichen Bürgern, die über die Verleumdung ihres Landes bestürzt sind, mit Beschimpfungen bombardiert.

Doch viele von ihnen sind nicht bestürzt: Sie sind Anhänger der so genannten „50-Cent-Partei“  und bekommen von der chinesischen Regierung für jeden Kommentar, den sie posten, fünf Mao (einen halben Yuan). Ganze Teams solcher Sockenpuppen werden von der Partei angeheuert, um kritische Stimmen zu übertönen und intelligente Debatten zum Entgleisen zu bringen.

Scharfe Attacken gegen Wissenschaftler

Ich wurde 2002 zum ersten Mal mit Astroturfing konfrontiert, als Andy Rowell und Jonathan Matthews eine Reihe von Kommentaren unter die Lupe nahmen, die unter den Usernamen Mary Murphy und Andura Smetacek gepostet worden waren. Murphy und Smetacek hatten auf mehreren Internet-Foren scharfe Attacken gegen einen Wissenschaftler gefahren, dessen Forschungsarbeiten nahelegten, dass mexikanischer Mais großflächig mit genmanipulierten Pollen verunreinigt worden war.

Rowell und Matthews fanden heraus, dass eine der Nachrichten, die Mary Murphy geschickt hatte, von einer Domain kamen, die der Bivings Group gehörte – einem PR-Unternehmen, das auf Internet-Lobbyismus spezialisiert ist. Auf der Seite von Bivings stand in einem erklärenden Artikel: „Es gibt einige Kampagnen, bei denen es unerwünscht, ja katastrophal wäre, das Publikum wissen zu lassen, dass unsere Organisation direkt involviert ist ... Message Boards, Chatrooms und Listservs sind eine großartige Möglichkeit, um anonym zu kontrollieren, was gesagt wird. Wenn man sich erst einmal in diese Welt eingeschaltet hat, dann ist es möglich, dort Nachrichten zu hinterlassen, mit denen man wie eine unbeteiligte, dritte Partei wirkt.“

Auf der Seite von Bivings wird außerdem ein leitender Angestellter des Biotech-Konzerns Monsanto zitiert, der dem PR-Unternehmen für seine „herausragende Arbeit“ dankt. Als einer der Vorstände von Bivings in der Sendung Newsnight mit diesen Vorwürfen konfrontiert wurde, gab er zu, dass die E-Mails unter dem Namen „Mary Murphy“ von jemandem verschickt wurden, „der für Bivings arbeitete“ oder „Kunden, die unsere Dienste in Anspruch nehmen.“ Rowell und Matthews entdeckten daraufhin, dass die IP-Adresse der Andura-Smetacek-Nachrichten der Monsanto-Zentrale in St. Louis, Missouri gehörte. Was die Geschichte besonders schön macht: AstroTurf – der echte Kunstrasen – ist ein Produkt, das von Monsanto entwickelt und patentiert worden ist.

Beschimpfungen und Störungen

Wenn ich die Kommentare auf guardian.co.uk und anderen Seiten verfolge, springt mir zweierlei sofort ins Auge. Erstens werden die Debatten dort, wo es nicht um Geld geht, tendenziell wesentlich zivilisierter geführt, als wenn es um Themen geht, die Firmen Milliarden kosten können, wie etwa der Klimawandel, die Gesundheitsvorsorge oder Unternehmenssteuern. In Debatten über solche Themen fällt oft ein unglaubliches Level an Beschimpfungen und Störungen auf.

Artikel, in denen es um Umweltschutz geht, sind von solchen Strategien am stärksten betroffen. Ich liebe Diskussionen und durchwate gerne die Threads unter meinen Kolumnen. Doch ich mache dabei frustrierende Erfahrungen. Anstatt dass sie meine Themen anfechten, bombardieren mich viele, die nicht meiner Meinung sind, mit kindischen Beschimpfungen oder erzählen immer wieder das gleiche Märchen, egal wie oft man es schon widerlegt hat. Dadurch ist sichergestellt, dass eine intelligente Diskussion beinahe unmöglich ist – und darum scheint es zu gehen.

Und zweitens fällt ein enger Zusammenhang zwischen solchen Strategien und einer bestimmten Weltsicht auf: unternehmerfreundlich, gegen Steuern und Regulierungen. Sowohl die traditionellen Konservativen als auch die traditionellen Progressiven scheinen eher geneigt, ein Thema zu diskutieren, als diese Rechts-Libertären, von denen es vielen nur darum geht, eine Debatte kaputtzumachen.

Organisierte Bremse für Information

Was geht da vor sich? Ich möchte nicht behaupten, dass die meisten, die solche Diskussionen zum Entgleisen bringen, dafür bezahlt werden, obgleich es mich überraschen würde, wenn es keinen gäbe. Aber ich behaupte, dass einige der Versuche, die Verbreitung von Informationen zu bremsen, organisiert wirken und dass weder die Anbieter der Webseite noch die anderen Kommentatoren wissen, wie sie darauf reagieren sollen.

Taki Oldham hat für seinen Film (Astro)TurfWars mit verdeckter Kamera ein Training der rechts-liberGruppe American Majority gefilmt. Der Trainer Austin James brachte Mitgliedern der Tea Party bei, wie man „das Medium manipuliert“. Was er ihnen sagte? „So mache ich es. Ich gehe auf Amazon; ich gebe „linksliberale Bücher“ ein. Dann gehe ich sie alle durch und sage „ein Stern, ein Stern, ein Stern“. Das Gegenstück ist die Eingabe der Worte „konservativ“ oder „libertär“, dann gehen ich auf die Produkte und verteile fünf Sterne ... Hier kriegen Ihre Kinder ihre Informationen her: Rotten Tomatoes, Flixster. Dort können Sie Filme bewerten. Wenn Sie „Filme über die Gesundheitsvorsorge“ eingeben, dann möchte ich, dass da keine Michael Moores erscheinen, also bewerte ich die immer schlecht. Ich verbringe damit etwa 30 Minuten am Tag, Klick, klick, klick, klick ... Wenn es die Möglichkeit gibt, Kommentare zu schreiben, eine Bewertung abzugeben, Informationen zu teilen, dann ist das ein Muss. So können Sie den Online-Dialog kontrollieren und unseren Ideen eine reelle Chance verschaffen.“

American Majority wird zu gut 75 Prozent von der Sam Adams Alliance finanziert. Im Gründungsjahr 2008 stammten 88 Prozent der Gelder der Sam Adams Alliance aus einer einzigen Quelle, die 3,7 Millionen Dollar gespendet hatte. Das bedeutet also, dass eine Person oder eine Firma mit einer äußerst großen Brieftasche für die Entstehung einer Gruppe gesorgt hat, die Rechts-Libertäre darin ausbildet, im Internet demokratische Prozesse zu stören.

Das Internet ist ein beachtliches Geschenk, das uns eine der weitreichendsten demokratischen Möglichkeiten seit dem allgemeinen Wahlrecht eröffnet hat. Doch wir laufen Gefahr, dieses globale Gut zu verlieren, da es den Angriffen einer Armee von Trollen und PR-Fuzzis ausgesetzt ist, von denen viele organisiert und mit spezieller Ausbildung handeln. Die Frage, die sich uns allen – dem Guardian, anderen Webseiten und jedem, der vom Internet profitiert – stellt, lautet: Wie wollen wir dagegen vorgehen? Es ist Zeit, dass wir zurückschlagen und das Internet für das zurückerobern, wofür es am besten geeignet ist: Fragen auf den Grund gehen, Ideen überprüfen und die Debatte öffnen.

Übersetzung: Christine Käppeler
10:30 15.12.2010
Geschrieben von

Georges Monbiot | The Guardian

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