Nun beginnt die eigentliche Schlacht

Libyen Nach dem blutigen Ende Muammar al-Gaddafis muss der Übergangsrat möglichst bald eine neue Regierung formieren und die nationale Einheit des Landes bewahren

Dass Mummar al-Gaddafi nicht mehr da ist, wird für die neue libysche Regierung – wie auch immer diese letztlich zusammengesetzt sein wird – eine große Erleichterung darstellen. Der gestürzte Autokrat verfügte über Milliarden Dollar und drohte damit, dieses Vermögen einzusetzen, um einen Aufstand gegen die Revolution zu führen und diese zum Scheitern zu bringen.

Trotzdem hätte die neue Regierung Gaddafi wohl lieber lebend gefangen genommen, um ihm den Prozess zu machen, wie die irakische Übergangsregierung dies 2004 mit Saddam Hussein getan hat. Ein solcher Prozess – wäre er in Tripolis abgehalten worden – hätte entweder die Vorzüge der jungen libyschen Justiz oder – hätte er vor dem Internationalen Gerichtshof in den Haag stattgefunden – die neue Einbindung Libyens in die internationale Gemeinschaft demonstrieren können.

Gaddafi ist offenbar lebendig gefangen genommen worden und hat entweder bis zum Letzten gekämpft – wie er das in seiner letzten Fernsehansprache versprach. Oder man nahm kurzerhand Rache an ihm. Wie auch immer die Wahrheit aussieht – die Bilder seines letzten Kampfes werden diejenigen stärken, die ihm weiter die Treue halten. Man sollte sich nicht darüber hinweg täuschen, dass viele sein Ableben aus Eigeninteresse oder Stammesloyalität bedauern werden.

Umstrittene Galionsfiguren

Nach dem Tod Gaddafis beginnt die wirkliche Schlacht: Der Aufbau einer vereinigten Regierung, die über einem geeinten Land steht – kein einfaches Unterfangen. Der Nationale Übergangsrat, aus dem diese Regierung hervorgehen wird, muss glaubhafte Führer finden und sich auf eine Verfassung einigen. Allerdings haben sich innerhalb des Rates zwei eindeutig nicht miteinander vereinbare Elemente herauskristallisiert: Zum einen die zutiefst konservativen Islamisten, die es gern sähen, würde Libyen die Scharia als Eckpunkt des neuen Systems aufnehmen, zum anderen die säkularen Liberalen, die sich nach Demokratie im westlichen Stil sehnen.

Der derzeitige Premier Mahmoud Jibril verkündete am 30. September vor der UNO, dass er nicht Teil der neuen Regierung sein werde. Die Autorität dieses unbeliebten Politikers war immer wieder umstritten und ein Indiz dafür, worin die wirklich großen Herausforderungen bestehen, denen sich die künftige libysche Exekutive gegenüber sieht. Die islamistischen Milizen unter den Rebellen weigerten sich während des Kampfes gegen Gaddafi, Jibrils Kommando anzuerkennen. Der Präsident des Übergangsrates Mustafa Abdel Dschalil ist mit einem anderen Problem konfrontiert – seinen Weggefährten fällt es schwer, die von ihm beanspruchte revolutionäre Legitimation mit seiner vorigen Rolle als Gaddafis Justizminister in Einklang zu bringen. Er führte ein Ressort, das über systematische Folter und die Inhaftierung von Dissidenten waltete. Die mutigen und optimistischen jungen Menschen, die die wirklich treibende Kraft hinter der libyschen Revolution sind, halten Ausschau nach neuen Gesichtern an ihrer Spitze – doch die sind noch nicht in Sicht.

Eine andere Herausforderung wird angesichts der Beteiligung der NATO an dem Aufstand darin bestehen, Unabhängigkeit von ausländischer Intervention zu erreichen. Die libyschen Ölreserven sind die größten innerhalb Afrikas und ein verlockender Preis für die energiehungrigen Weltmächte. Darüber hinaus hat Libyen keine demokratische Vergangenheit, soziale Institutionen zur Verwaltung eines solchen Systems sind nicht einmal im Ansatz vorhanden. Da soll nicht heißen, dass das Land diese Herausforderung nicht bewältigen kann. Doch es bedeutet schon, dass die Nation quasi neu aufgebaut werden muss.

Ein Lackmustest

Als problematisch könnte sich auch der nationale Zusammenhalt erweisen: Libyen ist ein enorm großes Land, viermal so groß wie der Irak, Kommunikationsschwierigkeiten sorgen für die Festigung lokaler Sympathien und Einstellungen. Die Bevölkerung ist in der Stammeszugehörigkeit verwurzelt, einige Stämme – darunter mit den Warfalla auch einer der größten – waren gegenüber Gaddafi bis zum Schluss loyal und könnten Widerstand gegen die neue Regierung leisten. Viele libysche Städte sind durch die Bewaffnung im Kampf gegen die alte Regierung von Waffen überschwemmt. Für den Sicherheitsapparat der neuen Regierung könnte es sich als schwierig erweisen, auf friedlichem Wege eine allgemeine landesweite Entwaffnung zu erreichen. Einige Luft-Boden-Raketen libyscher Herkunft sind bereits im Sinai aufgetaucht.

Ein erheblicher Teil der Revolutionsarmee besteht aus islamistischen Kämpfern, von denen einige vorher Mitglieder der mit al Qaida in Verbindung stehenden Libyschen Kampfgruppe waren. Diese mit aus Gaddafis Depots stammenden Waffen ausgerüsteten Milizen stellen eine ernsthafte Bedrohung der nationalen Sicherheit dar. Die Al-Qaida-Formationen im islamischen Maghreb und der neue Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri haben sich in ihren Stellungnahmen bereits für den libyschen „Dschihad“ ausgesprochen. Was als nächstes passiert, ist – wie die anstehenden Wahlen in Tunesien und Ägypten - ein Lackmustest für den revolutionären Prozess in der arabischen Welt.
Was auch immer die Zukunft bringt, ist dieses blutige Ende einer blutigen Herrschaft anderen brutalen Staatschefs in der Region eine Warnung, dass sie dem Gezeitenwandel nicht entkommen können. Andere unterdrückte Völker im Nahen Osten könnten nun in Erwägung ziehen, ihren gemarterten arabischen Brüdern zu folgen und die eiserne Hand herauszufordern, die sie niederdrückt.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

15:20 21.10.2011
Geschrieben von

Abdel Bari Atwan | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 25/2021

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