Nonne mit Mission

Spanien Teresa Forcades ist Benediktinerin und Idol der Protestbewegung gegen Spardogmen und Austerität – so radikal und entschlossen wie sie sind nur wenige
Giles Tremlett | Ausgabe 22/2013 20
Nonne mit Mission

Bild: Lluis Gene / AFP / Getty

Das Tacho von Teresa Forcades ramponiertem Peugeot zeigt 130 Stundenkilometer an. Spaniens berühmteste Nonne redet unablässig und scheint die Schilder nicht zu bemerken, die auf der Autobahn am Fuße des Montserrat, Kataloniens heiligem Berg, die Höchstgeschwindigkeit 80 vorschreiben. Aber sie hat es eilig, den Bahnhof von Barcelona zu erreichen, soll sie doch in Valencia eine Rede halten. Der nächste Auftritt folgt anschließend auf den kanarischen Inseln.

Aufstände sind möglich

Forcades ist auf Tour, um ihr radikales Manifest für einen politischen Wandel vorzustellen. Das Haar verhüllt mit dem schwarzen Schleier der Benediktinerinnen, hat sie sich als eine der unerschrockensten Figuren der schwer zersplitterten radikalen Linken Südeuropas profiliert. Während sie das Gaspedal durchdrückt, schwärmt sie von Syriza, der griechischen Linken, die zur zweitstärksten Partei eines in wirtschaftlichen Trümmern liegenden Landes aufgestiegen ist.

„Die Krise in Spanien hat einen Punkt erreicht, an dem sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet“, meint Forcades. „Dieser Zusammenhalt ist in Griechenland bereits zerstört. Die Unsicherheit wächst immer schneller, und die Leute wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Es besteht die Gefahr, dass es zu Aufständen kommt.“ In ihrem Papier plädiert sie daher für einen total umgekrempelten Staat, verstaatlichte Banken und Energieversorger sowie einen Austritt aus der Nato. Sie will den Geist der „Indignados“, der Empörten, wiederbeleben, die 2011 in Spanien viele Plätze besetzten und nicht mehr räumen wollten. „Für mich wie viele andere“ – so Forcades – „wurde es unumgänglich, sich einzumischen. Ich dachte, man sollte die Unzufriedenen sammeln, um das tiefe Gefühl der Enttäuschung zu kanalisieren. Ich will keine Partei gründen oder bei Wahlen antreten. Das ist keine Mission für eine Benediktinerin.“

Die 48-jährige Forcades taucht regelmäßig im Regionalfernsehen auf – wenn sie argumentiert, wird die Befreiungstheologie ebenso bemüht wie Marx’ Mehrwerttheorie oder die Finanztransaktionssteuer. Häufig kommt sie auf Hildegard von Bingen und benediktinische Ordensregeln zu sprechen, die ihr Leben prägen. 2009 fand sie bei einem Besuch Venezuelas ein Land vor, das nichts mit den kritischen Berichten spanischer Zeitungen zu tun hatte. „Ich erlebte, wie Leute vom Rand der Gesellschaft das Wort ergriffen, weil sie überzeugt waren, dass ihre Gedanken für die Politik des Landes von Bedeutung waren. Sie hatten das Gefühl, wichtig zu sein, was für eine Demokratie unerlässlich ist.“ Weil sie aus christlicher Überzeugung die Schwachen schützen wolle, müsse sie ein heuchlerisches System angreifen, das Waren und Kapital ungehindert die Grenzen passieren lasse – Arbeitskräfte aber nicht. „Wir haben heute einen Kapitalismus, der Rechte und Bedürfnisse der Menschen einfach ausgeblendet. Dieses System kann sich rühmen, dass Steuern auf Brot höher sind als die auf Finanzspekulationen.“

Berühmt wurde Forcades vor vier Jahren durch ihre drastische Polemik gegen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Pharmaunternehmen wegen der Impfmittel gegen Schweinegrippe. Ein Video, in dem sie über die von der Immunisierung ausgehenden Gefahren sprach, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. „Dass in der Politik Entscheidung getroffen werden, ohne seriös geprüft zu sein, das machte mich sprachlos.“ El País geißelte die Nonne daraufhin als „paranoide Verschwörungstheoretikerin“, die mit Halbwahrheiten und der Autorität ihres religiösen Standes Angst verbreite. Doch Forcades, die in den USA Medizin studierte und später promovierte, ließ sich nicht beirren: Sie habe sich vor der Aufnahme des Videos – eines von inzwischen 95 auf ihrem Youtube-Kanal – drei Monate lang mit der Impfkampagne beschäftigt. „Sie beruhte nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern diente den Interessen großer Pharmaunternehmen.“ Auch sei versucht worden, individuelle Rechte zu beschneiden, indem man versuchte, einen Impfzwang zu rechtfertigen.“

Andere auf die Probe gestellt

Auf dem Bahnhof Barcelona-Sants nähert sich ein Mann mittleren Alters und küsst ihr die Hand. Eine Frau mit blonden Kraushaaren grüßt sie wie eine alte Freundin. Kennt sie die beiden? „Nein.“ Geschieht ihr das häufig? „Ja.“ Allerdings fragen sich in Barcelona viele ihrer Sympathisanten, wie Forcades als linke Feministin einer frauenfeindlichen Kirche angehören kann, die Verhütung ablehnt und Abtreibungen bestrafen will.

Ehe Teresa Forcades 1997 das Gelübde ablegte, stellte sie andere Nonnen auf die Probe, indem sie eine Rede über homosexuelle Katholiken hielt, die ihre Sexualität als Gottesgeschenk ehrten. Die freundliche Reaktion ihrer Zuhörerinnen empfand sie als Einladung, dem Orden beizutreten. Zu dieser Zeit hatte sie bereits Medizin studiert und sich in Harvard für einen Master in Theologie eingeschrieben. Die Nonnen ermunterten sie, das Studium aufzunehmen und sich ihnen als „öffentliche Intellektuelle“ anzuschließen; sie bewilligten Forcades sogar eine Sekretärin und gaben ihr völlige Freiheit, selbst über den Ort ihrer Studien zu entscheiden.

Für Forcades hat das Klosterleben nichts Bedrückendes. „Der Mythos, Frauen könnten keinen Wasserhahn reparieren, löst sich schnell in Wohlgefallen auf, wenn es keine Männer gibt.“ Hinter Klostermauern hätten Frauen oft größere Freiheit genossen als außerhalb. Den Zustand des Weltkatholizismus beschreibt sie so: „Meine Kirche ist noch immer frauenfeindlich und patriarchal. Das muss sich so schnell wie möglich ändern.“

Giles Tremlett ist Publizist und Buchautor Übersetzung: Sven Scheer

Teresa Forcades schwärmt von Syriza und ist regelmäßig im TV zu Gast. Geprägt wurde sie von Karl Marx, der Befreiungstheologie und von Hildegard von Bingen

09:00 04.06.2013
Geschrieben von

Giles Tremlett | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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